Splitter aus dem Elend des deutschen Beamt*innengeistes. Über Rudolf Emil Martins Der Anarchismus und seine Träger. Enthüllungen aus dem Lager der Anarchisten (1887) und Die soziale Revolution (1919)

Ein zeitgeschichtliches Theoriefragment

Vor 100 Jahren erschien ein Buch, dessen Titel für Sozialist*innen interessant klingt: Die soziale Revolution: Der Übergang zum sozialistischen Staat. Geschrieben wurde es gerade in der größten Umbruchsphase, dem Gründungsmythos der deutschen Republik, also 1919 nach Ende des Ersten Weltkrieges. Martin begründet darin in Anschluss an den österreichischen Sozialwissenschaftler und Juristen Anton Menger (Die Neue Staatslehre 1903), warum in Deutschland der Staatssozialismus eingeführt werden müsse. Die Verstaatlichung der Wirtschaft, die Festlegung eines Höchstvermögens von 100.000 Mark und die Übernahme der Regierung durch die Sozialdemokrat*innen, erscheinen ihm als pragmatisches Gebot der Stunde zur Erhaltung der deutschen Volkswirtschaft und Regierungsfähigkeit. Denn in den Wirren und Kämpfen der Nachkriegszeit hat Martin eine schmerzhafte Horrorvorstellung: Chaos, der Bürgerkrieg als „Kampf aller gegen alle“, den Staatsbankrott und letztendlich der Zusammenbruch des Staates. In Hinblick auf die beginnenden selbständigen Enteignungen, Fabrikbesetzungen, die Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten und den Aufstand der Spartakist*innen (welche er als Anarchist*innen ansieht), bedürfe es seiner Ansicht nach eine umfassende Umstrukturierung der Gesellschaft, um das Schlimmste zu verhindern. Zusammenfassend schreibt er am Ende seines Buches deutlich: „Die einzige Möglichkeit, diese Entwicklung des Sozialdemokratismus zum Anarchismus zu verhindern, besteht in der positiven sozialen Reform, in der Einführung der von Anton Menger und mir vorgeschlagenen Verstaatlichung […]. Nur wenn der Staat durch ein positives Programm alle Teile der breiten Massen zufriedenstellt und die wirtschaftliche Gleichheit um ein bedeutendes vermehrt […] kann er sich den breiten Massen gegenüber als existenzberechtigt legitimieren und die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten“ (Martin 1919: 198f.).

Ein progressiv-reaktionärer Staatsfetischist? – Wer war Rudolf Emil Martin?

Doch wer war dieser skurrile Regierungsrat, der die Einführung des Staatssozialismus forderte, um seinen persönlichen Alptraum – die Anarchie – zu verhindern und den Staat am Leben zu erhalten? Im Internet lässt sich nichts Persönliches über ihn finden, dafür ist Martin in den Vorworten seiner Bücher umso geschwätziger. Er wurde 1867 geboren und starb 1919 – also unmittelbar nach der Veröffentlichung seines letzten Buches zur „sozialen Revolution“, welche seiner Ansicht nach am Ende des ersten Weltkrieges mit der Ausrufung sowohl der demokratischen als auch der sozialistischen Republik, in Gang gesetzt worden wäre (Martin 1919: 6). Diese Annahme spricht schon Bände über die wahnhafte Staatsgläubigkeit Martins, der die Proklamation eines neuen Staatswesens mit dessen realer Einrichtung gleichsetzt und also davon ausgeht, das gesprochene (politische) Wort schaffe bereits die Realität. Martin scheint eine Art Vorläufer von Thilo Sarrazin gewesen zu sein – ein idiotischer Beamter, welcher durch die staatliche Logik dermaßen deformiert wurde, dass er es sich zur Mission machte, die Regierung ungefragt in einer Anzahl von außenpolitischen, militärtechnischen und nationalökonomischen Büchern beraten zu wollen, indem er durch vermeintlich provokante Thesen Debatten zu initiieren versuchte.
Doch die Überidentifikation mit der Staatsmacht, welche sich durch seine verschiedenen Werke zieht, lässt sich meiner Ansicht nach nur durch ein äußerst gebrochenes Selbstwertgefühl erklären. Aufgrund seiner Unfähigkeit, die Ursachen seines ausgeprägten Minderwertigkeitskomplexes zu erkennen, unterwirft er sich vollständig den unterdrückerischen Herrschaftsverhältnissen und – konsequenter Weise – ihrer deutlichsten, scheinbar handelnden und im Zweifelsfall (angeblich) allein Sicherheit herstellenden Institution: dem Staat. Der Staat wird für Martin zu einem fetischisierten Objekt, weil er alleine gesellschaftliche Ordnung gewährleisten (und damit auch ihm selbst erst irgendeinen Sinn im Leben geben) könne. Für Martin nimmt er als metaphysische Abstraktion den Platz ein, welchen noch für viele seiner Zeitgenoss*innen und vor allem Vorgänger*innen allein Gott zugestanden hatten. Weil der Staat seinem Empfinden nach alles ist, ist Martin selbst nichts ohne ihn. Deswegen ist seine Bedrohung, Schwächung oder gar die Bestrebung, ihn grundlegend zu überwinden das Schlimmste, was er sich vorstellen kann. Der Staat soll statisch sein – fest und ewig. Um ihm Halt zu geben.

