Bericht zur anarchistischen Kiezdemo durch die Nordstadt am 4.11.

Am 04.11. fand in der Dortmunder Nordstadt eine anarchistische Kiez-Demonstration, angeführt von einem kleinen Frauen* Lesben* Trans* und Inter* Block, mit zu Höchstzeiten 80 Teilnehmer*innen statt. Von 15.00-16.00 Uhr gab es vor dem anarchistischen Buch- und Kulturzentrum – Black Pigeon – eine Standkundgebung, zu der sich nach und nach mehr Menschen gesellten. Ein Jingel des anarchistischen Radios Berlin, welches auf 4 Sprachen (Englisch, Deutsch, Kurdisch, Spanisch) aufgenommen wurde machte den Anfang. Danach folgte ein Redebeitrag der queerfeministischen Gruppe Lila Lautstark, eine Rede vom Mieterverein Dortmund und eine der Schwarzen Ruhr Uni. Ausgerechnet bei der sehr interessanten Rede des Mietervereins Dortmund streikte leider zwischendurch etwas die Technik, wodurch die Botschaft der Rede nicht ganz rübergebracht werden konnte. Bis auf diesen Zwischenfall leistete das Lauti-Fahrrad aber gute Dienste.


Ab 16.00 Uhr zog die Demonstration dann einmal quer durch die Nordstadt zum Borsigplatz und über einen anderen Weg wieder zurück zum Black Pigeon. Die Route war mit über 2 Stunden Fußweg zwar sehr lang, aber gut gewählt. Fast alle selbstorganisierten Projekte und viele weitere interessante Orte konnten so besucht werden. Denn während der Demonstration gab es viele Beiträge zu selbstorganisierten Projekten von unten, problematischen Einrichtungen, Gedenksteinen und immer wieder wurden Ereignisse, welche sich in der Geschichte oder Gegenwart zugetragen haben, beschrieben. Zu Folgendem gab es Rede-Beiträge über den Lauti, die während der Demozug lief vorgelesen wurden: Rekorder (echt selbstorganisiert!), Kirchen, faschistische Farbattacke auf Haus in der Kirchstraße, ehemaliges Gestapo Gefängnis “Steinwache”, Gedenkstein für die durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ermordeten Menschen, Train of Hope (war echt selbstorganisiert!), Jobcenter, Linienstraße, Porno-Kino, Nordwache, Spielhallen/Wettbüros, zu 2 Scheinbesetzungen (echt selbstorganisiert!), Geflüchteten-Heim in der kurz besetzen Kirche in der Braunschweigerstraße, Avanti Besetzungen (St. Albertus Magnus Kirche, ehemaliger Aldi/Lidl, Kirche in der Braunschweigerstraße) (echt selbstorganisiert!), einem neuen echt selbstorganisiertem Projekt in der Nordstadt “Tante Albert”, Mega Zoo, Velokitchen (echt selbstorganisiert), Langer August (echt selbstorganisiert!), das KCR – schwulen und Lesebenzentrum (echt selbstorganisiert!), Bullen-Repression am Nordmarkt, Kneipe “Fink” am Nordmarkt, den “Blutsonntag” am 16. Oktober 1932, Kana Suppenküche (echt selbstorganisiert!), Grünbau, Nordpol (echt selbstorganisiert!), Mehmet Kubaşık, kleine Programmkinos. Dadurch konnte ein lebendiger Eindruck über die Geschehnisse in der Nordstadt vermittelt werden.

