GǎiDào-Artikelreihe zur AFem 2014

afem-bannerAuf dieser Seite findet ihr eine Übersicht aller Artikel der AFem2014-Reihe, welche in der Gaidao 2015 veröffentlicht worden sind. AFem2014 steht für die internationale anarcha-feministische Konferenz, die im Oktober 2014 in London stattgefunden hat. Mehr Infos gibt es hier

Im Rahmen der AFem2014-Reihe werden Berichte zur Konferenz und ihrer Bedeutung für die anarchistische Bewegung veröffentlicht. Es werden aber auch inhaltliche Mitschriebe und Auswertungen zu den angebotenen Workshops veröffentlicht sowie weitere Texte, die sich mit anarcha-feministischen Themen beschäftigen.

Was war AFem2014? (Gaidao Nr. 52 / April 2015)

Von: AFem2014 Organising Team / Übersetzung: m4rc0

AFem2014 war die erste von hoffentlich einer Reihe von internationalen anarcha-feministischen Konferenzen.
Der Tag bestand aus einigen Treffen, deren Themen sich immer wieder überschnitten und ergänzten. Mit den Ergebnissen am Ende der Konferenz konnte man nach Hause gehen und damit weiterarbeiten und darauf aufbauen. Diese Themenblöcke und Treffen wurden von POC (people of colour), Queers und Transpersonen, Sexarbeiter*innen, Menschen mit Behinderung, Opfer/Betroffene sexueller Gewalt und anderen selbst organisiert.
Der Blickpunkt im ersten Jahr lag hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, auf der anarchistischen Bewegung an sich und unserem Platz darin. Die Hürden, die uns an der vollen, politischen Beteiligung hindern, bleiben bestehen und werden von unserer eigenen Bewegung noch verstärkt. Wir begegnen den Fesseln und der Unterdrückung sogar in unseren eigenen Gruppen und Organisationen. Versuche, uns still zu stellen und lahm zu legen, unsere Ideen schlecht zu machen oder klein zu reden, sowie körperliche Übergriffe und Vergewaltigungen haben die Wut in uns wachsen lassen. Sowohl feministische Ideen, als auch die, die sich gegen Unterdrückung richten, sehen sich einer Gegenraktion ausgesetzt.
Wir organisierten diese Veranstaltung, weil unsere anarchistische Bewegung nicht wirklich „anarchistisch“ ist. Wir wollten dies nicht länger dulden.

Das Organisationsteam
Wir sind eine Gruppe von Anarcha-Feminist*innen verschiedenen Geschlechts und unterschiedlicher Hintergründe, die zusammen gekommen sind, um ein anarcha-feministisches Event zu organisieren. Wir wollten es nutzen, um gezielt auf die Umsetzung unserer eigenen Erfahrungen hinzuarbeiten und um die Institutionen und Ideen, die uns unterdrücken, zu Fall zu bringen.

Originaltext: https://afem2014.wordpress.com/afem2014-an-anarcha-feminist-conference-in-london-19102014/

Ein Bericht über AFem2014 (Gaidao Nr. 52 / April 2015)

Von: Claire (ein*e Organistor*in und Mitglied der britischen Anarchistischen Föderation) / Übersetzung und Anmerkungen: Leo

Was die Besucherzahl betrifft, waren es ca. 400 Leute. Die überwiegende Mehrheit waren Einzelpersonen und Leute, die in Kollektiven arbeiten, entweder als Anarcha-Feminist*innen oder Aktivist*innen, die sich mit sexistischer Unterdrückung beschäftigen.
Als offizielle Gruppen aus dem Vereinten Königreich (UK) nahmen lokale und föderationsweite Gruppen der britischen Anarchistischen Föderation teil, der Solidarity Federation (IWA) (1), die “Sex Workers Open University” (2) sowie die feministische Bibliothek.
Offizielle Gruppen aus dem Ausland waren Workers Solidarity Movement (Irland) (3), Black Rose (USA) (4) und IWA (Polen) (5). Von der IFA (6) waren die italienische Föderation, die deutschsprachige, slowenische und französischsprachige Föderation vertreten; über Skype eine iranische Gruppe im Exil, eine US-Amerikanische von Black Rose und jemand von La Alzada (7) in Chile; und natürlich die Spanier*innen, welche so viel zu dem Treffen beitrugen, an welchem sie teilnahmen.
Einzelpersonen aus anderen Ländern kamen aus den USA, Kanada, Irland, Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, Polen, Tschechien, Brasilien und Australien.

Was die Kontakte betrifft gibt es enge zwischen der britischen Anarchistischen Föderation und Black Rose. Und wir besprachen mit der IWA UK und Polen auf einem gemeinsamen Treffen den Konferenzort. Die Organisierenden bezeichnen sich beinahe alle als das, was wir soziale Anarchist*innen nennen, würde ich sagen. Sie sind großartige Gefährt*innen und die britische Anarchistische Föderation will sicherlich wieder mit ihnen zusammenarbeiten. Aber wir werden eine Unterstützungsstruktur für uns aufbauen müssen.

Auf unserem Webblog und der Facebookseite kannst du Links zu Überlegungen von den Organisierenden finden sowie Aufschriebe zu Veranstaltungen, die am Tag der Konferenz stattfanden und Nachbereitungsartikel. Dies alles umfasst Berichte von/über :

Black Rose (LA und Chicago), die jeweils einen ausführlichen Bericht verfasst haben
Accountability-Verfahren
Disability-Treffen (8)
Safer spaces / Schutzräume
People of Colour
der Offenen Universität der Sexarbeiter*innen

Wir sind immer noch dabei zu entscheiden was wir in Zukunft tun wollen. Wir werden nicht noch einmal in der Lage sein so etwas großes im Vereinten Königreich zu organisieren.

Es war zu viel Arbeit für nur wenige Leute (tatsächlich waren wir ca. 20 Organisierende sowie weitere, die am Tag selbst mitgeholfen haben). Dies sieht nach ziemlich vielen aus, aber wir hatten zuvor noch nie zusammengearbeitet und mussten sehr viel Zeit aufwenden für den Aufbau von Strukturen, die sowohl funktional als auch gleichberechtigt sein sollten. Wir arbeiteten jede Woche viele Stunden, indem wir unsere Erwerbsurlaubszeit aufbrauchten, und andere anarchistische Aktivitäten litten darunter. Einige Leute zogen sogar extra ins Vereinte Königreich um bei der Organisation zu helfen!

Es war auch eine extrem anstrengende und stressige Erfahrung für die Organisierenden. Wir mussten uns mit ganz schön viel Kacke beschäftigen. Und obwohl wir froh sind, dass die Rückmeldungen fast durchweg positiv ausfielen, mussten wir uns vorab und am Tag selbst mit Angelegenheiten auseinandersetzen wie Rechtfertigungen von Vergewaltigung, Transphobie, Prostituiertenfeindlichkeit, Ageism (9), Islamfeindlichkeit, Rassismus und Sexismus, noch mehr Rechtfertigungen von Vergewaltigungen und einige einfach offensichtlich fiese Leute zu verschiedenen Zeiten. Aber allgemein betrachtet verdarb dies nicht die ganze Veranstaltung. Es wirkte sich nur schlecht auf die Organisierenden aus, dass einige andere Leute sich verhalten als “besäßen” sie Anarcha-Feminismus. Teilweise waren es Leute, die seit mehreren Jahren in der Bewegung sind.

Alles in allem kostete es ca. 3500 britische Pfund. Wir beschafften eine Menge Geld durch die Homepage und Spenden von Organisationen. Aber wir können diese Summe nicht jedes Jahr auftreiben.

Deshalb ist unser Ziel unsere Kontakte zu nutzen um beim Aufbau kleinerer Veranstaltungen zu helfen und diese für uns selbst zu starten.

Es gab Veranstaltungen und Treffen, welche von AFem ausgegliedert wurden oder durch AFem wahrscheinlicher gemacht wurden:

Black Rose (LA und Chicago) schreiben jeweils einen ausführlichen internen Bericht und veranstalten jetzt eine Reihe regionaler Austauschveranstaltungen, welche sowohl Bericht erstatten von AFem, als auch Ausgangspunkte für Diskussionen und Debatten über die Definition und Praxis von Anarcha-Feminismus sein sollen. Einige von Black Rose gehen gerade nach Chile um mit La Alzada zusammenzuarbeiten.

Black Rose Portland arbeitet gerade an einer ausführlichen Broschüre über Accountability-Verfahren.

Lokale Anarcha-Feminist*innen verfügen über eine engere Vernetzung und neue Gruppen wurden aufgebaut in Städten wie beispielsweise in Bristol “Bored of Patriarchy” (10).

Viele anti-authoritäre feministische Gruppen haben sich mit AFem vernetzt, wie du auf unserer social media Seite sehen kannst.

Es gab ein daran angeschlossenes Treffen für Trans-Angelegenheiten beim Peace News Camp

Es gab Treffen bei regionalen Buchmessen.

Anarcha-Feminismus wurde selbstbewusster in allgemeinere feministische Veranstaltungen eingeführt, zum Beispiel bei “Reclaim the Night” und beim “Ladyfest”.

Eine anarcha-feministische Veranstaltung fand in der Ukraine statt – “Good Night Machos” – es könnte einen Zusammenhang geben – oder auch nicht. Wir sind uns darüber nicht sicher.

Was wir hätten tun sollen/können, aber nicht taten.

Wahrscheinlich viele Dinge, einschließlich:
Wir haben uns um Benachteiligungsaspekte nicht so gut gekümmert wie wir gekonnt hätten. Zum Beispiel haben wir keine Ausdrucke in groß gedruckter Schrift bereit gestellt.

Wir haben kulturelle Aneignung nicht gut genug im Voraus angesprochen. Es gibt eine Menge Problemstellungen. Zum Beispiel mögen einige People of Colour weiße Leute nicht, die Dreadlocks tragen. Aber sollten die Organisierenden vorschreiben wie sie ihre Haare tragen sollen?

Wir hätten sowohl einen Ruheraum haben sollen, als auch einen Raum für Leute, welche in Ruhe reden oder Konflikte klären wollen.

Wir hatten “Food not Bombs” (11), aber sie waren nicht in der Lage jede Person mit Essen zu versorgen.

Alles in allem war es eine gelungene Veranstaltung und, so hoffen wir, ein Wendepunkt für Anarcha-Feminismus innerhalb unserer Bewegung und innerhalb einer breiteren Gesellschaft.

Endnoten:

(1) übersetzt „Solidaritäts-Föderation“, ein Zusammenschluss revolutionärer Gewerkschaftsinititativen
(2) übersetzt „offene Universität der Sexarbeiter*innen“
(3) übersetzt „Bewegung der Arbeitersolidarität“, versteht sich als anarcho-kommunistisch
(4) übersetzt „Schwarze Rose“
(5) IWA = International workers assoziation, übersetzt „Internationale Arbeiter*innen-Assoziation“, Zusammenschluss von anarcho-syndikalistischen Organisationen weltweit
(6) IFA = Internationale der anarchistischen Föderation, strömungsübergreifender weltweiter Zusammenschluss von anarchistischen Föderationen
(7) La Alzada ist eine feministische, libertäre Gruppe
(8) disability kann im deutschen u.a. die Bedeutungen “Behinderung” (allgemein und speziell körperlich/geistig), aber auch “Benachteiligung” haben
(9) Ageism , in etwa “Altersdiskriminierung“ übersetzt, bedeutet Benachteiligung aufgrund des Lebensalters
(10) übersetzt in etwa „vom Patriarchat gelangweilt“
(11) Food not bombs-Gruppen sind eine weltweite Bewegung von Gruppen, die nicht mehr verkäufliche Lebensmittel sammeln und daraus vegetarisches oder veganes Essen zubereitet

Originaltext: xxx

Antifaschismus: Was ein Mitglied der Berkshire-Antifaschist*innen einbrachte (Gaidao Nr. 53 / Mai 2015)