Die Überidentifikation aufgrund seiner Ich-Schwäche drängt Martin – wie erwähnt – nun so weit, in Sorge um seinen angefeindeten Vater Staat, andere Beamt*innen oder wenn möglich gar die Regierung selbst beraten zu wollen. Er ist längst nicht der Einzige, bei dem Verlustängste und Zwanghaftigkeit zu überaus produktivem Verhalten führen. Wer Sicherheit und Kontrolle erreichen will, braucht Martins Vorgehensweise nach zu urteilen dreierlei Methoden: Erstens eine konsequent rationale, das heißt für ihn: zahlen-basierte und also kalkulierbare, Denkweise. Was sich aufschreiben und ausrechnen lässt, scheint ihm sicher zu sein und aus diesem Grund beschäftigt er sich ausgiebig mit volkswirtschaftlichen Fragen. Zweitens, die Fähigkeit, über das Bestehende hinaus zu denken – um seinen Bestand auch in der Zukunft zu sichern. Deswegen widmet er sich leidenschaftlich den neuen Techniken der Zeit, namentlich der brandneuen Flugzeugtechnologie. Wer die zukünftigen Entwicklungen voraussieht und einschätzen kann, kann das staatliche Handeln in die richtigen Bahnen lenken – und somit dafür sorgen, dass ja nichts Unvorhergesehenes geschieht, weil die Gefahren schon im Keim ausgerottet werden. Drittens muss der um die Sicherheit des Staates besorgte Beamte in den sauren Apfel beißen: Anstatt wie die anderen Staats-Lakaien ruhig an seinem Schreibtisch zu sitzen, es sich ja mit niemandem zu verscherzen und sein Segel immer nach dem Wind auszurichten, welcher von der höheren Ebene weht, damit er angemessen befördert wird und schließlich eines Tages seine Pension kassieren kann, fühlt sich Martin dazu getrieben, besserwisserische Tipps für die Regierung zu formulieren. Darin wird die Über-Identifikation deutlich: Martin wollte nicht vor allem Karriere machen, sondern selbst der Staat sein. Er verkörpert mit dieser Haltung eine eigenartige Mischung aus absolutistischem Herrschaftsanspruch und demokratischem Untertanengeist, die vielleicht weit gewöhnlicher ist, als man im ersten Moment annehmen könnte.
Witzigerweise geht seine aufdringliche Art seinem Arbeitgeber und Lebensmittelpunkt irgendwann zu weit. Weil er 1905 in Die Zukunft Russlands und Japans: die deutschen Milliarden in Gefahr die Annäherung der deutschen Außenpolitik an Russland kritisierte, wurde zwei Jahre später ein Disziplinarverfahren gegen ihn eingeleitet. Rechte Arschlöcher und Gesichter des „Tiefen Staats“ wie Ex-Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen können sich da heute weit mehr erlauben… Jedenfalls ergreift August Bebel für den irrlichternden Beamten Partei. Womöglich war dies der Auftakt für Martins Annäherung an die Sozialdemokratie und steht sinnbildlich für den schon lange zuvor einsetzenden Versöhnungsprozess zwischen jener und dem deutschen Staat, die bekanntlich 1914 zur Bewilligung der Kriegskredite und die „Burgfriedenpolitik“ führte.1