Besonders bewegend war es, durch die Enscheder Straße vorbei an der St. Albertus Magnus Kirche zu laufen, welche vor zwei Jahren für eine Woche besetzt wurde und die seit 1993 die erste ernst gemeinte Besetzung in Dortmund war. Direkt, als wir in die Straße einbogen, flammte die Avanti Parole “Avanti lebt! Avanti kämpft!” auf. Es war toll, sich in einem kollektiven Rahmen an die wunderschöne Woche in der Kirche zu erinnern. Die Bullen stellten sich vor der Kirche provokativ auf, als befürchteten sie eine neue Besetzung. Für kurze Zeit war die Luft wie elektrisiert. Als dann noch ein paar Nachbar*innen sich solidarisch mit der Demonstration zeigten, welche die Besetzung anscheinend in guter Erinnerung behalten haben, war der Moment perfekt. Wir können immer wieder kommen, vielleicht sind die nächsten Häuser ja schon vermessen?

In einer Auflage von circa 600 Stück wurde, solange der Vorrat reichte, von 3-4 Menschen gleichzeitig der Schwarze Docht zum Thema “Nordstadt von unten verändern!” verteilt. Dadurch, dass mehr als 2 Leute Straßenzeitungen verteilten, entwickelten sich am Rande Gespräche über Inhalt der Demonstration. An verschiedenen Orten wurden Schilder befestigt wie z.B. vor dem Kaufland “Hier könnte ein Umsonstladen sein”, vor einem leerstehenden Haus “Hier könnte ein soziales Zentrum sein”, oder vor dem Porno-Kino “Hier könnte ein Kino für alle sein”. An der Nordwache flogen ein paar Trinkpäckchen in die Richtung der davor parkenden Polizeiautos. Wohl, um sich solidarisch zu erklären mit dem Betroffenen von Bullenrepression, welcher vor einigen Wochen ein Trinkpäckchen auf ein Bullen-Auto geworfen hatte. Im Zuge dieser Aktion wurde die Person festgenommen, erfreulicherweise solidarisierten sich spontan über 100 Menschen mit dem Trinkpäckchen-Werfer, so dass die Bullen schleunigst unter einem Flaschenwurf den Rücktritt antraten. Für mehr Trinkpäckchen gegen Bullenwagen!

Die Demonstration verlief ohne Störungen von Bullen oder Faschisten. Die Bullen versuchten im Vorfeld der Demonstration die Route zu verändern und am Tag der Demo überlegten sie offen, ob wir nicht doch eher auf dem Gehweg laufen sollten. Außerdem fühlten sie sich des öfteren von Rufen aus der Demonstration gegen sich selbst gestört. Die Route konnte bis auf eine kleine Veränderung gelaufen werden, wir sind ganz normal auf der Straße gelaufen und Parolen gegen Bullen gab es an passenden Stellen in angebrachtem Umfang reichlich!

Parallel zu unserer Demo fand eine Kundgebung von kurdischen Genoss*innen wegen der Verhaftungswelle von HDP Politiker*innen in der Türkei statt. Unsere Demonstration sprach sich solidarisch aus, welches auch durch wiederholte “Solidarität mit Rojava – Weg mit dem Verbot der PKK!” unterstrichen wurde.

Insgesamt sind wir zufrieden mit der Aktion! Klar, wir waren echt wenig Leute, aber damit haben wir bereits gerechnet, da uns im Vorfeld viele Genoss*innen aufgrund des Zeitpunkts absagten. Dies konnte auch ein verzögertes Loslaufen am Anfang nicht mehr ändern. Leider sind wir auch trotz des frühen Zeitpunkts der Demo einen nicht unerheblichen Teil der Strecke im Dunklen gelaufen, was nicht unser Ziel war. Stark bedauern tun wir, dass der Redebeitrag von Refugees Welcome Dortmund leider nicht auf der Demo vorgetragen wurde. Von den Gefährt*innen konnte leider niemand an der Demo teilnehmen, eigentlich sollte der Beitrag nach der Demo dennoch gehalten werden. Dies kam aber nicht zu Stande, weil nach 3 Stunden Kundgebung und Demo die Luft am Ende einfach raus war. Eigentlich wurde die Rede als Ausklang ans Ende gesetzt, weil wir sie sehr passend und wichtig fanden. Bitte lest sie euch also dann hier im Nachhinein durch! Schön war, dass zumindest einzelne Nachbar*innen, außerhalb des anarchistischen Spektrums ihren Weg auf die Demo gefunden haben. Auch wenn da natürlich noch sehr, sehr viel Luft nach oben ist. Generell haben wir die Kiezdemo zu keinem Zeitpunkt als eine breit aufgestellte Aktion betrachtet. Das Ganze war eine explizit anarchistische Demonstration, in der wir viele Thematiken aus unserer Sicht schildern wollten, die die Nordstadt betreffen. Zu keinem Zeitpunkt hatten wir den Anspruch, bzw. haben ihn auch nicht formuliert, dass diese Aktion von breiten Kräften getragene war/wird. Nicht, weil wir das ablehnen würden, sondern einfach, weil das der Rahmen war, den wir uns für die Aktion gesetzt hatten und so sind auch vorallem Menschen aus dem explizit anarchistischen Spektrum gekommen. Nichts spricht jedoch dagegen für die Zukunft mal eine Kiezdemo zu machen, die von allen Akteur*innen von unten in der Nordstadt gleichberechtigt organisiert wird!