Von: Berkshire Antifascists / Übersetzung: Yori

Hier ist eine Version des Beitrags, welchen eines unserer aktiven Berks-Mitglieder zum Antifaschismus-Workshop bei der AFem-Konferenz gestern gehalten hat (1). Im Interesse ihrer Sicherheit wurde er geringfügig abgeändert um ihre Anonymität zu gewährleisten. Viel Spaß!
** TRIGGERWARNUNG **: Der Beitrag streift die Themen häusliche Gewalt sowie Kindesmisshandlung
Bevor ich meinen Vortrag beginne, möchte ich eine Triggerwarnung für einen kurzen Verweis auf Misshandlung innerhalb kultureller Abgrenzungen aussprechen.
Die beiden Aussagen, die ich in meinem heutigen Beitrag treffen möchte, lauten:
a) Gleichberechtigung für eine Gruppe muss Gleichberechtigung und Gerechtigkeit für alle bedeuten, dies ist die einzige Möglichkeit um Faschismus zu überwinden und wir müssen alle dieses Konzept anwenden
und
b) Die sogenannten Widersprüche, denen Antifaschist*innen gegenüberstehen, wenn sie für eine Vielzahl von Anliegen und mit einer Vielzahl von Gruppen kämpfen, besonders LGBT-Rechte (2) und Feminismus an der Seite von Antirassismus.
Faschismus und Rassismus stehen natürlich beide sowohl für eine unbestreitbar vielschichtige Diskussion als auch unzählige Pragmatismen bei der Definition. Meiner derzeitigen Ansicht und meinem Verständnis nach beruht der Faschismus auf das Letztgenannte in unserem aktuellen sozialpolitischen Klima um zu bestehen und darüber hinaus auf die nationalistische Agenda. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Drang nach einem nationalen Wunschbild nur erreicht werden kann durch die Ablenkung der Massen mittels der Ausrufung von Sündenböcken und der Elimination derjeningen, welche nicht in das Bild von Nation passen.
Um ein besseres Bild der Dynamiken zu erstellen, welche meine Auffassungen bilden und um diese Gedanken und meinen Blickwinkel als derjenige einer atheistischen, antifaschistischen Frau südasiatischer Herkunft zu behandeln, werde ich einige sehr spezifische Erfahrungen vorstellen.
Auf der einen Seite:
Indem ich häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung durch kulturelle Frauenfeindlichkeit erfahren habe und später dann eine komplette Ablehnung von dieser Kultur infolge meiner eigenen Überzeugungen und meines Lebensstils, erscheint es für einige Leute, dass ich eine Form von verwirrendem Stockholm-Syndrom (3) erlitten habe, aufgrund meines Engagements für Antifaschismus. Dies stellt für mich eine äußerst beleidigende Pocahontas-mäßige (4) Geschichte dar, welche rechtsgerichtete weiße Männer benutzen um ihre nationalistischen, konservativen Wunschbilder zu bestätigen.
Und was verschleiert wird, wenn man am anderen Ende des Spektrums steht:
Bei einem seltenen Einzelfall innerhalb des antifaschistischen Netzwerks habe ich eine Kostprobe von Sexismus erfahren. Ein junger Mann muslimischen Glaubens in der Gruppe weigerte sich mit mir öffentlich zu sprechen oder mir gegenüber grundlegende gesellschaftliche Freundlichkeit zu zeigen, sogar auf Demonstrationen. Mir wurde klar, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass ich eine junge asiatische Frau mit einem arabisch-muslimischen Namen bin, die sich öffentlich als Atheistin bezeichnet und in einer gemischten (5) Beziehung lebt.
Von fast allen anderen Männern, mit denen ich in diesem Netzwerk zusammengearbeitet habe, habe ich nur ein Zusammengehörigkeitsgefühl erfahren, keine geschlechtsspezifische Überlegenheit. Ich trage diese Aussage lediglich vor, weil sie nochmals einen verdrehten Blick auf Antifaschismus und Gleichberechtigung zeigt, welche in vielen verschiedenen Ebenen zum Einsatz kommt und für spezielle eigennützige Absichten verzerrt wird.
Die Sorte Antirassismus, welche dieser Mann beispielsweise einsetzt, ist nichts weiter als Selbsterhaltung, ähnlich wie die Größenfantasien der Rechtsradikalen. Die Angst vor dem Verlust ihrer Kultur und was sie für ihre ruhmreiche Erbanlagen halten, ist dasselbe Wunschbild, welches für diesen jungen Mann „bedroht“ wird, wenn er ein Mädchen sieht, welches zu einem Leben „wechselt“, das außerhalb von dem liegt, welches er gutheißt, und um welches das Mädchen gerade kämpft um es zu schützen. Dies kann und bringt die breite antifaschistische Absicht nicht weiter.
Um Faschismus zu bekämpfen, muss man allumfassend sein, weil Rassismus bloß ein Teil einer weiteren Struktur von Faschismus ist. Die Ideologie einer totalitären Struktur: Eine reine, konservative, weiße, heterosexuelle und cis-Bevölkerung (6), welche Kinder, Geld und Ressourcen hervorbringt, um die Abstammungslinie eines nationalen Ideals fortzuführen, ist eine Bevölkerung, welche so missbrauchend und ausschließend ist, dass es niemandem dienen wird sie nur mittels rückschrittlicher Maßnahmen zu bekämpfen – geschweige denn die moralischen Konsequenzen, wenn man so handelt.
Deshalb würde dies bedeuten, dass wir LGBT-Rechte, Bewegungen gegen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, Umweltrechte, Einwanderungsrechte und vieles mehr unterstützen müssen. Wir müssen sozialökonomische Missstände von Grund auf kritisch hinterfragen und wir müssen dies so schonungslos tun wie unsere Regierungen immer näher an einen immer missbräuchlicheren Staat heranrückt.
Dies allerdings führt gegenwärtig zu einer offensichtlich schwierigen Frage für Antifaschist*innen.
Momentan drehen sich die antifaschistischen und antirassistischen Bewegungen in England um das Thema Islamophobie, welche eine sehr dringliche und ernste Bedrohung geworden ist. Dementsprechend stellt sich für antifaschistische Frauen, besonders für diejenigen wie mich, welche aus diesem speziellen religiösen Hintergrund stammen, die Frage: Wie können wir eine religiöse Ideologie schützen, welche aktiv Frauen verletzt und die LGBT-Gemeinschaft misshandelt?
EDL-Mitglieder (7) tragen regelmäßig „Der Islam hasst Frauen“-Plakate – eine Gruppe, welche sich verweigert den gewaltigen Anstieg radikal-motivierter Angriffe auf Frauen muslimischen Glaubens einzugestehen: Dieser Anstieg wird natürlich von ihnen und ähnlichen Gruppen gefördert, erzwungen, darauf eingewirkt und sicherlich zumindest teilweise beeinflusst. Derselbe Grundwiderspruch wird gerade im Antifaschismus und seiner Unterstützung von Frauen- und LGBT-Rechten neben ihrer „Verteidigung“ des Islams gesucht.
Regierungen, Einzelpersonen und Kulturen zu erlauben, sich hinter jeglicher Ideologie zu verstecken – sei es eine religiöse, soziale oder Hooligan-Ideologie – um von Hass motivierte Verbrechen und Misshandlung zu gerechtfertigen ist inakzeptabel. Antifaschist*innen kämpfen nicht für irgendeine religiöse Ideologie, sondern für das Recht jedes Einzelnen sicher und ohne Angst zu leben.
Es gibt keine geheime muslimische Verschwörung, bei der Muslime miteinander weltweit gemeinsame Sache machen um eine einheitliche Glaubenslehre aufzuzwingen. Andererseits würde uns die widerliche Unterdrückung von Ländern mit derselben Religion, welche wir miterleben, zweifellos in eine anderen Situation bringen. Engstirnigkeit und Misshandlung ist Engstirnigkeit und Misshandlung und wir müssen, werden und tun sie als solche angreifen. Wir werden nicht eine simple Verallgemeinerung von Milliarden Menschen einer religiösen Gruppe in Betracht ziehen, welche wir ablehnen und danach misshandeln können. Wir ziehen Individuen zur Verantwortung und wir greifen die Probleme an.
Homosexuelle Männer in Palästina werden erpresst, indem sie Informanten des IDF (8) werden. Immer noch ist Homosexualität illegal im mehrheitlich christlichen Land Uganda, wo immer noch Gesetze gegen Analverkehr von der britischen Kolonialära bestehen. Homophobie muss angegriffen und niedergeschlagen werden. Sie muss eingestanden und angegangen werden. Aber Homophobie darf niemals als ein Werkzeug für weitergehende Engstirnigkeit für sich beansprucht werden.
Es gibt etwas sehr Entwürdigendes für jemandem eines religiösen Glaubens, wenn er*sie stille kulturelle Misshandlungen erleidet und zusätzlich in die Arme der Täter*innen gestoßen wird – nimm die Täter*innen zur Kenntnis und nicht die Menschen muslimischen Glaubens, weil die Moschee, in der sie beten, mit Schweineköpfen beworfen wird und die täglichen Anfeindungen gegen sie real sind. Der Kampf für Gleichberechtigung muss zu Gleichberechtigung für alle hinüberweisen, er muss danach streben die Systeme zu dekonstruieren, in denen wir uns befinden und die ausschließlich dazu dienen zu unterdrücken und wenige zu begünstigen. Um einen einzigen Anlass heranzuziehen, eine einzige Frage, egal ob es Antirassismus ist oder etwas anderes, und unbedachtes Nichtanerkennen der breiteren Zusammenhänge der Gesellschaft wird nur die Bewegung spalten, wo der Faschismus dann siegen wird.

Fußnoten:
1) https://www.facebook.com/pages/AFem-2014-Anarcha-feminist-Conference/1411141912468539?fref=ts
2) LGBT: Abkürzung und Ausdruck aus dem Englischen: Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender (übersetzt: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender) (Anmerkung der Übersetzung)
3) Stockholm-Syndrom: Psychologisches Phänomen, bei dem Betroffene von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführer*innen aufbauen (z.B. in Form von Sympathie oder Kooperation). (Anmerkung der Übersetzung)
4) Pocahontas: Häuptlings-Tochter der Virginia-Algonkin; die Anspielung im Text bezieht sich auf die These des Kulturwissenschaftlers Klaus Theweleit, dass zahlreiche weiblichen Betroffene ursprünglicher Bewohner*innen kolonisierter Gebiete, die fremden und sich als kulturell überlegen betrachtenden Kolonisatoren bei deren Landnahme fremden Bodens dienstbar wurden. Theweleit beschreibt sie als – teils gezwungene, teils aus Liebe willfährige – Überläuferinnen in die Kultur der Invasoren. (Anmerkung der Übersetzung)
5) gemischt meint hier eine Beziehung mit einer Person nicht-südasiatischer Herkunft (Anmerkung der Übersetzung)
6) cis-Bevölkerung = Menschen, bei denen die gewählte Geschlechtsidentität mit dem körperlichen Geschlecht übereinstimmt (Anmerkung der Übersetzung)
7) EDL: English Defense League: Islamfeindliche, rechtsextremistische politische Organisation in Großbritannien (Anmerkung der Übersetzung)
8) IDF: Israel Defense Forces: Das Militär des Staates Israels

Originaltext: https://www.facebook.com/berkshireantifa/posts/1579076925653869?notif_t=like

Ein Blick zurück auf AFem2014 (Gaidao Nr. 54 / Juni 2015)