Neben seinem umstrittenen Russland-Buch schrieb Rudolf Emil Martin unter anderem auch Die Ausschließung der verheirateten Frauen aus der Fabrik (1897), Die Eisenindustrie und ihren Kampf um den Absatzmarkt (1905), noch einmal über Die Zukunft Russlands (1906), Berlin-Bagdad. Das deutsche Weltreich im Zeitalter der Luftschifffahrt (1907), Das Zeitalter der Motorschifffahrt (1907), über Kaiser Wilhelm II und König Eduard VII. (1907), Die wirtschaftliche Krisis in der Gegenwart (1907), Die Eroberung der Luft (1907), Billiges Geld (1908), Die Zukunft Deutschlands (1908), Stehen wir vor einem Weltkriege? (1908), Deutschland und England (1908), Fürst Bülow und Kaiser Wilhelm II (1908), Der Weltkrieg in den Lüften (1909), Deutsche Machthaber (1910), eine Betrachtung der Eigentumsverhältnisse in Deutschland mit dem Titel Unter dem Scheinwerfer (1910) und noch einige weitere Bücher. Deutlich wird: Hier hatte jemand sehr viel Zeit, um mit seinen Weisheiten eine Menge Papier zu verschwenden. Ohne mir die Titel alle einzeln angeschaut zu haben, habe ich allerdings den Eindruck, dass sich die Grundthemen fortlaufend wiederholen. Weise Regierungsstile, der Bau von 100.000 Flugzeugen als militärische Drohung zur Verhinderung des Weltkrieges und dezente Kapitalkontrolle mit Aspekten einer staatlich gelenkten Wirtschaft sind seine Gebiete. Doch um Martins Sorge um den deutschen Nationalstaat wirklich begreifen zu können, lohnt es sich zu ihrem Ursprung, zu seinem ersten Buch zurückzugehen mit dem „spannenden“ Titel Der Anarchismus und seine Träger. Enthüllungen aus dem Lager der Anarchisten.

Anti-Anarchismus – Sozialdemokratie – Staatssozialismus

Mit gerade einmal 20 Jahren veröffentlicht Martin 1887 – der den Staat als Ersatzobjekt für den liebevollen Vater, den er nie hatte, behandelt -, eines der ersten anti-anarchistischen Bücher aus dem bürgerlichen Lager überhaupt. Es handelt sich um eine Zusammenstellung seiner „Londoner Briefe“, die er in der „Kölnischen Zeitung“ verfasste und auf welche er angeblich sehr viel positive Rückmeldung erhalten hätte. Zwei Jahre zuvor war er ein paar Wochen in der englischen Hauptstadt und begab sich auf die Suche nach den berühmt-berüchtigten Anarchist*innen, die dort ins Exil geflohen waren. Es war die Zeit der sogenannten „Sozialistengesetze“, mit denen zwischen 1878 und 1890 jegliche sozialdemokratische Presse und andere sozialistische Organisationen verboten wurden. Daher rührt wohl Martins Angst, denn gerade „in gegenwärtiger Zeit sollen Socialdemokraten schaarenweise zum Anarchismus schwenken. Ich glaube nicht, daß sie direkt die Reihen der Anarchisten verstärken, sie werden nur anarchistischer. Offene Anzeichen dessen sind Nichtbeteiligung an den Wahlen und Unzufriedenheit mit den socialistischen Abgeordneten“ (Martin 1887: 183). „Sie halten die Demokratie für konservativ, was gleichbedeutend mit reaktionär ist“ (S. 192). Martin geht es um eine Spaltung der sozialistischen Bewegung, denn die Anarchist*innen seien „prinzipielle Meuchelmörder“ (S. 185). 1873 wollten Emil Küchler und Franz Reinold Rupsch zur Einweihung des Niederrheindenkmals ein Attentat auf Wilhelm I. verüben, was jedoch kläglich scheiterte, weil die Zündschnur nicht funktionierte. Sie wurden schließlich entdeckt und hingerichtet. 1886 ereignete sich das Massaker auf dem Haymarket in Chicago, bei dem 7 Anarchisten ohne Beweise zum Tod verurteilt wurden, was weltweit Protesten hervorgerufen hatte. Es waren repressive Zeiten. Es sind repressive Zeiten.

