Bericht: LebensschützerInnen in Konstanz

queerfem_symbolAm 25.07 versammelten sich ca. 30-80 christliche AbtreibungsgegnerInnen und sogenannte „Lebensschützer“ um 15.30 Uhr vor dem Sitz der Firma GATC/life codexx in Konstanz. Es wurden Redebeiträge gehalten, sowie gebetet. Einige linke Aktivist_innen versuchten gegen Ende noch ein paar Flugblätter zu verteilen.

Die selbst ernannten „Lebensschützer“ sind Teil des christlichen Fundamentalismus. Sie kämpfen für eine Gesellschaft, die auf der bürgerlichen Kleinfamilie, einer rigiden Sexualmoral, Verbot von Homosexualität und auf Schicksals- und Obrigkeitsergebenheit beruht. Sie behaupten, sie agierten gewaltfrei, doch – z.B. in den USA – blockieren AbtreibungsgegnerInnen Kliniken und bedrohen, nötigen und verletzen dabei sowohl ÄrztInnen als auch Frauen, die abtreiben wollen.

GATC/life codexx geriet in das Visier dieser Gruppen, da sie einen neuen Bluttest entwickelten, welcher eine risikolose Diagnose der Trisomie 21 ermöglichen soll und im Rahmen der Pränataldiagnostik eingesetzt wird.

Die radikalen AbtreibungsgegnerInnen kritisieren an diesem Verfahren, dass es eine eugenetische Selektion der Ungeborenen erleichtert. Geschichtsrevisionistisch vergleichen sie den Bluttest mit der Aktion T-4, den großangelegten Euthanasiemorden der Nazis. Schon die Begriffswahl der aufrufenden Homepage „babycaust.de“ lässt tief blicken. Die Website relativiert den Holocaust. So heißt es auf der Homepage:

„Wir leben in einer demokratischen Diktatur. Wer es heute wagt, die demokratischen Verbrechen öffentlich zu nennen, wird von „demokratischen“ Kräften massiv bekämpft!
Der Holocaust der Nazis ist der Inbegriff des Grauens im Dritten Reich !
Gibt es eine Steigerungsform der grausamen Verbrechen?
Ja, es gibt sie !
Damals KZ’s, heute OP’s. Abtreibung ist Mord, es gibt dafür kein anderes Wort!“ (babycaust.de)

Ein anderer aufrufender Verein „Durchblick e.V.“ verteilte kleine Plastikembryonen. Für die VereinsaktivistInnen ist Abtreibung in jedem Fall Mord, unabhängig von der Situation der Mutter und den Umständen der Zeugung etwa durch eine Vergewaltigung. Ein Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren Körper wird von ihnen abgelehnt.
Doch auch noch andere Sorgen treiben die christlichen Fundamentalisten um. Der Schwangerschaftsabbruch sei auch deshalb unmoralisch, weil dadurch in Zukunft das deutsche Volk aussterben werde. Die inhaltliche Übereinstimmung mit der Neonazikampagne „Volkstod stoppen!“ dürfte nicht zufällig sein. Das Argument harmoniert wunderbar mit dem geschichtsrevisionistischen Vergleich von Schwangerschaftsabbruch und nationalsozialistischen Verbrechen. Insgesamt sind Positionen aus diesem Spektrum anschlussfähig an völkisches und reggresives Gedankengut.

Hinter ihrem Ruf nach dem Schutz von Menschen mit Behinderung, steht ein antifeministisches, heterosexistisches und patriachales Weltbild. Ihre Argumentation zielt in erster Linie darauf , die Rechte von Frauen einzuschränken und nicht darauf, dass Leben behinderter Menschen zu verbessern. Denn was nach der Geburt passiert, scheint sie weniger zu interessieren. Solange Behinderung gesellschaftlich als zu vermeidender Zustand der Abhängigkeit und des Autonomieverlustes gilt, wird sich an der Praxis von Abtreibungen potentiell behinderter Embryos nichts ändern. Zu kritisieren wäre die Unterscheidung in „gesunde“ und „geschädigte“ Körper. Zu fordern wären mehr Informationen für schwangere Frauen über das Leben mit Behinderung, die die Sichtweise der davon Betroffenen mit einbeziehen, sowie mehr finanzielle Hilfen für Eltern behinderter Kinder und ein Recht auf Abtreibung, Behinderung und Krankheit, ohne gesellschaftlich dafür stigmatisiert zu werden.
Schlussendlich also einen Zustand, in welchem die Menschen „ohne Angst verschieden sein können“. (Adorno)

Emanzipatorische Gruppe Konstanz 25.07.12

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