Von: Einem Mitglied der Organisationsgruppe / Übersetzung: m4rc0

Am Sonntag, den 19. Oktober fand die erste internationale anarcha-feministische Konferenz (AFem2014) statt. Der Ursprung der Idee reicht bis zum August 2012 zurück, zu einem anarcha-feministischen Runden Tisch beim Internationalen Treffen von St. Imier. Dieser Runde Tisch bestand aus einer Reihe von Treffen, die an jedem der 5 Tage des Internationalen Treffens stattfanden. Beim Abschlussplenum gaben die Teilnehmenden ihre Pläne bekannt einen eigenen anarcha-feministischen Kongress innerhalb der nächsten paar Jahre zu veranstalten. Diese Ankündigung wurde von donnerndem Applaus der Anwesenden aufgenommen. Eifrig wurden Kontaktadressen ausgetauscht, weitere Interessierte meldeten sich und eine Gruppe erklärte sich einverstanden die weitere Planung des Projekts zu übernehmen.
Dann passierte nichts.
Monate vergingen.
Dann begann die britische Anarchistische Föderation (1) Anfragen zu bekommen, ob wir irgendetwas von der Organisierung des anarcha-feministischen Kongresses wüssten. Unser internationales Referat holte Erkundigungen bei unseren Geschwisterföderationen innerhalb der IFA (2) ein und ebenso bei jeden anderen Kontakten in der globalen anarchistischen Bewegung. Nach einigem Nachforschen schien es, dass es wohl bisher keine Planung gab und diejenigen, welche sich in St. Imier gemeldet hatten, keinen Kontakt mehr zueinander unterhielten. Wenn man sich in einem gesellschaftlichen Kampf befindet, liegt es in der Natur der Sache, dass manche Dinge einfach liegen bleiben und das ist definitiv nichts, wofür man sich schämen sollte.
Das hätte das Ende dieser Idee bedeuten können, wenn nicht ein Mitglied des Föderation sich dazu entschlossen hätte sie aufzugreifen. Eine notwendige Idee, um sowohl der Schwäche und den Versäumnissen des Feminismus außerhalb und innerhalb der anarchistischen Bewegung entgegenzuwirken. Es gibt Elemente eben dieser Bewegung, wo Frauenfeindlichkeit und Sexismus Früchte tragen und die angestrebte Überwindung von geschlechterbezogenen Machtstrukturen oft nur ein bloßes Lippenbekenntnis sind. Das gilt speziell für die betroffenen Menschen, die von anderen Feminist*innen oft nur nebensächlich behandelt werden. Außerdem sollten neben und mit dem Sexismus auch die anderen Gedankenkonstrukte an- und aufgegriffen werden, die fröhlich immer mehr und mehr Menschen unter die Räder der kapitalistischen Maschine werfen.
Diskussionen fanden statt und bald wurden Vorschläge an die Föderation formuliert, um das von langer Hand angedachte internationale Ereignis anzustoßen. Die Diskussionen waren sorgfältig und einige Ziele wurden in dieser frühen Phase festgelegt. Dies sollte kein Projekt sein, welches nur von der britischen Anarchistischen Föderation veranstaltet (so wie es frühere anarcha-feministische Veranstaltungen gegeben hatte, bei denen wir beteiligt gewesen waren) oder nur von unserer internationalen IFA durchgeführt wird, sondern es sollte von der britischen Anarchistischen Föderation ausgehen und dann eine Eigenständigkeit entwickeln. Es sollte eine starke Perspektive des Klassenkampfs bieten, um ein Gegengewicht zur verbreitesten, feministischen Bewegung zu schaffen, der oft ein Potential für eine umfassende Befreiung fehlt. Auch sollte es sich nicht nur Gruppen öffnen und sie mitnehmen, welche gewöhnlich innerhalb der anarcha-feministischen Bewegung an den Rand gedrängt sind, sondern es sollte auch den Vorurteilen entgegentreten, welchen sie ausgesetzt sind. Nach einigen Diskussionen erreichte die Föderation einen Konsens, um einen Schritt weiter zu gehen und die Fühler wurden nach anderen Organisationen ausgestreckt.
Schon früh waren die Geschwisterföderationen innerhalb der IFA eifrig dabei zu helfen, während hier in Britannien sich die SolFed (3) beteiligte und mit ihrer internationalen Föderation, der IWA (4) in Kontakt traten. Ein Treffen auf der Anarchistischen Buchmesse in London 2013 (5) brachte, genauso wie eine eigens erstellte Webseite, die Unterstützung weiterer, unabhängiger Anarcha-Feminist*innen ein. Nach einigen Monaten zeichnete sich ein Konsens über die Kriterien ab, welche die an der Organisation Beteiligten erfüllen sollten:
sich als Anarchist*in und Feminist*in verstehen
den Zielen der Konferenz zustimmen, welche in der Einladungserklärung (6) aufgeführt sind
eine unbedingte Zustimmung zu den abgesprochenen Verhaltensregeln und dem Konzept der Schutzräume und besonderen Achtsamkeit abgeben (7)
in der Lage zu sein das Treffen auch zu besuchen und die Teilnahmebedingungen zu akzeptieren (8)
zustimmen, auf die Umsetzung und Durchsetzung der gemeinsam getroffenen Entscheidungen der Gruppe hinzuarbeiten
Als die Planungen voranschritten, sah die Angelegenheit zeitweise sehr unentschieden aus, ob eine Veranstaltung überhaupt möglich sein würde. Neue Leute kamen hinzu, andere nahmen sich eine Auszeit. Geldbeschaffungsmaßnahmen fanden statt, die erreichte Summe war jedoch gering. Redner*innen meldeten sich und Angebote für Workshops kamen nach und nach hinzu, aber dann musste das Programm ja auch in sich funktionieren. Den Grundsätzen der Einbeziehung (Inklusion) wurde zugestimmt. Denen zugrunde lagen die Formen der Unterdrückung, unter denen man tagtäglich zu leiden hat. Das hatte dann aber Auswirkungen in Bereichen, die ansonsten nur beachtet werden, um die Zusammensetzung und Anzahl der Besucher*innen zu erheben. Das Schutzraumkonzept (safer space agreement) wurde erstellt und es wurden Helfer*innen dafür benötigt, um auch tagsüber helfen zu können. Schließlich begann aber alles ineinanderzugreifen.
Das Wichtigste für das gesamte Treffen war die Art und Weise, wie verschiedene Themenblöcke des Konferenzzeitplans an Gruppen vergeben würden, die gewöhnlich innerhalb des Feminismus an den Rand gedrängt werden (wie beispielsweise Menschen mit Behinderung, Sexarbeiter*innen, Transfrauen, etc). Dies ergab längere Diskussionen beim Tagesablauf über gewissen Themen und es entstand die Hoffnung, dass dies die Kämpfe derer beleuchten würde, deren Stimmen normalerweise in den feministischen Zusammenhängen beiseite geschoben, geschmäht oder komplett verloren werden.
Der Tag kam und alles zog wie ein Blitz vorbei. Ich persönlich verbrachte den Tag entweder mit Freiwilligendiensten, um andere zu unterstützen oder ich half den community accountabillity Themenblock zu präsentieren. Ich werde die Einzelheiten bei der Bewertung der Themenblöcke denjenigen überlassen, welche nur als Besucher*innen dort waren. Dies war das erste Mal, dass etwas wie dies versucht worden ist und alles war ein wenig experimentell – aber wenn wir jemals erfolgreich bei unserem Ziel der sozialen Revolution sein wollen, müssen wir mutig sein und Dinge ausprobieren. Ich schätze, dass AFem dies getan hat und daraus ein Erfolg machte, obwohl nicht alles perfekt verlief.
Ich bin auch nicht auf dem neusten Stand, was das Internetfeedback anbelangt, aber ich weiß, dass es da Klagen gab. Ich finde Foren sind ein zehrender, negativer Raum, und wenn man hört, dass Leute meckern, die oft nicht mal selbst da waren… Ich hab´s mir bis jetzt zumindest noch nicht selbst angesehen – das kann warten bis ich mich noch mehr erholt habe. Auf der anderen Seite verbrachte ich die Tage nach AFem abwechselnd bei verschiedenen Leuten, die teilgenommen hatten. Das Feedback, welches ich persönlich erhielt, war überwältigend positiv. Eine Person sagte, es war die beste anarcha-feministische Veranstaltung, an welcher sie alle bisher teilgenommen hatten (und sie waren nicht unerfahren in diesem Bereich). Alle gaben auch Rückmeldungen zu negativen Aspekten zurück, aber sie fielen alle in ganz ähnliche Bereiche, waren konstruktiv formuliert und die positiven Aspekte überwogen.

Eine kurze Aufzählung der Rückmeldungen:
+ Gemeinsame Treffen am Beginn und am Ende
Die Leute liebten die Treffen zu Beginn und am Ende, die alle Besucher*innen versammelten und über die die Organisator*innen den Überblick behalten haben. So wie sich dort die Leute Ziele für den Tag setzten, kam ein kollektives Gefühl von aktiver Teilnahme heraus, welche von den Besucher*innen auch erwartet wurde.
+ Ideen entwickeln
Jede Person, mit der ich gesprochen hatte, hat neue Ideen und Methoden mit nach Hause mitgenommen, und viele ansonsten liberale Feminist*innen wurden nicht nur mit Anarcha-Feminismus zum ersten Mal vertraut gemacht, sondern waren auch aktiv dabei und nahmen Inhalte aus einer anarchistischen Perspektive mit.
+ Themenblöcke
Die Art wie die Themenblöcke organisiert waren, wurde von allen gemocht. Es führte zu mehr Diskussionen und zu mehr Zeit an den Themen zu arbeiten. Leute sagten, dass die Treffen SO VIEL BESSER als bei Buchmessen und anderen Konferenzen abliefen und es sich kaum so anfühlte, als ob man ständig einem Vortrag zuhörte, sondern dass man Teil einer Diskussion war.
+ Atmosphäre
Im Großen und Ganzen fanden die Teilnehmenden die Atmosphäre auf dem Treffen positiv und befreiend; da waren Menschen mit denen man Solidarität aufzubauen konnte gegen eine von allen geteilte Unterdrückung. Darüber hinaus wurden internationale Verbindungen geschmiedet und es gab Raum, um andere Anarcha-Feminist*innen zu treffen. Es wurde auch angemerkt wie leicht es war Organisierende und Mithelfende zu finden und wie freundlich und erreichbar diese alle waren.
+ Schutzraumkonzept (safer spaces policy)
Alle gaben an, dass es erfrischend war zu sehen, wie ein Schutzraumkonzept versucht wurde, welches viel weiter ging, als es die meisten Treffen tun würden. Sie denken, wir haben neuen Boden betreten und aufgezeigt, wie dies bei ähnlichen Veranstaltungen umgesetzt werden könnte, auch wenn einige Bereiche noch ausbaufähig sind.
+ Selbstfürsorge
Food Not Bombs versorgte alle, die pleite waren, mit Mahlzeiten und das Essen wurde von allen gemocht. Zur selben Zeit machten ein ansprechender Ruheraum und die leicht verfügbaren Übersetzungen und die „safer space“-Freiwilligen alles viel besser handhabbar.
+ Internationalismus
Der internationale Aspekt wurde als wesentliche Erfahrung angesehen. Die Teilnehmer*innen waren aus mindestens 19 verschiedenen Ländern. Viele hoffen, dass wir das weiter ausbauen und verbreiten.
+ Begeisterung das fortzusetzen
Leute wollten in einer überwältigenden Mehrheit, dass dieses Treffen wieder stattfindet, falls nicht nächstes Jahr, dann 2016.

Die konstruktiven Kritiken, die mich erreichten, waren:
– Zeitpläne passten nicht zusammen
Dies kann fast nie vermieden werden und die Leute erkennen das an, aber gleichzeitig sagt jede*r, dass es irgendwann bei ihnen nicht gepasst hat. Wir versuchten unser Bestes, aber es ist immer gut, so etwas in Erinnerung zu behalten.
– TERF-Heimsuchung
Eine Gruppe Trans-ausgeschließender radikaler Feminist*innen (bekannt unter der Abkürzung TERF) versuchte die Veranstaltung zu untergraben. Jemand, der seit Anfang an auf der Liste der Organisator*innen stand, log bei der Bereitwilligkeit die Inklusionsvereinbarung einzuhalten die anderen Organisator*innen an. Dann gaben sie vor bei der Präsentation der Anarcha-Feminismus-Einführung zu helfen. Bei der Präsentation, die sie mit dem Co-Moderator geplant hatten, wichen sie vom Plan ab und spien einige transphobe Sprüche aus. Zur selben Zeit wurden sie gesehen, wie sie sich mit anderen TERFs beraten haben, bevor sie sich unter die anderen Versammlungen mischten und dieselben transphoben Sprüche nachgeplappert haben. Es scheint, als dass sie den Ruheraum nutzen, um sich neu zu gruppieren und Pläne zu schmieden. Es wurde von einigen der Organisator*innen versucht die TERFs rauszuwerfen, aber deren Einheit wurde untergraben. Die TERFs nutzten die Verwirrung, die von der Sabotage des Konsens verursachte wurde, welchen wir eigentlich geschaffen hatten, um uns während der ganzen Veranstaltung daran entlangzuhangeln. Trotz dieses Vertrauensbruchs und der Sabotage, fanden alle, mit denen ich gesprochen hatte, dass jeder Schritt in Richtung transphobe Diskussion schnell abgebrochen und als nicht willkommen dargestellt wurde. Auch sei die Angelegenheit besser als bei den meisten anderen Veranstaltungen gehandhabt worden. Wie auch immer, es gab trotzdem Widersprüche beim Umgang mit denen, die gegen die safer-space-Vereinbarung verstießen.
-Kulturelle Aneignung/Rassismus
Viele weiße Menschen kamen mit Frisuren, Kleidung oder anderen modischen Versatzstücken zum Treffen, die aus Kulturen stammen, die vom weißen Imperialismus als „anders“ eingeordnet wurden. Dies geschah oft ohne den Respekt vor den jeweiligen Kulturen. Als dieser Umstand vom „people of colour“ (von Rassismus betroffene Menschen) Themenblock negativ rückgemeldet wurde, reagierten die Angesprochenen beleidigt. Also hier nochmal: Obwohl die „safer space policy“ bereits dieses Thema angesprochen hatte, hatten wir tatsächlich keinen einheitlichen, beständigen Plan, wie wir damit umgehen sollen.
– Mangel an Ressourcen
Wir hatten nicht genug Programmhefte für die Teilnehmenden (obwohl jede*r zumindest einen Zeitplan erhielt), und während wir zwar Leute zur Hand hatten, um den Zeitplan laut vorzustellen, hatten wir keine großen Plakate dazu. Dies war ein großer Ausrutscher und etwas, was nicht wieder vorkommt.
Betreffend der TERF-Gang ist es zwar sehr schade, aber doch nicht allzu überraschend, dass sie solche Mühen auf sich nahmen, um es zu versuchen die Veranstaltung zu ruinieren. Wenn es ihnen, nach einem Jahr Planung, aber nur gelingen konnte, eine einzige Person zu finden, die über ihre Absichten log und noch fünf oder sechs Betonköpfe zu schützen, die in der Mitte Londons dazukamen, dann haben sie höchstwahrscheinlich schon ihre besten Karten ausgespielt. Ihr Versuch die Veranstaltung zum anfälligsten Zeitpunkt zu zerstören schlug fehl und sie mussten mit leeren Taschen nach Hause gehen.
Die Probleme , die hier hervorgehoben worden sind, wurden von konstruktiven Anregungen für Verbesserung begleitet und die Organisationsgruppe ist dadurch schon einen Schritt weiter gekommen, obwohl wir eine kleine Pause brauchen werden, bevor wir ernsthaft mit den Planungen beginnen werden.