Der Staatsfetischist Martin fuhr jedenfalls nach London, um die exilierten Anarchist*innen aus Russland, England und natürlich aus Deutschland aufzuspüren und eine peinliche Enthüllungsstory aus seinen Begegnungen zu machen, die fast ausschließlich aus Verleumdungen und Falschdarstellungen besteht. Sein Material bilden frei aneinander gereihte Zitate aus anarchistischen Zeitungen und Flugblättern, welche er nicht versteht. Daneben beruft er sich auf angebliche anarchistische „Gewährsmänner“, die er sich offensichtlich ausgedacht hat. Die Anarchist*innen in London ausfindig zu machen, stellte wahrscheinlich keine große Schwierigkeit dar, da die politische Szene auch in der Weltstadt ziemlich überschaubar war. Mit ihnen tatsächlich in Kontakt zu kommen, erwies sich für Martin jedoch als unmöglich, wie aus der folgenden Schilderung durch ihm selbst hervorgeht: „Es ist mir durch besonders günstige Umstände gelungen“, schreibt Martin, „den Anarchisten hinter die Koulissen [sic!] zu blicken“ (Martin 1887: 55). Durch die kurze Geschichte in der Fußnote wird Martins äußerst investigative Vorgehensweise verraten:
„Natürlich waren meine Entdeckungsreisen nicht ganz ohne Gefahr, indes wollte man mir nur einmal ernstlich ans Leben. Vielleicht darf ich dem geehrten Leser davon erzählen. Es war das, als ich dem Klub ‘Autonomie’ einen mitternächtlichen Besuch abstattete. Die Gesellschaft, die ich da vorfand, war nicht gerade die einladenste; ihre Häupter waren Peukert […], Nowotny […], Rinke […], und Lieske […]. Unsere Unterhaltung war kurz und sehr einseitig:
Ich: Guten Abend, Anarchisten! Keine Antwort. Ich: Bringt mir doch ein Glas Bier. Niemand rührt sich. Ich: Gebt mir doch mal den ‘Rebell’ zu lesen, ich kenne bisher nur die ‘Freiheit’ von Most. Peukert: Die holen Sie sich doch auf dem Scotlandyard (dem Polizeipräsidium).
Ich: Guten Abend, Anarchisten!
Kaum daß ich noch die Thür erreichen konnte, war mir schon die Bande auf den Fersen, andere sprangen zum Fenster hinaus, um den Weg zu verlegen. Zum Glücke vermochte mich eine eben vorüberziehende Polizeipatrouille von 3 Mann zu decken. Des öfteren hielt man mir den Revolver unter die Nase, ich behandelte solche Fälle als grobe Scherze und zog mich so leidlich aus der Affaire. Wenn ich mir einen Rat erlauben darf, so ist es der, sich nicht sobald unter Anarchisten zu wagen. Man dürfte meinen Nachfolger übler empfangen. Auf keinen Fall lasse man die Hand aus der Tasche, d.h. vom Revolver“ (Martin 1887: 56).