Wir denken, dass wir in vielerlei Hinsicht aus einem üblichen Demotrott ausbrechen konnten und unsere Inhalte recht gut transportiert bekommen haben. Wichtig zu betonen ist aber auch, dass wir im Rahmen der Aktion auch viele Probleme vor Allem in der Umsetzung unserer Ideen erkannt haben. Außerdem werden wir wohl- außer es läst sich garnicht vermeiden nie- mehr eine Demonstration unter der Woche zu dieser Uhrzeit organisieren.

Jetzt gilt es wieder, die alltägliche Arbeit und den Kampf von unten weiterzuführen. Die Kiezdemo ist ja nur ein Ausdruck von den Bemühungen, die jeden Tag stattfinden. Wir denken, dass das antiautoritäre Spektrum in der Nordstadt auf einem wirklich guten Weg ist, auch abseits von der Szene eine Perspektive zu entwickeln, welche für viele Menschen interessant sein kann. Dabei wollen und werden wir uns den vielen Freund*innen, welche auch von unten arbeiten, aber sich nicht als Teil der anarchistischen Bewegung begreifen, nicht verschließen. Es wird immer wieder Momente und Projekte geben, bei denen Menschen zusammenkommen aus unseren Zusammenhängen, um dann festzustellen: Gemeinsam haben wir die Kraft, die Nordstadt von unten zu verändern!

einige Anarchist*innen aus Dortmund

Seite der anarchistischen Gruppe Dortmund welche die Demo organisiert hat!

Rede der Refugees Welcome Dortmund:

Die Nordstadt ist kulturell vielfältig geprägt. Hier findet Leben auf der Straße statt. Hier gibt es viele verschiedene Communities. Viele lieben dieses Viertel deswegen. Es war schon immer ein Arbeiter_innenviertel und von Zuzug aus ganz Europa und der ganzen Welt geprägt. Angehörige der Oberschicht sind hier selten zu treffen. Neben dem Bezug zur einer Community, führt auch der erschwerte Zugang zu Wohnraum dazu, dass viele Menschen Wohnungen in der Nordstadt suchen. Aber auch hier hat die antiziganistische Stimungsmache gegen “Bulgaren und Rumänen” in den letzten Jahren großen Raum eingenommen. Während das Thema inzwischen für viele weniger präsent ist, hat sich die (Wohn-)Situation für Menschen, die aufgrund dieser Rassismen auch in der Nordstadt keinen würdigen Wohnraum finden, nicht verbessert.