Afem ist jetzt eine eigene Organisation geworden, unabhängig von den Gruppen, die es von Anfang an aufgebaut haben. Als Mitglied der britischen Anarchistischen Föderation ist dies ein Schlüsselbeispiel für den Wert der Föderation und veranschaulicht, in welcher Weise sich anarchistische Organisationen von ihren autoritären Gegenüber unterscheiden. Wo andere dies als „Frontgruppe“ (9) (zur Verschleierung) benutzen und die Kämpfe der anderen für den eigenen Vorteil vereinnahmen würden, engagieren Anarchist*innen sich um gegenseitige Hilfe zu leisten und sie formen Solidarität zwischen wirklich unabhängigen Gruppen. Sie machen dies durch Kämpfe, die von denjenigen, die unterdrückt sind, bestimmt sind. Ich bin vollster Zuversicht, dass dies der Beginn einer anhaltenden Reihe wirklich internationaler Veranstaltungen war, um eine moderne anarcha-feministische Praxis aufzubauen und es wird das Startsignal sein, um sicherzustellen, dass Anarcha-Feminismus zentral für alles ist, was heute als anarchistische Praxis betrachtet wird. Was am Ende noch gesagt werden muss, ist ein großes Dankeschön an alle, die beigetragen haben, dass AFem2014 ein durchschlagender Erfolg geworden ist. Thank you all!

Endnoten:
1) afed.org.uk
2) http://i-f-a.org/index.php/de/
3) http://www.solfed.org.uk/
4) http://www.iwa-ait.org/
5) http://anarchistbookfair.org.uk/
6) http://afem2014.wordpress.com/2014/05/07/organising-for-afem2014-an-anarcha-feminist-conference/
7) http://afem2014.wordpress.com/safer-spaces/
8) http://afem2014.wordpress.com/inclusion-policy/
9) http://en.wikipedia.org/wiki/Front_organization

Originaltext: https://glasgowanarchists.wordpress.com/2014/10/23/a-look-back-at-afem2014/

Reproduktionsrechte weltweit – die Bekämpfung von körperlicher Selbstbestimmung / inspirierende, mutige & kreative feministische Reaktionen (Gaidao Nr. 55 / Juli 2015)

Von: Fleabite / Übersetzung: Yori, überarbeitet: jt

Der folgende Artikel basiert auf meinen Notizen vom hervorragenden Workshop zu Reproduktionsrechten bei der A-Fem-Konferenz 2014 (1). Die Veranstaltung war für 3 Stunden angesetzt und ich dachte, dass ich ihr eine Weile beiwohnen würde, um sie dann zu verlassen und zu einem der anderen eine Stunde später beginnenden Workshops und Diskussionen zu gehen. Wie es sich herausstellte, konnte ich so viel daraus ziehen, dass ich bis zum Ende blieb – und es nicht glauben konnte, wie schnell die Zeit verging! Dies ist eine Ausarbeitung von Stichworten, welche ich mitzuschreiben begann, als ich unglaubliche Redner*innen hörte, welche die Verhältnisse aus ihren Ländern schilderten und was sie taten, um diese Verhältnisse infrage zu stellen. Ich habe es nicht geschafft das Meiste davon mitzuschreiben, da es so in die Tiefe ging; und meistens hörte ich nur zu und nahm das Gesagte auf und dachte darüber nach. Aber sei es drum: Hier sind meine Notizen 🙂 Sie sind von einer Vielzahl an Redner*innen / Beteiligten aus dem Publikum. Insgesamt zählte ich neun vorgestellte Länder: Polen, Irland, Spanien, Chile, Argentinien, Brasilien, Frankreich und das Vereinigte Königreich. Die Notizen sind nicht unbedingt in dieser Reihenfolge und ich schrieb die Länder, aus denen die Beteiligten waren, oftmals nicht auf. Fehler gehen auf meine Kappe. Falls du welche findest, schreib bitte einen Kommentar, so dass ich Ergänzungen hinzufügen kann.

Der Schwangerschaftsabbruch steht in Widerspruch zu den Vorstellungen von Frauen als natürliche Mütter. Er war über Jahrhunderte hinweg üblich, wurde jedoch im 19. Jahrhundert in Europa problematisiert/kriminalisiert. Im Zuge des Kolonialismus bezog die Viktorianische Epoche ihre Haltung darauf, daraufhin steckte sie die restliche Welt an – es gibt immer noch viele Länder, die das 1861 verabschiedete sich gegen die selbstbestimmte Entscheidung richtende Gesetz „Offences against a person“ (2) anwenden.

Jedes Jahr gibt es ca. 40 Millionen Schwangerschaftsabbrüche weltweit. Eine von drei Frauen im Vereinten Königreich wird irgendwann in ihrem Leben einen Schwangerschaftsabbruch haben. Die Hälfte aller Schwangerschaftsabbrüche auf der ganzen Welt sind unsicher, infolge dessen führen sie zu 50.000 Todesfällen pro Jahr. Wohlhabendere Frauen können oftmals dem Schlimmsten davon entkommen, weil sie zahlen oder an Orte mit besseren Gesetzen und Möglichkeiten reisen können.

Es gab einige internationale Übereinkommen, wonach Länder Schwangerschaftsabbrüche legalisieren und verfügbar machen sollten, aber diese sind nicht rechtlich bindend, sondern rein symbolisch.

Keine Verhütungsmethode ist 100%ig sicher, und nicht jede*r hat die Kraft Schwangerschaftsverhütung auszuhandeln.

Rechte christliche Organisationen in Spanien wie beispielsweise „Die christliche Legion“ und „Opus Dei“ haben eine Menge Macht, weil sie auch Politiker*innen und Geschäftsleute einbinden. (Ein*e Italiener*in sagte, dies trifft auch auf ihr Land zu). Die Kirche hat einiges an Mitspracherecht, beispielsweise bei der Bildung, wo Religion ein Pflichtfach ist. Die Rechtsaußenbewegung hat es jetzt akzeptabel gemacht, öffentlich sexistische Dinge über die Stellung der Frauen als Mütter zu sagen wie beispielsweise über Geschäftsfrauen, die mahnten, dass „Frauen im fruchtbaren Alter nicht eingestellt werden sollten“. So verfestigt sich dies jetzt zusätzlich als Teil des öffentlichen Diskurses und gibt traditionellen, konservativen Ansichten Selbstvertrauen und Glaubwürdigkeit.
Sogar scheinbar öffentliche, nicht-religiöse Schulen werden oftmals von Opus Dei hinter den Kulissen beherrscht. Auch das private Gesundheitswesen wird von der Kirche unterstützt. Es gab dieses Jahr Versuche Schwangerschaftsabbrüche noch mehr einzuschränken, diese wurden jedoch vereitelt. Jetzt existiert die neue feministisch mobilisierte Bewegung „Wir und unsere Großmütter sind Feminist*innen, aber eine ganze Generation wurde übersprungen“. Sie machten eine Menge Aktionen gegen das neue Gesetz und sind nach wie vor am Organisieren.
Es gab weitere Redner*innen, darunter auch aus dem Publikum, aber ich habe mir nicht von allen Notizen gemacht 🙁
In Italien weigern sich 80 Prozent der Frauenärzt*innen sowie viele der Krankenpflegekräfte und Narkoseärzt*innen einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen, so dass ein solcher Eingriff sehr schwer zugänglich ist, obwohl er legal ist. Selbst ausgeführte oder auf andere Weise unsichere Schwangerschaftsabbrüche kommen daher häufig vor, aufgrund dessen Frauen oft danach mit starken Blutungen in der Notaufnahme landen und dies als „spontane Fehlgeburt“ dokumentiert wird. 20.000 legale Schwangerschaftsabbrüche werden pro Jahr durchgeführt, aber circa 40.000 werden verweigert aufgrund von „Ablehnung aus Gewissensgründen“. Es gibt 75.000 dokumentierte „Fehlgeburten“ – ein Drittel von diesen sind wahrscheinlich unsichere Schwangerschaftsabbrüche. Die Fehlgeburtenraten sind seit den 1980er Jahren dramatisch angestiegen, besonders bei Minderjährigen. Die Zahl derjenigen steigt, die einen Eingriff aus Gewissensgründen ablehnen, vor allem im Süden. Sie sagen, wenn sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen, sehen sie sich mit Diskriminierung am Arbeitsplatz konfrontiert.
Ich habe hier eine weitere Reihe von Beiträgen ausgelassen, weil ich nur zugehört habe.
In Chile sind Schwangerschaftsabbrüche seit 1989 illegal (es war eine der letzten Handlungen von Pinochet als Diktator) – zuvor war es legal, wenn das Leben der Frau gerettet werden sollte. 2008 gab es Bestrebungen die Pille danach zu kriminalisieren. Dies führte zu einer Welle von Aktionen und einem Aufschwung des Feminismus – ältere Feminist*innen aus der Zeit der Diktatur vereint mit neueren/jüngeren. Sie führten direkte Aktionen durch, indem sie Flugblätter und Plakate verbreiteten mit Informationen, wie man die Pille danach durch eine bestimmte Zusammenstellung von empfängnisverhütenden, verfügbaren Pillen herstellt. Diejenigen, welche in der Kindheit getauft worden sind, machten eine öffentliche „Abtrünnigkeitshandlung“, indem sie sich von der Religion lossagten. Eine Telefon-Hotline sowie ein Solidaritätsnetzwerk wurden eingerichtet, um Unterstützung und Beratung für diejenigen bereitzustellen, welche einen Schwangerschaftsabbruch bedürfen, und sie in Kontakt mit Ärzt*innen zu bringen, welche einen Schwangerschaftsabbruch durchführen. Obwohl es illegal ist, wurden „nur“ 300 Leute inhaftiert – sowohl Personen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, als auch die, die einen solchen erfahren – und die meisten Leute kamen davon. Auch gab es juristische Anfechtungen gegen das neue Gesetz. Es gab einen öffentlichen Aufschrei, nachdem eine 11-Jährige, die von ihrem Stiefvater vergewaltigt worden war, gezwungen wurde das Kind zu bekommen.
„Speaking of I.M.E.L.D.A.“ (3) (Akronym für: Irland macht England zum legalen Ziel für den Schwangerschaftsabbruch) machen fantastischen Performance-Aktivismus, weil Schwangerschaftsabbrüche in Irland illegal sind. Ihre aktuelle Kampagne „Schlüpfer für die selbstbestimmte Entscheidung“ (4) fordert Leute auf, Bilder von Schlüpfern mit Botschaften „für die selbstbestimmte Entscheidung“ an traditionellen Örtlichkeiten aufzuhängen. Etwas Privates zu nehmen, wie beispielsweise unsere Unterwäsche, und es öffentlich zu machen, gibt wieder, was die Regierung den Frauenkörpern angetan hat. Jemand anderes schlug vor, falls du Urlaub in Irland verbringst, es lohnenswert sei, bloß beiläufig in einem fassungslosen Tonfall zu fragen „Ist es wahr, dass Schwangerschaftsabbruch hier immer noch illegal ist?“, um dies in Läden etc. zu entnormalisieren.
Aus den USA bekannte Attacken gegen Abtreibungskliniken ereignen sich nun in auch Großbritannien – finanziert von Gruppen aus den USA. „Abort 67“ sind in Brighton aktiv und Protestmahnwachen gegen Abtreibungskliniken finden nun in London und Manchester statt sowie möglicherweise auch an anderen Orten. Die Krankenhäuser ihrerseits haben gebeten, dass es keine Gegen-Mahnwachen zu jenen geben soll, weil es gerade eher eine unangenehme Szene für diejenigen darstellt, welche versuchen auf die klinischen Dienstleistungen zuzugreifen.
In Brasilien ist Schwangerschaftsabbruch illegal. In Argentinien ebenfalls. In Frankreich existieren Zugangsschwierigkeiten. In Großbritannien müssen jetzt handeln, um uns auf die kommenden Angriffe vorzubereiten. Das Recht befindet sich schon im Vormarsch.
Das Abortion Support Network (5) hat sich gebildet, um Frauen aus Irland bei der Reise zur britischen Insel für einen Schwangerschaftsabbruch zu unterstützen. Sie sind das Pflaster, welches auf das dringende Bedürfnis reagiert, aber es ist unverzichtbar die Gründe dafür zu thematisieren und die Gesetze in der Republik Irland und die Regelungen in Nordirland zu verändern.
Es wurde ein Video über Frauen aus Irland gedreht und es war für viele von ihnen das erste Mal, dass sie zu „jemandem“ über die Tatsache gesprochen haben, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch gehabt hatten. Sich gewöhnlich zu schämen, Angst und sogar persönlichen Widerstand gegen einen Schwangerschaftsabbruch zu haben, obwohl sie einen gemacht hatten. Es ist für Frauen in GB schwierig zuzugeben, dass sie einen Schwangerschaftsabbruch hatten; in Irland ist es bereits schwierig zuzugeben, dass man eine Frau kennt, die einen gehabt hat.
Weitere Informationesquellen:

https://www.womenonweb.org/
http://womenhelp.org/

Fußnoten:
1) afem2014.wordpress.com
2) Bedeutet übersetzt soviel wie „Personenstraftat“ (Anm. d. Ü.)
3) https://www.youtube.com/channel/UCW_F64htch9WiH5UzONwYQg/feed
4) https://twitter.com/hashtag/knickersforchoice
5) https://www.abortionsupport.org.uk/ (Anm. d. Ü.: Netzwerk für die Unterstützung von Schwangerschaftsabbruch)