Aus dieser seltsamen Begegnung lässt sich herauslesen, mit welcher leichtgläubigen Dummheit und staatsbürgerlichen Arroganz, Martin der Meinung ist, Personen die politisch verfolgt werden, in ein lockeres Gespräch zu verwickeln. Weil ihm das – wenig überraschend – nicht gelingt, ist er umso verbitterter über die Anarchist*innen und denkt sich einfach irgendwelche Geschichten über sie aus. Aus der Forderung Bakunins nach der sozialen Freiheit in Gleichheit, stellt Martin die Behauptung auf, es ginge ihm um die Beseitigung jeglicher individueller Unterschiede: „Beide Geschlechter sollen kurzgeschorenes Haar, weite Kleider, Hüte von gleichem Schnitt und blaue Brillen tragen, das Letztere, damit sich ein schönes Gesicht keinerlei Vorzüge mehr von einem minder schönen Gesicht erfreue“ (Martin 1887: 4). Ein besonderes Problem hat der vollkommen mit der bürgerlichen Ideologie durchdrungene autoritäre Rebell mit der anarchistischen Zielsetzung einer kommunistischen Gütergemeinschaft, der Abschaffung der Klassengesellschaft und der freien Liebe (S. 132). Er positioniert sich deutlich gegen jegliche sozial-revolutionären Bestrebungen (S. 121), prangert die Wissenschaftsgläubigkeit der Anarchist*innen an (S. 125) und zieht über ihre „sittliche Verderbtheit“ her (S. 126). Besonders skurril ist seine Behauptung, es ginge ihnen um die Errichtung eines „anarchistischen Zukunftsstaates“, den „größte[n] Blödsinn der je erfunden worden“ (S. 127) sei, weil die Leute darin natürlich nicht arbeiten wollen würden. Dass er diese Idee selbst frei erfunden hat ist das Eine. Auf einem anderen Blatt steht – und dies zieht sich durch alle Werke Martins bis hin zu seiner Forderung der Einführung des Staatssozialismus -, dass er absolut unfähig ist, sich ansatzweise eine Organisation, soziale Beziehungen, irgendeinen Sinn, ja überhaupt ein Leben von Menschen außerhalb und ohne den Staat vorstellen kann. Am Ende von Der Anarchismus und seine Träger äußert Martin die Hoffnung darauf, dass die soziale Spaltung der Gesellschaft durch einen Krieg versöhnt werden würde, wenn die staatliche Politik dadurch einen entsprechenden Nationalismus in die Köpfe der Leute pressen könnte. Daher müsste, beendet er sein Schundwerk, unser „aller Streben aber […] darauf gerichtet sein, die gemäßigtere Richtung in der socialen Bewegung vor diesem Schicksale zu bewahren und sie in gesetzmäßigen Bahnen zu erhalten. Die Anarchisten hingegen sind nicht mehr zu heilen, ihnen gegenüber giebt [sic!] es nur eine Taktik: Gewaltsame Ausrottung“ (S. 211).