Auch Studierende finden hier noch günstigen Wohnraum. Ein Zuzug der weißen Mittelschicht hat in den letzten Jahren merklich zugenommen. Auch die neu entstandenen linken Räume, wie der nordpol oder das Black Pigeon sind ein Result dieser Entwicklung. Es muss gelingen in der Nordstadt eine gemeinsame Bewegung aller progressiven Kräfte zu schaffen. Das Verharren in dem eigenen Milieu, das Aufgreifen vom Vorurteil der übergriffigen Araber, des Drogen dealenden Schwarzen, der klauenden Romabanden und sonstigen Rassismen, das abwertende Verhalten gegenüber Wohnungslosen, die Angst vor dem Fremden. Das alles hindert uns die Nordstadt zu einem besseren Ort zu machen.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Nordstadt meist immer noch ein Problemviertel. Geprägt von Kriminalität, Gewalt und Ausländern. Betrieben wird diese Hetze von Polizei über Parteien bis hin zu pseudofortschrittlichen Onlinemedien. Es werden Vorurteile gegenüber den Bewohner_innen der Nordstadt geschürt.

Wie in allen Teilen der Welt treten auch in der Nordstadt Konflikte auf. Diese treten hier wegen der Benachteiligung ihrerer Bewohner_innen durch Gesellschaft und Staat stärker und häufiger in der Öffentlichkeit auf. Vor allem aber deswegen, weil Polizei und andere stadtpolitische Akteur_innen alles versuchen um ein Drohszenario aufzubauen. Das tun sie um Maßnahmen gegen Menschen, die ihrer politischen Idee nach ein Problem sind, vorzugehen. Obdachlose, HartzIV-Empfänger_innen und als Ausländer gekennzeichnete Menschen waren schon immer Ziel von Angriffen des deutschen Staates und den konservativen Kräften der deutschen Gesellschaft.

Auch Geflüchtete suchen in der Nordstadt, wie ebenfalls in anderen Stadtteilen Dortmunds, ein neues Zuhause. Hierbei stoßen sie auf Ablehnung nicht nur bei Weißen, sondern auch in Teilen der bereits etablierten migrantischen Communities. Besonders schlimm sind jedoch die regelmäßigen gewalttätigen Angriffe von Polizist_innen, wenn Geflüchtete, vor allem Schwarze, zu deutlich in der Öffentlichkeit präsent sind. Polizei, Ordnungsamt und Stadtpolitik möchten sie mit allen Mitteln dazu bewegen Deutschland, oder zumindest Dortmund, zu verlassen. Ohnehin sind Geflüchtete von besonderer Ausgrenzung betroffen. Oft müssen sie in Lagern leben und werden besonders ablehnend behandelt und von der Gesellschaft isoliert. Auch in der Nordstadt sind Lager meist so angelegt, dass sie keine Nachbarschaft haben und eine Kontaktaufnahme kaum stattfindet. Oft genug lassen wir zu, dass mitten unter uns ein Lagerleben und eine Ghettoisierung geschaffen wird. Auch radikale Linke nutzen Labels wie „Refugees Welcome“ und „Kein Mensch ist illegal“. Aber in den seltensten Fällen wird Kontakt zu Geflüchteten in Lagern aufgenommen. Während sich auf eine politische Solidarisierung zurückgezogen wird, statt eine praktische Solidarität zu leben, verstehen sich viele Unterstützungskreise und Wohlfahrtsverbände vor Ort nur als Helfer*innen und blenden allzu oft die politische Dimension aus. Für eine Zukunft in Freiheit für alle, muss schon heute solidarische Praxis gelebt werden. Dafür darf die Erkenntnis, dass eigene Privilegien auf Verhältnissen basieren, die wir angreifen wollen, nicht nur ein Lippenbekenntnis bleiben! Im Moment entsteht an der Braunschweigerstraße in der Nähe des Nordmarktes ein neues Lager für Geflüchtete. Hier und in den anderen Lagern müssen wir präsent sein und Kontakt mit den Geflüchteten suchen!

Gemeinsam heißt es für eine Stärkung linker Ideen und einem solidarischen Miteinander in der Nordstadt zu arbeiten. Auf geht’s in eine bessere Welt!

Zum Originalbeitrag