Originaltext: https://fleabite.wordpress.com/2014/10/21/reproductive-rights-globally-crackdowns-on-bodily-autonomy-inspiring-brave-creative-feminist-responses-afem/

Betroffenengeführte Herausforderungen zu Gewalt und Übergriffen in unseren Gemeinschaften: Ein Aufschrieb von Project Salvage (Gaidao Nr. 56 / August 2015)

Von: Julia Downes / Übersetzung: Yori

Mein erster Workshop
Am Sonntag, den 19. Oktober 2014, bot ich den Workshop „betroffenengeführte Herausforderungen zu Gewalt und Misshandlung in unseren Gemeinschaften“ bei der ersten internationalen anarcha-feministischen Konferenz AFem2014 (1) in der Queen Mary Universität an. Ich wurde dazu eingeladen den Workshop noch einmal zu wiederholen, in einer Stunde, beim LaDIYfest Sheffield (2) am Samstag, den 29. November 2014 – dieses Mal nannte ich ihn „Workshop zu genderspezifischen Misshandlungen & Gewalt in emanzipatorischen Aktivist*innengemeinschaften“.
Die Geschichte des Workshops
Es war mein erster Versuch einen Workshop zu erstellen um eine Diskussion über Erfahrungen von Gewalt und Misshandlung bei Aktivismus zu ermöglichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine feste Vorstellung von Aktivismus und wollte mit Leuten reden, die sich selbst mit und/oder gegen ein breites Spektrum von aktivistischen Bewegungen identifizierten. Dies konnte anarchistische, queere, feministische, Tierrechts-, umweltschützende, antirassistische und antikapitalistische Vorstellungen einschließen. Durch das Gefühl vom großbritannischen Aktivismus ziemlich getrennt zu sein, weil ich im Nordosten lebe, Zeit in Kanada verbringe und meine Energie in ein wissenschaftliches Forschungsprojekt über Täter häuslicher Gewalt (3) stecke, war ich ziemlich abgeneigt mich als eine Expert*in zu bezeichnen, die alles über Gewalt und Übergriffe in aktivistischen Kreisen weiß. Vor allem weil ich aus Erfahrung weiß, wie wenigen Leuten ich mich anvertraut habe. Ich hatte mehr Bock eine Diskussion zu führen um zu sehen, ob es eine Frage war, welche die Leute betraf, wie Gewalt und Übergriffe in aktivistischen Kreisen aussah (weil ich vermute, dass es nicht in übliche Erzählungen von Gewalt und Misshandlung hineinpasst, welche durch Vorstellungen von heterosexuellen Männlichkeit und Weiblichkeit eingerahmt sind), und was die Leute getan haben um dies in ihren Gemeinschaften infrage zu stellen.
Ich zielte mit dem Workshop darauf ab „diejenigen zusammen zu bringen, welche von Gewalt und Misshandlung in ihren aktivistischen Gemeinschaften betroffen sind, um die Schranken ausfindig zu machen, welche Betroffene durch das Aussprechen und Infrage stellen geschlechtsspezifischer Gewalt in aktivistischen Gemeinschaften begegnen“ sowie „eine erleichterte durch die Teilnehmenden geführte Diskussion, die für sich selbst-bezeichnende Frauen, queere Leute und Transmenschen beabsichtigt sein soll“. Beim AFem2014-Workshop hatten wir zwei Stunden zur Verfügung, während es bei der LaDIYfest Sheffield-Veranstaltung ungefähr eine Stunde war. Ich erstellte einige Fallbeispiele um Diskussionen anzuregen. Ebenfalls war ich darauf achtsam, dass diejenigen, welche kamen, über unterschiedliche Gewalt- und Misshandlungserfahrungen verfügen, sodass ich ein Arbeitsbeispiel haben wollte, auf welches jede*r die Aufmerksamkeit richten konnte und die persönlichen Erfahrungen einbringen konnte, weil und sobald sie sich in ihrer Haut wohlfühlten.

Überlegungen zu den Veranstaltungen

Afem 2014
Ich war ganz schön überwältigt von dem Interesse an der Veranstaltung. Der Raum war super-überfüllt. Zusammen mit der safer-space-Helferperson ging ich die safer-space-Vereinbarung durch und betonte, dass dies eine bedürfnisbasierte, teilnehmendengeführte Veranstaltung sein wird. Um eine Vorstellung von den Bedürfnissen und Wünschen der Teilnehmenden zu bekommen, gab es eine Vorstellungsrunde, bevorzugtes Anredepronomen und was sie brauchen um sich sicherer zu fühlen und was sie von der Veranstaltung erwarten.
Von hier aus erschien es, dass eine Menge Leute Interesse an erfolgreichen accountability-Verfahren hatten, es gab den Wunsch zu erfahren was funktioniert und danach was positiven Erfahrungen sind. Ebenfalls gab es ein Bedürfnis nach eindeutigen Begriffsbestimmungen von Gewalt und Misshandlung, betroffene Person, Täter*in und accountability-Verfahren. Mehrere Leute schilderten, dass sie Betroffene, Freund*innen von Betroffene seien oder nur den Diskussionen zuhören wollten. Ich stellte die Idee der Fallbeispiele vor, welche ich vorbereitet hatte, weil die Gruppe so groß war. Fallbeispiel 1 „Sam & Kym“ stellt Redebarrieren über Gewalt und Übergriffe in den Blickpunkt. Fallbeispiel 2 „Leo & Emily“ blickt auf ein Dilemma, dem ein anarchistisches Buchmesse-Kollektiv gegenübersteht, als eine Person als Täter benannt worden ist. Nach einer Pause wurden die Fallbeispiele verteilt und die Gruppe wurde in kleinere Diskussionsgruppen aufgeteilt.
Hauptdiskussionspunkte
Die Fallbeispiele ermöglichten eine Menge Diskussionen und es war ziemlich schwierig alle zurück zu einer Hauptgruppe zusammenzuführen.
Es gab ein allgemeines Gefühl, dass die Fallbeispiele Situationen darstellten, welche allen zu vertraut waren.
Themen, die auftauchten, beinhalteten die Komplexe von Macht in Bewegungen und radikalen Kulturen, welche die Art von Absprachen gestalten, ebenso wie die Verteidigung von Vergewaltigung, Schuldzuweisungen an die Betroffenen, Schweigen sowie accountability-Verfahren und Antworten. Ein Bedürfnis nach Antworten unter der Führung von Betroffenen ließ sich ausmachen.
Die Diskussion wurde abgebrochen, weil die Zeit zu Ende ging, obwohl der Wunsch bestand die Diskussion und die Aktivitäten zu dieser Fragestellung weiterzuführen. Eine e-mail-Liste wurde vorgeschlagen. Besonders wurde ein Bedürfnis als zentral für zukünftige Aktivitäten gesehen: nämlich diese Botschaften an die Öffentlichkeit zu bringen sowie entsprechend außerhalb des Raumes behandelt zu haben – falls eine Gruppe nicht die Rahmenbedingungen für einen nicht-unterdrückenden Raum hat, kann sie keine radikale Rolle oder Identität beanspruchen. Dies verlagert den Schwerpunkt auf die Befähigung von Gruppen, dass diese ein auf Betroffene ausgerichtetes Verfahren innerhalb einer Gemeinschaft einführen, welches sich der Dynamiken und der Komplexität von Gewalt und Übergriffen innerhalb des besonderen Kontextes radikaler sozialer Bewegungen bewusst ist.
Ich gab denjenigen meine persönliche e-mail-Adresse, die Interesse hatten auf einer mailing-Liste zu stehen und/oder bei zukünftigen Diskussionen oder Aktivitäten beteiligt zu sein. Ich ermutigte die Teilnehmenden die Fallbeispiele in ihren Gruppen und Gemeinschaften zu nutzen und weiterzugeben, falls sie jene nützlich fanden.

LaDIYfest Sheffield
Dieser Workshop wurde bis zum Tagesende verschoben, während ich aufgrund einer mysteriösen Explosion in Catterick, welche zu einer Sperrung der Autobahn führte, auf der A1 im Stau stand. Nach einer unglaublichen Fahrt kam ich an und war in der Lage den Workshop in der letzten Veranstaltungsrunde zu ermöglichen. Diese Veranstaltung hatte eine andersartige Atmosphäre, da ich das Blog begonnen hatte, eine Powerpoint-Präsentation dabei hatte und eine Einführung gab, um zu behandeln, wie Gewalt und Übergriffe aussehen können etc. Wir verwendeten die Fallbeispiele in kleinen Gruppen und hatten eine größere Diskussion. Als Teil der LaDIYfest-Sheffield-Vereinbarung war dieser Workshop offen für alle Geschlechter.

Hauptdiskussionspunkte
Folgende Aspekte der Diskussion blieben in meinem Gedächtnis hängen:
Die Erkenntnis wie weitverbreitet Übergriffe sind, besonders von im Aktivismus profilierter cis-Männer, wurde für einige Leute im Raum klar.
Die bestehenden Verbindungen zwischen sozialer Macht und Privilegien sowie die Fähigkeit die „Realität“, was anderen passiert ist, zu definieren.
Die Schwierigkeit Ausschlüsse zu verwenden um Täter verantwortlich zu machen, wenn sie in einen anderen Teil des Landes umziehen und dieselbe Sache in jener aktivistischen Gemeinschaft machen.
Das Erfordernis eine cis-Frau genauso wie einen cis-Mann in den Fallbeispielen zu verwenden (danke dafür).