Fragte ich mich am Anfang zunächst lediglich, wie verdorben und staatsgläubig ein so junger Mensch denn sein kann, wird gegen Ende seiner armseligen Enthüllungsstory allerdings deutlich, dass Martin tatsächlich massive psychische Probleme hat. Statt diese zu bearbeiten und im besten Fall die unterdrückerischen Strukturen unter denen er leidet anzugreifen, will er jene ermorden lassen, welche gegen sie aufbegehren und das Übel bei der Wurzel packen wollen. Diejenigen, welche sich wehren sollen ausgerottet werden, weil sie für Martin das Symbol dafür darstellen, dass es tatsächlich eine Gesellschaft ohne Herrschaft, Zwang und Ausbeutung geben könnte und das Leid, dass ihm selbst durch die Staatsmaschine zugefügt worden ist, ungerecht, unmenschlich und sinnlos war. Damit offenbart er Züge eines sehr frühen Proto-Faschismus, denn es geht ihm nicht nur darum, den althergebrachten Staat, Kaiser, dessen Bürokratie, Militarismus, die gesellschaftliche Hierarchie usw. zu verteidigen. Vielmehr will Martin das Prinzip staatlicher Herrschaft an sich zu einem Grad verfestigen und ausbauen, dass ihm dazu schließlich sogar eine „soziale Revolution“ erforderlich zu sein scheint.
Damit der Nationalstaat auf ewig besteht, gilt es die Zeichen der Zeit zu erkennen, etwa die Bedeutung des internationalen Finanzmarktes oder des militärischen Luftkriegs. Auch die Einsicht darin, dass sich mit dem Ende des Deutschen Reiches nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg unweigerlich demokratische Freiheit und Gleichheit durchsetzen werden und es zu ihrer Realisierung auch eine Angleichung der materiellen Verhältnisse und des sozialen Status’ bedarf, stellt für Martin keineswegs einen sozialen Fortschritt dar, sondern lediglich die Tendenz der Zeit – sein oberster Beamter – der es zu folgen gilt, um die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten.

Eine „soziale Revolution“, die nichts mit einer Sozialen Revolution zu tun hat…

Was Martin in Die soziale Revolution: Der Übergang zum sozialistischen Staat fassungslos dastehen lässt ist, dass die Sozialdemokratie „durch den Weltkrieg plötzlich in die soziale Revolution und an die Macht gekommen [ist, aber] […] keinen Plan der Sozialisierung“ (Martin 1919: 24) hat. Denn das „Fehlen eines detaillierten Planes der Sozialisierung kann zu einem schweren Verhängnis für die deutsche Nation werden“ (S. 24f.). Er ist darüber bestürzt, dass die Wahl der Nationalversammlung „in ihrer Mehrheit bürgerlich und daher nicht sozialistisch ausgefallen ist, so ist für den Sozialismus allerdings eine unvergleichlich günstige Gelegenheit zur Verstaatlichung der Produktionsmittel in einem großen Kulturlande verloren gegangen“ (S. 43). Er kann es kaum fassen, dass es in der Nationalversammlung, kaum Stimmen für die Verstaatlichung großer Vermögen und Einkommen gab, denn die „Erbitterung über das Bestehenbleiben der Riesenvermögen und daher der großen Ungleichheit würde Millionen von Arbeitern dem Anarchismus zuführen und sie verleiten, die ganze Staatsmaschine zu zertrümmern“ (S. 193). Folgerichtig lässt Martin keinen Zweifel daran, dass er die Sozialdemokrat*innen aus historischer Notwendigkeit nun als die zukünftigen Machthabenden ansieht. Dies ist der Grund, weswegen er sich ihnen im vorlaufenden Gehorsam anbiedern möchte.

Um die Integrität des Staates, also die Aufrechterhaltung der politischen Herrschaft in der sich abrupt verändernden Gesellschaft zu gewährleisten, verlangt Martin die Verstaatlichung von großen Industrien und Vermögen. Mit einer ethischen Entscheidung für den Sozialismus – die Verwirklichung des Rechtes aller Menschen, ihre Leben selbst zu gestalten, wofür es bestimmte (materielle, aber auch beispielsweise pädagogische) Bedingungen bedarf -, hat diese Position nichts zu tun. Mit den Forderungen nach Verstaatlichung, Demokratisierung der staatlichen Bürokratie, dem Frauenwahlrecht und der Anerkennung zumindest eines Teils der deutschen Kriegsschuld, geht es Martin nicht um den Kampf für eine bessere Gesellschaft (und sei sie „nur“ demokratisch), sondern um die Abwehr seiner Urangst: Dem angeblich barbarischen Chaos, welches durch eine Selbstverwaltung der Produktion und Kommunen sowie der Selbstbestimmung einzelner Menschen ausbrechen und – einmal unkontrolliert entfesselt – den Staat hinwegfegen würde. Darum meint er, je „schneller und gründlicher die Deutschen den sozialistischen Staat einführen, um so mehr sichern sie den republikanischen Staat gegen die am Horizont heraufziehende Gefahr des Anarchismus“ (S. 45). Unter „Anarchismus“ versteht Martin übrigens schon die – stets nur theoretisch gemeinte – Aussage von Friedrich Engels, dass der Staat nach einer sozialistischen Übergangsphase absterben würde. Er begreift nicht, dass diese idealistische Phrase im luftleeren Raum steht und lediglich den Herrschaftsanspruch der kommunistischen Avantgarde mit einer sogenannten ‘Diktatur des Proletariat’ rechtfertigen soll, wie er von der marxistischen Linken vorgetragen wird. Stattdessen nimmt Martin diese Idee wörtlich – und will sie mit allen Mitteln bekämpfen.