Fallbeispiele
Es folgen die Fallbeispiele, welche ich verwendet habe – Ich freue mich über jede Person, welche diese ergänzt und verwendet. Bitte kommentiert ruhig und/oder schreibt mir per e-mail euer Feedback oder andere interessante Sachen, welche aus euren Diskussionen entstehen: thesalvagecollective at gmail.com

1. Sam & Kym
Sam ist eine 19 Jahre alte, sich selbst bezeichnende cis-Frau, welche in einem kleinen, konservativen, ländlichen Dorf in Nordengland lebt. Sam hat eine Leidenschaft für Umweltrechte, aber war noch nie bei Protesten dabei. Sam erfährt in den Nachrichten vom Klima-Camp und nimmt einen Bus runter nach London um es unter die Lupe zu nehmen. Auf dem Camp lernt Sam Kym kennen. Kym ist ein*e 28 Jahre alte*r forsche*r gender-queere*r Aktivist*in, welche*r die Führung übernimmt beim Organisieren im Fokus der Öffentlichkeit stehender Aktionen und veröffentlicht einen bekannten Blog. Sam findet Kym beeindruckend und mysteriös und kann nicht glauben, dass jemand wie Kym Interesse daran hat mit ihr abzuhängen. Zwei Monate später ermutigt Kym Sam umzuziehen, als ein Zimmer im kollektiv genutzten Haus ihres Kumpels in London frei wird. Sam findet einen Teilzeitjob in einem Fahrradladen und zieht um nach London.
Sam findet das Leben in einem Gemeinschaftshaus sehr angenehm und liebt den Trubel an Freund*innen, herumreisenden Genoss*innen und Bands, welche übernachten. Viele Freund*innen, einschließlich Kym, haben Schlüssel für das Haus, und es ist voll von Lachen, politischen Diskussionen, Soli-Konzerten und Partys. Im Laufe der Zeit kommen sich Kym und Sam näher, verreisen gemeinsam, verlieben sich und fangen an zu knutschen und Sex zu haben. Kym erzählt Sam die Geschichte ihrer Vergewaltigung als Kind und Sam ist ihr eine Stütze. Kym ist Sams erste sexuelle Erfahrung und ihre erste queere Beziehung.
Ungefähr nach drei Monaten der Beziehung veranstaltet Sam einen queeren/nur für Frauen/trans DIY-Fahrradworkshop. Als sie zurück zum Haus kommt, ignoriert Kym Sam, verlässt das Haus und antwortet drei Tage lang weder per hinterlassener Nachricht noch per Anruf. Als Sam Kym auf einer Hausparty einer befreundeten Person erblickt, versucht sie mit Kym über dieses Verhalten zu reden. Kym wird aufgeregt und schreit Sam an, verlangt Zeit und Raum um über ihre Beziehung nachzudenken, weil Sam zu klammernd geworden ist wie alle „Beziehungsneulinge“. Sam wurde bestürzt, fühlt sich vor allen gedemütigt und verlässt die Party. Später am Abend lässt sich Kym selbst in Sams Haus und geht in ihr Schlafzimmer. Kym fährt fort Sam anzuschreien, teilt ihr mit, dass sie keine echte Aktivist*in sei, dumm und ungebildet, zu still bei Plena und den Mut nicht besitze um an echten Aktionen teilzunehmen. Sam befiehlt Kym den Raum zu verlassen. Kym vergewaltigt Sam.
Morgens wacht Sam vom Stimmengemurmel und Kochgeruch vom Erdgeschoss auf. Kym hat den Hausbrunch hergerichtet. Kym sieht Sam. Ein*e Mitbewohner*in macht eine Bemerkung zu dem vollkommen radikalen Paar, nachdem sie ihr „Drama“ veranstaltet hätten. Kym blickt sie an, hätschelt sie und Sam lächelt steif. Als Sam sich beschwert, dass Sex weh tut/unangenehm ist, klagt Kym, dass sie nur nicht queer genug sei beziehungsweise ihr Tun richtig ist. Sam hört auf zu Treffen oder auf Parties und Veranstaltungen zu gehen und verbringt die meiste Zeit allein in ihrem Zimmer. Sie kann nicht schlafen. Ihre Freund*innen hören auf sie anzurufen. Sam verliert ihre Arbeitsstelle. Kym erzählt gemeinsamen Freund*innen, dass Sam depressiv sei und dass sie (Kym) die einzige Person sei, die zu ihr durchdringe. Freund*innen äußern sich dazu wie engagiert und unterstützend Kym gerade ist. Kym besteht darauf, dass Sam jederzeit telefonisch erreichbar ist, ruft Sams e-mail-Zugang ab und verlangt Sams Handy zu kontrollieren – zu Sams eigenem Interesse. Sam kehrt zurück zu ihrer Familie um diese und Freund*innen zu besuchen. Kym schickt mehrere Nachrichten, in welchen sie damit droht Suizid zu begehen. Sam hat ein schlechtes Gewissen, bricht ihren Besuch ab und kommt zurück nach London. Kym vergewaltigt Sam und greift sie körperlich an.

2. Leo & Emily
Leo ist ein 35 Jahre alter heterosexueller cis-Mann, der seit 20 Jahren in der anarchistischen Bewegung aktiv ist. Er gilt als sehr angesehener Veranstalter einer jährlich stattfindenden Solikonzertveranstaltung, welche Geld für das Anarchist Black Cross sammelt sowie eines häufig veranstalteten Gefängnisbefreiungsworkshops bei anarchistischen Buchmessen überall im Land. Emily und Leo waren in einer immer-wieder-zusammen-und-getrennt-Beziehung innerhalb der letzten fünf Jahre. Emily ist eine 25 Jahre alte sich selbst bezeichnende bisexuelle cis-Frau und radikale Geburtshelferin, welche zahlreiche Zeitschriften über radikale seelische Gesundheit sowie Polyamory verteilt und organisiert radikale Frauengesundheitszusammenkünfte überall im Vereinten Königreich.
Emily hat das anarchistische Buchmesse-Organisationskollektiv angeschrieben, dass sie nicht will, dass Leo einen Workshop bei der anstehenden Buchmesse anbietet, weil Leo sie vergewaltigt hat. Emily schrieb auch einen Blogeintrag, welcher Leo als einen Täter sexualisierter Gewalt benannt hat und fügte einen Link zu dem Blogeintrag der e-mail hinzu. Mehrere Frauen hinterließen Kommentare, dass sie ebenfalls von Leo vergewaltigt worden seien, aber Angst hatten sich zu melden. Das Kollektiv bedanke sich bei ihr für ihre e-mail und setzte ein Sonderplenum an um zu diskutieren, wie am besten reagiert und sichergestellt werden kann, dass die anarchistische Buchmesse ein „sicherer Ort“ ist.
Ein paar Tage später wurde von einigen von Leos Freund*innen ein Gegenblog erstellt. Das Blog verurteilte die Behauptungen und versuchte Emily zu diskreditieren, indem sie auf Emilys polyamourösen Lebensstil, ihr Alkoholproblem, ihre Eifersucht und ihr Bedürfnis nach Rache hinwiesen, nachdem Leo die Beziehung beendet hatte um eine monogame Beziehung mit Lisa zu beginnen, einer von Emilys Freund*innen. Sie behaupteten, dass Emily gerade versucht eine Treibjagd zu eröffnen, lehnten ihre Anschuldigung als eine Lüge ab und wendeten ein, dass Emily ein rachsüchtiges Bedürfnis besitzt Zustimmung für ihre eigenen feministischen Absichten zu bekommen.
Dies führte zu einem Teufelskreis von Getratsche in der anarchistischen landesweiten Szene. Etliche Männer und Frauen meldeten sich und sagten, dass sie von Emily in ihren Beziehungen schlecht behandelt worden sind. Die Aufmerksamkeit wurde auf die Art und Weise gerichtet, wie Emily für sich entscheidet sich zu kleiden, auf ihren sexuellen Werdegang und ihre fragwürdigen Vorstellungen von Konsens.
Emilys beste Freundin Sophie entschied sich sich von Emily zu distanzieren, als sie wahrnahm, dass sie nicht am richtigen Ort war und die Situation triggernd fand und das Bedürfnis empfand sich zurückzuziehen um auf sich selbst acht zu geben. Einige von ihren Freund*innen wandten ein, dass sie beide Seiten der Auseinandersetzung verstehen können und blieben Freund*innen von Leo. Emily erschien bei einer Vielzahl von Veranstaltungen, die von gemeinsamen Freund*innen organisiert waren, mit einem „safe space“-Vereinbarung und Leo war anwesend. Als sie ihre Freund*innen fragte, behaupteten sie, sie hätten nicht Bescheid gewusst, dass er kommen würde und hätten sich nicht wohl gefühlt ihn zu bitten zu gehen.
Leo schrieb dem anarchistischen Buchmesse-Organisationskollektiv eine e-mail, in der er bat, dass Emily von der Buchmesse ausgeschlossen werde und zur Verantwortung gezogen werden soll für ihre Übergriffsanschuldigungen gegen ihn.

Fußnoten
1) https://afem2014.wordpress.com/
2) https://ladiyfestsheffield.wordpress.com/
3) https://www.dur.ac.uk/resources/criva/ProjectMirabalfinalreport.pdf

Originaltext:
https://projectsalvage.wordpress.com/workshop-afem-2014/

Menschen mit Behinderung zur Barrierefreiheit von Afem 2014 (Gaidao Nr. 57 / September 2015)

Von: unbekannt / Übersetzung: md

Vorschläge für Verbesserungen

– Einige Leute wollen nicht mitreden oder sich einbringen, aber ein paar Veranstaltungen waren interaktiv. Moderator*innen müssen Vorkehrungen treffen für Leute, die nicht immer bei den Veranstaltungen interagieren wollen.

– Es wäre gut, wenn es Trigger-Warnungen für übermäßig emotionale (heitere oder traurige) Diskussionen gäbe. Augenkontakt kann für manche Leute schwierig sein, wenn also Moderator*innen dies berücksichtigen könnten, wäre das hilfreich. Ebenfalls sollte dies in der Safer-Space-Vereinbarung miteinbezogen werden, sodass jede*r dies weiß.

– Gezieltere Trigger-Warnungen. Wenn Trigger-Warnungen zu allgemein gehalten sind, könnten Personen ausgeschlossen werden, weil sie sich im Zweifel lieber zurückziehen.

– Viele Veranstaltungen waren mit Informationen überfrachtet. Ausdrucke und Tonaufzeichnungen für diejenigen unter uns, welche nicht in der Lage sind, eine Unmenge an Informationen in einer Veranstaltung aufzunehmen, wären hilfreich.

– Es gab eine Menge sich überschneidender Veranstaltungen im Zeitplan, welche dazu führten, dass Leute sich zwischen gleich wichtigen Themensträngen zu entscheiden hatten. Schwierig zu umgehen, aber möglicherweise wäre eine Lösung, Feedback von Menschen mit Behinderung zum Zeitplan der Veranstaltungen einzuholen?

– Viele Veranstaltungen waren sehr voll, mit so vielen Leuten, dass es für uns schwierig war, das auszuhalten. Es ist sehr schwierig, das Interesse an einer Veranstaltung vorherzusehen, aber es wäre hilfreich möglicherweise einen großen Extra-Raum zur Verfügung zu haben, um die nachgefragtesten Veranstaltungen dorthin zu verlegen.

– Größere Raumnummern an den Türen und größer gedruckte Safer-Space-Vereinbarungen wurden erbeten. Und auch dass diese auf verschiedenfarbiges Papier gedruckt werden. Diese Website scheint ein paar gute Anregungen für das konstrastreichste Papier zu haben: http://www.dyslexia.ie/information/computers-and-technology/making-information-accessible-dyslexia-friendly-style-guide/

– Der Chill-out-Raum war eine gute Idee, aber uns ist es lieber, dass es entweder darin still ist oder dass es einen zusätzlichen stillen Ruheraum gibt. Auch einige Vorkehrungen für Leute, welche Sinnesunterstützung benötigen, zum Beispiel weiche Decken/Kissen etc.

Was gut gelaufen ist

– Wir waren uns einig darin, dass wir es gut fanden, dass Befreiungsaspekte im Fokus der Konferenz standen, und nicht nur als Fußnote vorkamen. Das half dabei, das Ganze stärker als Safer Space wahrzunehmen.

– Wir fanden es gut, dass Chill-out-Raum vorgesehen war.

– Wir fanden es gut, dass Essen bereitgestellt wurde.

– Wir fanden es gut, dass die Wege zum Wasserspender ausgeschildert waren.

– Wir waren uns einig darin, dass die Safer-Space-Vereinbarung sehr überzeugend war.

– Helfer*innen bei den Safer-Spaces wurden für ihre nach ihren besten Fähigkeiten ausgeführte Tätigkeit geschätzt und gelobt.

– Wir schätzten, dass es einen Raum ausschließlich für Menschen mit Behinderung gab.

Quelle: http://tinyurl.com/o2hudl6 (Englisch)

„Ein Moment der Gegenreaktion“: Die Meinung einer Person aus dem Organisationskreis auf den Tag (Gaidao Nr. 59 / November 2015)

Aus einem Facebook-Post einer der Organisierenden am Tag nach der Konferenz

Von: Einer Person aus dem Organisationskreis / Übersetzung: madalton

Der Hintergrund
AFem, die im Vereinten Königreich ansässige Eröffnungskonferenz, welche von einem Kreis von 35 Anarcha-Feminist*innen aus den Organisationen SolFed, Afed und weltweit anarchistischen Gruppen organisiert worden ist, fand dieses Wochenende am Sonntag, den 19. Oktober [2014, Anmerkung der Übersetzung] statt. Die Konferenz war sehr gefragt, mit knapp 300 Besucher*innen aus mehr als 19 Ländern, u.a. aus Argentinien, den Philippinen, Brasilien, Japan, Iran, den USA und Kanada.
Die Konferenz wurde von einer Mischung aus Einzelspenden, einer Soliveranstaltung zu 2000£ sowie kleinere Soliveranstaltungen in 3 Städten im Vereinten Königreich finanziert. Food not bombs organisierte ebenfalls eine Spendensammlung, sodass wir uns leisten konnten diejenigen mit geringem oder keinerlei Einkommen mit Essen zu versorgen. Außerdem wurden Sachspenden bereitgestellt, von Ausdrucken über Übersetzungen zu Kinderbetreuung und Gebärdensprache.
Am Tag selbst
Die Konferenz war größtenteils gut organisiert mit wenigen technischen Pannen: Es gab nicht genügend Programmflyer, wir hatten Probleme mit der Technik und weil wir keine Personengrenze bei den Veranstaltungen gesetzt haben waren einige der Veranstaltungsräume überfüllt. Wir haben nicht genug über die Barrierefreiheit nachgedacht – es waren keine großgedruckten Programmflyer vorhanden und wir hatten keine helfenden Personen für die Erfordernisse von Barrierefreiheit engagiert.
Bis auf diese Ausnahmen verlief der Tag praktisch gesehen ziemlich reibungslos. Die Infrastruktur für die Konferenz war geeignet, mit einer Kinderbetreuung, einem Ruheraum, kostenfreies Essen für all diejenigen mit geringem oder keinem Einkommen, Ansprechpersonen und emotionale erste Hilfe war alles verfügbar. Überdies gab es ein Team von 18 „safer space“-Leuten, welche bei den Veranstaltungen, am Eingangsbereich und im Ruheraum anwesend waren um Probleme oder Fragen zu klären, welche sich auf die für diesen Tag getroffene safer-space-Vereinbarung bezogen oder um Personen zu unterstützen, die sich getriggert oder unsicher fühlten.
Die Konferenz bot 23 Workshops und zwei Vollversammlungsveranstaltungen. Die Bandbreite der Workshops war umfassend: Sie reichte von „Was bedeutet gender?“ über die Themen „Gefängnisabschaffung“, „Organisierung am Arbeitsplatz zum Thema gender“, „Feminismus im Nahen Osten“ bis hin zu „betroffenengeführte accountability“, welche Themenstränge für Menschen mit Behinderung, Transmenschen, People of colour und Sexarbeiter*innen beinhalteten. Der Zeitplan ist als Bild beigefügt (1).
Die Workshops wurden insgesamt sehr gut auf der Konferenz aufgenommen. Die Kommentare für diesen Tag waren überwältigend positiv und die Atmosphäre war hervorragend – viele führten die neuen Organisationsverbindungen an, welche sie eingegangen sind, und die ungewöhnlich nicht-unterdrückende Politik der Veranstaltungsorganisationsgruppe und der Konferenz an sich.
Jedoch war der Tag nicht ohne Schwierigkeiten. Eine kleine Gruppe radikaler Feminist*innen, die Transmenschen ausschließt, besuchte die Konferenz, akzeptierte die selbst gewählten sexuellen Identitäten der Transmenschen nicht, beleidigte sie und forderte ausschließlich für cis-Frauen vorgesehene Räumlichkeiten. Der Ausschluss von Transfrauen aus Frauenräumlichkeiten stellt eine direkt transphobe Diskriminierung dar. Diese Angelegenheit zu bewältigen stellte die meiste Arbeit dar, welche vom safer-space-Team erledigt worden ist. Folglich machten mehrere Transmenschen bei der Konferenz Erfahrungen mit Transphobie und einige waren davon äußerst mitgenommen. Anstrengungen wurden während des Tages unternommen um diese Verletzungen zu versorgen – sowohl auf zwischenmenschlicher als auch auf politischer Ebene. Und es wurde darauf geachtet denjenigen zu helfen, welche diese Erfahrungen gemacht haben, ohne Gefahr bei der Konferenz zu verbleiben, aber dennoch hätten die TERFs (3) ausgeschlossen werden sollen.
Die Zusammenarbeit mit der Organisierungsgruppe um die politischen Grundsätze von AFem auszuarbeiten und durchzuführen – anarchokommunistisch, feministisch, sexuelle identitätenüberbreifend, nicht-unterdrückend, verantwortlich, demokratisch und transparent – war eine der besten Erfahrungen von Organisierung, welche ich seit langer Zeit gemacht habe. Aber es war auch eine der schwierigsten, weil wir aktuell an einem Zeitpunkt der Gegenreaktion gegen prefigurative Politikformen.
Im Vorfeld von AFem, als wir unsere politischen Grundsätze auf unserer Homepage, Internetblogs und in den sozialen Medien herausgestellt haben, wurden eine steigende Zahl an Kritiken online gepostet. Dies sorgte im Vorfeld der Konferenz für äußerste Anspannung – wir waren uns nicht sicher ob es Widerspruch oder sogar Störungen am Tag selbst geben würde. An alle diejenigen, die dies nicht wahrgenommen haben: Unsere gender-inclusion-policy und safer-space-Vereinbarung kann auf der Afem-Homepage eingesehen werden.
Klar gab es etwas Unbehagen in unserem Milieu ob verantwortliche Organisationsräumlichkeiten zu autoritär seien. Meinem Empfinden nach war diese Konferenz eine passende Initialreaktion: Sie war eine gefragte und dringend erforderliche Veranstaltung mit geringfügigen Schwierigkeiten und einer Atmosphäre der Solidarität. Ich freue mich sehr, dass SolFed dies unterstützt hat sowie mir und anderen Gefährt*innen Unterstützung bei der Mithilfe der Veranstaltungsorganisierung gegeben hat.
Der Organisationskreis wird auf Kritiken auf der AFem-Homepage antworten, sobald wir die Arbeitsschritte im Anschluss an die Konferenz erledigt haben und alle Rückmeldungen zusammengetragen worden sind. Wir planen weitere AFem-Veranstaltungen zu organisieren und werden neue Organisierende bald ansprechen.
Anmerkung: Ich habe gewartet Rassismus und kulturelles Aneignungsverhalten zu kommentieren, weil ich lieber möchte, dass ein Kommentar von people of colour käme, aber ich bin sehr froh, dass wir einen Raum nur für people of colour bereitgestellt haben und dass daraufhin Kritiken zur Konferenz rückgemeldet worden sind.

Auf unserer Überblickshomepage (2) der Konferenz findest du noch mehr Aufschriebe zu diesem Tag.

Fußnoten

1) siehe Originaltext auf der Homepage (Anmerkung der Übersetzung)

2) https://afem2014.wordpress.com/

3) Gemeint ist eben jene Gruppe radikaler Feminist*innen, die Transmenschen ausschließt

Quelle

https://afem2014.wordpress.com/2014/10/24/at-a-moment-of-backlash-one-organisers-take-on-the-day/

Teil 1: Transformative Hilfe (Gaidao Nr. 60 / Dezember 2015)

Von: Dysophia / Übersetzung: madalton
Im Folgenden haben wir einen kurzen Einführungstext zu “Accountability-Abläufe” und “Transformative Hilfe” abgedruckt. Diese Einführung soll ein besseres Verständnis für den nachfolgenden Auswertungstext zur “Accountability-Abläufe-Veranstaltung” auf der anarcha-
feministischen Konferenz in London 2014 geben. Der Text ist im Original auf den Seiten 11+12 der Broschüre: „What about the rapists“ von Dysophia zu finden (s. Infokasten am Ende des Textes).

Accountability-Abläufe, die im folgenden Abschnitt genauer betrachtet werden sollen, sind Graswurzel- und Dialog-basierte Antworten auf Machtmissbräuche und wurden auf den Prinzipiender transformtiven Hilfe entwickelt (engl. Transformative Justice – TJ). Obwohl es keine vollständig entwickelte Theorie darstellt, hat die transformative Hilfe ihre Ursprünge in einigen indigenen Methoden, Mediationsarbeit (1) und Restorative Justice (2), welche der transformativen Hilfe sehr ähnelt. Wie Restorative Justice, lehnt die transformative Hilfe strafende Reaktionen auf Verbrechen strikt ab, indem es die Konfliktparteien in den Mittelpunkt des Ablaufs stellt und auf Freiwilligkeit basiert (zumindest der Theorie nach). Wie Restorative Justice ermöglicht transformative Hilfe Verständnis zwischen Einzelpersonen und erlaubt ihnen Schritte zu vereinbaren, um so die verursachte Schädigung zu „reparieren“. Allerdings haben Befürworter*innen der transformativen Hilfe den Ansatz der Restorative Justice zu Recht beschuldigt vom Staat vereinnahmt zu sein, da dieser das Potential untergräbt strukturelle Ungleichheiten infrage zu stellen. Beispielsweise gibt Restorative Justice im Fall häuslicher Gewalt bestenfalls beiden Parteien die ungleichen Positionen zurück, welche sie eingenommen haben, bevor die Misshandlung stattgefunden hat.

Zahlreiche Gruppen und Nichtregierungsorganisationen haben sich der transformativen Hilfe verbunden gezeigt, obwohl diese auf der theoretischen Ebene aktuell sehr unterentwickelt bleibt. Einige Gruppen, wie beispielsweise Generation FIVE – deren Zielsetzung es ist sexuelle Misshandlung im Kindesalter zu bekämpfen ohne auf das Strafjustizsystem zurückzugreifen – haben sich ebenfalls mit transformativer Hilfe identifiziert und ihr eigenes Verständnis davon entwickelt, welches im vorliegenden CrimethInc-Artikel disktutiert wird.(3)

Während des letzten Jahrzehnts experimentierten in den USA zahlreiche emanzipatorisch-radikale Gemeinschaften und Projekte mit einer entwickelten Methode transformativer Hilfe: accountability-Abläufen. Diese Methode setzt idealerweise die folgende Form voraus: Eine Person macht eine Anschuldigung; eine Handvoll Leute bilden eine Unterstützungsgruppe für diese Einzelperson; die Unterstützungsgruppe beruft ein Verfahren ein und organisiert eine ähnliche Unterstützungsgruppe für die „Tatperson“, welche gefragt wird die Angelegenheit mit dieser Einzelperson zu besprechen; die „Tatperson“ ist damit einverstanden am Ablauf teilzunehmen; die beiden Gruppen versammeln sich zu einem Plenum, welches von einer „neutralen“ Vermittlungsperson moderiert wird. Im Plenum wird beiden Seiten Zeit gegeben, ihre Gefühle zu diskutieren; die „Tatperson“ bekennt Verantwortung und eine Vereinbarung wird getroffen über weitere Schritte, wie die „Tatperson“ die Schädigung wieder gutmachen könnte, wie beispielsweise zukünftige Partner*innen über das Vorgefallene in Kenntnis zu setzen oder Beratungen wahrzunehmen; die „Tatperson“ befolgt die Vereinbarung und es wird regelmäßig von ihrer Unterstützungsgruppe nach ihr gesehen, genauso wie nach der „betroffenen Person“.

Wie dieser sehr knappe Überblick andeuten könnte, kann es verbunden mit den Abläufen kommen zu einer Menge von Problemen kommen – von der verwendeten Sprache bis hin zur Annahme, dass die Anschuldigungen immer richtig sind. Diese Abläufe verursachten wenig überraschend beträchtliche Konflikte in vielen Stadtvierteln, aber könnten auch großartige Früchte tragen, falls sie richtig ausgeführt werden.

Dies stellt nur eine kurze Einführung dar; mehr über transformative Hilfe und accountability-Abläufe wird im Verlauf der restlichen Broschüre deutlich werden. Ein detaillierteres Bild solch eines Verfahrens kann insbesondere im folgenden Artikel gefunden werden.

Fußnoten

1) Mediation: (lateinisch „Vermittlung“) ist ein strukturiertes freiwilliges Verfahren zur konstruktiven Beilegung eines Konfliktes, bei dem unabhängige „allparteiliche“ Dritte die Konfliktparteien in ihrem Lösungsprozess begleiten. Die Konfliktparteien versuchen dabei, zu einer gemeinsamen Vereinbarung zu gelangen, die ihren Bedürfnissen und Interessen entspricht.

2) Restorative Justice: (englisch: to restore: wiederherstellen; justice: Justiz; Gerechtigkeit) ist ein international gebräuchlicher (und in umfassender Weise ins Deutsche nicht übersetzbarer) Begriff für eine alternative Form der Konflikttransformation (so Wikipedia zu restorative justice) (Anmerkung der Übersetzung)

3) Verwiesen wird auf einen Artikel des anarchistischen Kollektives „CrimethInc.”, welcher ebenfalls in der Broschüre „What about the rapists“ zu finden ist.