Dafür braucht er die Sozialdemokrat*innen: „Jede kommende Woche der Revolution wird mehr beweisen, daß diejenigen Sozialisten im staatserhaltenden Sinne für die Republik eintreten, welche eine möglichst schleunige Verstaatlichung der großen Vermögen und sodann der großen Betriebe fordern“ (Martin 1919: 47). Wenn er weiter davon ausgeht, dass die „soziale Frage […] [nicht] innerhalb einer Generation gelöst werden, aber […] durch die soziale Revolution ihrer Lösung näher gebracht“ (S. 78) wird, offenbart er damit, dass sein Verständnis von „sozialer Revolution“ dem anarchistischen direkt entgegen steht. Im anarchistischen Sinne meint sie nämlich die Abschaffung des Staates durch eine Selbstorganisation aller gesellschaftlichen Bereiche von unten. Martin hingegen meint, damit sozialdemokratische Übernahme der Regierung und die Modernisierung des Staates, welche mit seinem Machtausbau einhergeht.
Als Problem erweist sich für ihn in diesem Zusammenhang, welches jenes der an der Regierung beteiligten Sozialdemokrat*innen allgemein ist: Die SPD kann faktisch keinen Sozialismus staatlich einführen (auch wenn Martin das „empfiehlt“). Einerseits ist die Regierungsbeteiligung eben nicht gleichbedeutend mit der gesamten Macht im Staat, ermöglicht sie keineswegs die wirkliche Kontrolle über die privilegierten, tatsächlich „herrschenden“ Reichen und Mächtigen und schließlich bedeutet sie noch nicht einmal die gesellschaftliche Hegemonie. Umgekehrt wäre die Sozialdemokratie aber überhaupt nicht ans Ruder gekommen, hätte sie sich nicht zuvor schon vielfach als Staat-loyal und Kapital-konform gezeigt. Dies steht jedoch im Widerspruch zur pseudo-radikalen Rhetorik, mit welcher sie zumindest größeren Teilen der Arbeiter*innenschaft die Einführung des Sozialismus und nicht nur die Verstaatlichung, sondern die Vergesellschaftung der Betriebe versprochen hatte (vgl. S. 149).
Auch an dieser Stelle zeigt sich Martins beschränktes Denken. Er kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass Menschen in selbstorganisierten direkten Aktionen tatsächlich eine Selbstverwaltung anstreben. So meint er: „Wenn der Staat die großen Vermögen und Betriebe rechtzeitig verstaatlicht hätte, so würden die Spartakusleute darauf verzichten, die Zechen des Ruhrgebietes oder irgendwelche anderen Betriebe für sozialisiert zu erklären. Denn was bereits verstaatlicht ist, kann nicht nochmals verstaatlicht werden“ (S. 181). Martin drückt hier seinen eigenen Staatsfetischismus und die staatliche Logik allen anderen auf. „Spartakisten“ ist für Martin hierbei ein unkonkreter Überbegriff, insofern er einerseits keine Ahnung von der wirklichen Arbeiter*innenbewegung hat und – wie gesagt – andererseits nicht außerhalb staatlicher Bahnen zu Denken im Stande ist. Damit die zukünftigen sozialdemokratischen Machthaber*innen eine neue Staatsordnung und eine starke Regierung schaffen können, ist laut Martin sogar eine (kurze) ‘Diktatur des Proletariats’ notwendig (S. 185f.) – die zwar wiederum sehr wenig mit dem zu tun hat, wo dieses Konzept herkommt, allerdings schon mit dem, zu welchem es in den Führungsriegen sozialdemokratischer Parteien degeneriert ist. Für das unbedingte Weiterbestehen des Staates und die Abwehr des anarchistischen „Chaos“ scheinen ihm radikale Reformen unumgänglich und „gerade deshalb müssen die Staatsbehörden, soweit es nur irgend möglich ist, durch Sozialisten und Demokraten von Überzeugung unter möglichster Ausschaltung der reaktionär gesinnten höheren und höchsten Beamten des alten Regimes durchsetzt sein. Als Absteilungsdirektoren, Unterstaatssekretäre und Staatssekretäre sowie Minister dürfen prinzipiell nur Sozialdemokraten und Demokraten in Frage kommen“ (S. 186).

Was wir daraus lernen können

Es ist leicht und beliebt auf der Sozialdemokratie herum zu hacken. In den deutschen Leitmedien ist dies eine gängige und fortlaufende Erzählung. Ich habe dies bisher vermieden, weil die SPD heute meiner Ansicht nach keine sozialdemokratische, sondern eine neoliberale Partei ist. Jene, die allerdings am lautesten auf sie schimpfen, sind Sozialdemokrat*innen – in der Linkspartei und ihren Vorfeldorganisationen. Meine knappe Darstellung des eigenwilligen Beamten Rudolf Emil Martin sollte allerdings verdeutlichen, dass es gute und überzeugende Gründe gibt, die Sozialdemokratie insgesamt zu kritisieren. Dabei wäre es nicht fair, dies anhand der Person Martins oder seiner Bücher zu tun, da dieser sich ja selbst aus dem bürgerlichen Lager hin zur Sozialdemokratie entwickelt hat.
Was zu denken geben sollte ist, dass er für Martin keinen Bruch mit seiner vorherigen Ideologie und seinem Staatsfetischismus bedarf, um sogar für die Verstaatlichung einzutreten – was nicht allgemein, aber von seinem Hintergrund her überrascht. Für ihn liegt es auf der Hand, dass nur die sozialdemokratische Herrschaft zeitgemäß ist und nur sie den Staat erhalten und ausbauen kann, indem sie ihn reformiert. Nicht im Ansatz geht es Martin um die Verbesserung der Lebensverhältnisse von Menschen oder eine freiere Gesellschaft, sondern einzig und allein um die Zementierung politischer Herrschaft – auch wenn diesem Vorhaben Monarchist*innen, Feudalist*innen, der größte Teil der Staatsbeamt*innen und Kapitalist*innen entgegenstehen.
Die erwähnte Martins Über-Identifikation mit dem Staat, führen umgekehrt zum Anti-Anarchismus als sein Leitmotiv. Hierin gleicht er Thomas Hobbes, der vor allem als großer politischer Denker gilt, weil er mustergültig Herrschaft mit der Angst vor „Chaos“ begründet und damit jede positive Vorstellung von Selbstbestimmung und Selbstverwaltung negiert. Und dies ist wiederum eine deutliche Tendenz und Motivation in der Sozialdemokratie, die von Rudolf Emil Martin allerdings auf exzentrische Weise ausgeführt wurde. Die Verselbständigung der Institutionen gegenüber den Menschen, verweist nicht zuletzt darauf, dass sich Herrschaftslogiken insgesamt auf soziale Verstümmlung, der Abgetrenntheit von Anderen und dem Verlust von Realitätsbezug gründen und aus ihnen hervorgehen.