Quelle:
S. 11+12 der Broschüre: „What about the rapists“ http://dysophia.org.uk/wp-content/uploads/2014/09/Dys5-WhatAboutTheRapistsWeb2.pdf

Accountability-Abläufe (Gaidao Nr. 60 / Dezember 2015)

Von: unbekannt / Übersetzung: madalton

Anmerkung zum Inhalt: Allgemeine Diskussionen über Misshandlung, Schwierigkeiten seelischer Gesundheit sowie Schuldzuweisung an die betroffene Person (es wird nichts konkretes benannt)
Zwei Stunden dauerte diese Veranstaltung, in welcher der Schwerpunkt auf der Geschichte und Anwendung von accountability-Abläufen in emanzipatorisch-radikalen Gemeinschaften gelegt wurde. Sie fand in einem Raum statt, welcher zuvor für den Workshop „Betroffenengeführte Herausforderungen zu Gewalt in unseren Gemeinschaften“ und den „Abschaffung aller Gefängnisse“-Workshop der Gruppe „Empty Cages“ genutzt worden ist. In beiden Veranstaltungen wurde der akute Bedarf nach accountability-Abläufen festgestellt (um das Strafjustizsystem bedeutungslos zu machen; um unterdrückende Beziehungen infrage zu stellen und umzugestalten; um die Sicherheit der Bevölkerung aufrecht zu erhalten und um intakte Gemeinschaften zu errichten; etc.). Es war klar, dass wir es mit etwas von entscheidender Bedeutung für Anarcha-Feminismus zu tun hatten; und für weitere Vorstellungen einer gerechteren Welt.
Schau dir bitte die Seiten 11-12 dieser Broschüre (1) an für gute, grobe Beschreibungen von accountability-Abläufen, Restorative Justice (2) und transformativer Hilfe (3). Ich gebrauche die am meisten anerkannte Sprache rund um dieses Thema, welches auch unter dem Link diskutiert wird, falls etwas unklar sein sollte.
Wir begannen mit zwei Referent*innen: Tanya gab einen geschichtlichen Einblick, indem sie den Bedarf nach safer-space-Konzepten (4) und accountability-Abläufen einbezog, rückverfolgte wie diese entstanden sind und auf einige Grundlagen hinwies, welche ihre Arbeit untermauerten (mehr ist hier (5) zu finden). Danach behandelte Romina aus Los Angeles transformative Hilfe in den USA, besonders eine kürzlich stattgefundene Konferenz mit Beteiligung mehrerer Organisationen (mehr hierzu unter folgendem Link: (6) ).
Nach einer kurzen Frage- und Antwort-Runde der Zuhörer*innen mit Tanya und Romina, wurde die Diskussion in der Runde eröffnet. Unten stehen einige Gedanken, welche ich in den meisten Diskussionen wahrgenommen habe oder welche mehrmals genannt worden sind. Bitte tut euch keinen Zwang an einen Kommentar oder eine e-mail zu schreiben um Aspekte anzufügen, welche ich vergessen habe. Für Leute, die gerne mehr lesen möchten gibt es am Ende des Textes Links zu Quellen.
Fragen stellen: Sobald accountability-Abläufe beginnen ist es wichtig Fragen zu stellen. Jeder Ablauf wird sich abhängig von der bevorstehenden Situation unterscheiden und die vielleicht beste Möglichkeit sicherzustellen, dass wir die beste Arbeit drumherum leisten, ist uns mit den richtigen Fragen auszustatten, welche wir uns und anderen stellen; und eben nicht starre Vorstellungen davon haben was zu tun ist und wie es gemacht werden soll.
Sich vergewissern, dass wir über Ressourcen verfügen: Accountability-Abläufe erfordern eine Menge an Emotionen, Ressourcen und Zeit, damit sie gründlich erledigt werden. Leute dachten darüber nach, wie diese Belastung bewältigt werden kann: Indem Organisationen von anderen Arbeiten ferngehalten werden, damit sie sich um accountability-Abläufe kümmern? Indem man eine eigenständige Gruppe hat, die sich mit der Tatperson befasst, und eine andere, welche sich um die betroffene Person kümmert? Wie wird dies dann in die Gemeinschaften rückgemeldet? Indem wir sicherstellen, dass wir unsere Umsetzung zu accountability ausgearbeitet haben, bevor die Krise einschlägt? Wenn wir unsere Vorstellungen von safer-spaces und accountability in Zeiten der Krise hinterfragen und umorganisieren ist dies oftmals gefährlich: Wie können wir Räume „sicher“ und „frei“ genug errichten, um dies zu tun, damit unsere Arbeit sich verbessern kann – ohne Schaden zu verursachen?
Auf Betroffene ausgerichtet – ausgenommen bei Gewalt: Accountability-Abläufe sind immer und idealerweise „auf die Betroffenen gerichtet“. Aber wenn Betroffene Interesse daran haben Gewalt zu verfolgen als eine Reaktion auf Misshandlung (verbal, körperlich gewalttätige Konfrontationen oder zerstörten von Eigentum, zum Beispiel), werden sie oftmals nicht unterstützt. Ist dies heuchlerisch? Wie sollen wir eine pauschale Verpflichtung für „auf Betroffene ausgerichtete“ Hilfe abwägen, wenn eine bestimmte Vorstellung der Betroffenen über Hilfe immer ausgenommen sein wird? Sollen Betroffene unterstützt werden das zu tun, was sie als das beste wahrnehmen, was immer dies auch bedeutet? Gibt es mehr Missfallen und Kritik des Verlangens von Betroffenen nach Vergeltung/Gewalt als es Missfallen über die Misshandlung der Täter gibt? Sollten wir diesen Diskurs infrage stellen? Wie ist es mit dem, was andere Organisierende gerade ungezwungen machen? Ist die Wut der Betroffenen eine nutzenbringende Kraft, die wir rundherum aufbringen können, anstatt sich auf friedfertige Diskussionen zu konzentrieren, welche den gerechten Zorn der Betroffenen verrauchen lässt?
Verantwortliche accountablility: Viele Menschen erwähnten Erfahrungen von auseinander gefallenen accountability-Abläufen sowie in Bruchstücke zerfallene Organisationen und Gemeinschaften, nachdem accountability-Abläufe veranlasst worden waren. Sollten wir einen Plan B entwerfen – ein accountability-Ablauf für accountability-Abläufe? Einen Sicherungsplan? Sollten wir anfangs Probleme bei Gemeinschaftsdynamiken erwarten und Maßnahmen einbauen, um den Problemen beizukommen? Wie können wir die Abläufe transparent genug halten für die Tatperson, die Betroffenen (während ihre Anonymität geschützt wird – falls gewünscht) und die Gemeinschaft? Sollten wir uns weiterhin bei allen Beteiligten melden, bevor neue Phasen des Ablaufs stattfinden? Vor allem wenn Mitglieder der Gemeinschaft gesundheitliche Probleme wie beispielsweise Verfolgungswahn haben, sollten wir einen übersichtlichen Ablauf für Transparenz haben? Viele accountability-Abläufe empfehlen „Therapie“ sowohl für die Tatpersonen als auch für Betroffene – aber wie bauen wir Beziehungen zu Therapeut*innen auf, welche nicht der derzeitigen anwenderbezogenen und oftmals die Schuldzuweisung an die Betroffene richtende Mainstream-Psychotherapie beipflichten? Stellt es für uns eine Dringlichkeit dar kritische Praktiker*innen für seelische Gesundheit in die Bewegung zu integrieren?
Misshandlungsforderungen im Wettstreit: Es gab die Bestätigung, dass wir oftmals stillschweigend über sexuelle Misshandlung geredet haben und oftmals über einen Mann, der eine Frau misshandelt. Wir sahen ein, dass das Gespräch weiter gefasst werden muss um verschiedene Misshandlungserfahrungen Platz zu bieten. Was können die Menschen gegen Misshandlungsforderungen im Wettstreit tun, besonders wenn dies nicht klar entlang von heteronormativen Machtverhältnissen abgetrennt verläuft? Wie können accountability-Abläufe die Fragen seelischen Wohlergehens unter denjenigen beachten, welche auf eine sinnvolle Weise beteiligt sind (zum Beispiel wenn Mitglieder einer Gemeinschaft von Diskussionen über vergangene Erfahrungen getriggert werden; wenn Misshandlung zwischen Menschen undeutlich oder vergrößert worden sein könnten; oder wenn eine Tatperson, welche an Verfolgungswahn leidet, in einem Ablauf beteiligt ist, in welchem die betroffene Person Anonymität verlangt?). Wie können wir Arbeitsweisen entwickeln, welche weit genug sind um die Komplexität von menschlichen Beziehungen und Erfahrungen beizubehalten, während sie immer noch eine überzeugende Haltung gegen Misshandlung einnehmen?
Die Polarisierung zwischen Tatperson und betroffener Person: Unsere Diskussion verwendet die Begriffe Tatperson, Betroffene, Misshandlung etc., welche oftmals in Diskussionen über diese Thematik verwendet werden. Es gab Meinungsverschiedenheiten, ob die polarisierte Aufteilung in „Tatperson“ und „betroffene Person“ hilfreich sei: Wie können wir erkennen, dass wir alle imstande sind Grenzen zu übertreten und Schaden zuzufügen, ohne dass ein gefährliches „Verwischen“ der Rollen von Tatperson/betroffene Person stattfindet, wie es in der weiteren Gesellschaft passiert? Was bedeutet es für accountability-Abläufe, wenn wir erkennen, dass Misshandlungen aus strukturellen Herrschaftssystemen entstehen, in welchen viele von uns hineingeboren und aufgewachsen sind? Was sagt dies aus über die Menschen, welche für accountability-Abläufe verantwortlich sind? Auf welche Weise bleiben wir bescheiden genug um zu verstehen, dass jede*r die Fähigkeit zu misshandeln besitzt und gleichzeitig eben jene Kultur infrage stellt, welche in uns allen steckt? Hilft es uns die Komplexität von Schädigung aufzudröseln, welche von hochcharismatischen, beliebten und manipulativen Menschen verursacht wird, wenn wir sie einfach als „Täter*innen“ bezeichnen? Können wir diese polarisierende Sicht der Dinge selektiv nutzen, sollten wir es überhaupt tun? Sollten wir dies immer und nur dies tun?
Vollständiger Ausschluss: Unmittelbar jene auszuschließen, die Misshandlungen von radikalen Gemeinschaftsräumen begangen haben, ist oftmals die erste Handlung für accountability-Abläufe: Um die betroffene Person und die Gemeinschaft als Ganzes zu schützen. Die meisten Leute sind darüber froh, aber es wirft Fragen auf: Was bedeutet vollständiger Ausschluss für die Tatpersonen? Lernen sie am ehesten auf diese Weise? „Sie auszustoßen“ drückt die Tatperson hin zu anderen Gemeinschaften außerhalb unserer eigenen – ist es das, was wir erreichen wollen? Indem es ihnen überlassen wird außerhalb radikaler Gemeinschaften Leute zu schädigen – wer könnte weniger gut mit Unterstützung und radikalem Bewusstsein rund um Misshandlung ausgestattet sein? Was ist der Organisation in ihrem Tun gelungen, wenn dies das Ergebnis ist? Nochmals: Was passiert mit Empfehlungen nach Ausschluss wenn es konkurrierende Forderungen von Misshandlung gibt?

Dies sind einige groben Notizen der vielen Fragen, welche die Veranstaltung für uns eröffnet hat. Es gibt auch etwas Lektüre, die während der Veranstaltung erwähnt worden ist, die Links sind hier aufgeführt. Wiederum gilt: Schlagt ruhig weitere Links zum Anfügen vor.
Transformative Justice: http://transformativejusticela.wordpress.com/
The Fundamental Requirement for Organised Safer Space: http://floaker.net/2013/03/31/organised-safer-space-2/
Taking Risks: Implementing Grassroots Community Accountability Strategies: http://www.solidarity-us.org/files/Implementing%20Grassroots%20Accountability%20Strategies.pdf
The Revolution Starts At Home: http://lgbt.wisc.edu/documents/Revolution-starts-at-home.pdf
The Problem With ‘Privilege’: http://andrea366.wordpress.com/2013/08/14/the-problem-with-privilege-by-andrea-smith/
This Is Not a Safe Space: http://thereisnosafespace.tumblr.com/post/81696775910/take-and-use
What About the Rapists? Anarchist Approaches to Crime and Justice (zine): http://dysophia.org.uk/wp-content/uploads/2014/09/Dys5-WhatAboutTheRapistsWeb2.pdf

Fußnoten
1) http://dysophia.org.uk/wp-content/uploads/2014/09/Dys5-WhatAboutTheRapistsWeb2.pdf
Diese beiden Seiten sind im nachfolgenden Artikel übersetzt.

2) restorative justice (englisch: to restore: wiederherstellen; justice: Justiz; Gerechtigkeit) ist ein international gebräuchlicher (und in umfassender Weise ins Deutsche nicht übersetzbarer) Begriff für eine alternative Form der Konflikttransformation (so Wikipedia zu restorative justice) (Anmerkung der Übersetzung)

3) transformative Hilfe: siehe nachfolgender Text

4) safer space: „sichererer“, geschützterer Raum; bezieht sich hier auf diskriminierungskritische Praxis. Beispielsweise kann ein Raum geschützt, bzw. geschützter als andere, vor rassistischer Diskriminierung sein, wenn er privilegierte weiße Menschen ausschließt (Anm. d. Übers.).

5) http://floaker.net/2013/03/31/organised-safer-space-2/

6) https://transformativejusticela.wordpress.com/

Quelle:
https://afem2014.wordpress.com/2014/10/27/accountability-processes/

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