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Moskau: Food Not Bombs gegen Faschismus

by Rudolf Mühland last modified 2007-11-12 18:29

Gestern fand in Moskau eine "Food Not Bombs"-Aktion zum Gedenken an Timur Katscherawa statt, der vor zwei Jahren von Faschisten ermordet wurde. Es gab leckeres veganes Essen und ein paar religiöse Highlights.

Am Sonntag Nachmittag um 14 Uhr versammelten sich rund 100 AnarchistInnen in Moskau im Park hinter der Metrostation, die aus unerfindlichen Gründen seit Sowjetzeiten den Namen des anarchistischen Urgesteins Pjotr Kropotkin trägt, zu einer "Food Not Bombs"-Aktion. Anlass war der 2. Jahrestag der Ermordung Timur Katscherawas in Petersburg. Faschisten hatten sich - übrigens ebenfalls nach einer FNB-Aktion - an seine Fersen geheftet und ihn nach kurzer Verfolgung auf offener Straße ermordet.
Nachdem genügend Leute versammelt waren, wurde kurzerhand der Vorplatz der Metrostation für eine unangemeldete Protestaktion in Beschlag genommen. Ein FNB-Transparent und ein Plakat mit Timurs Foto und einem kurzen Text wurden gezeigt, dazu gab's gratis Tee und veganen Tofudöner für alle, und es wurden Flugis verteilt. Nach etwa zehn Minuten tauchten zwei Uniformierte auf. Es handelte sich offenbar um sehr hungrige Timur-Fans, denn sie wollten nicht nur das ganze Essen, sondern auch das Plakat für sich alleine haben! Während ihnen der Mensch mit der großen Essenstasche nach einem Katz-und-Maus-Spiel in der Menge entwischte, konnten sie das Poster zumindest vorübergehend in Beschlag nehmen. Wir mussten sie daher durch Zählen davon überzeugen, dass wir mehr waren als sie, so dass sie es letztlich doch wieder herausrückten. Anschließend machten wir uns vom Acker, denn wir waren nicht ganz sicher, ob eine erneute Nachzählung zehn Minuten später nicht ein für uns deutlich ungünstigeres Ergebnis gebracht hätte.
Einen schöneren Acker fanden wir nur wenige Meter weiter, mit richtig viel Gold und Marmor, und zwar vor der Erlöserkathedrale. Die bettelnden Omas vor der Kirche waren sehr begeistert von unseren Angeboten, auch wenn wir ihnen mitteilen mussten, dass Timur nicht der Rechtgläubigsten einer war. Sie versprachen trotzdem, für ihn zu beten. An dieser Stelle verlief die Aktion etwas länger ungestört, doch schließlich erreichte uns die Nachricht, dass der unvermeidliche Omon-Bus auf dem Weg zu uns war (Omon ist eine russische Sondereinheit, die in Tschetschenien "Säuberungen" durchführt; ihre Aktionen in Moskau verlaufen im allgemeinen etwas weniger grausam, aber deswegen nicht unbedingt angenehm). Die Aktion verwandelte sich deshalb wieder in einen fast unauffälligen Teil der Tourimeute und begab sich von dannen, so dass die Omons niemanden zu fassen bekamen.
Als gute Touris begaben wir uns nun zum McDonald's an der Kremlmauer und begannen, ein alternatives Angebot zu entwickeln - vegan, kostenlos und mit antifaschistischen Infoflyern statt mörderisch teurer Verblödung. Das Angebot wurde sehr gut angenommen. Die McSecurities mussten sich auf hektisches Herumgefunke beschränken, denn es wollte ihnen keineR helfen. Immerhin war's schön zu hören, dass sie verstanden hatten, um was es ging - die Inhalte unserer Aktion (Timur, Antifaschismus, Anarchie, Food Not Bombs und gegen Putin) wurden sehr detailliert durch den Äther weitergegeben.
Nach einer weiteren Viertelstunde begaben wir uns mit den letzten paar Essenspaketen zum "nullten Kilometer", einer Messingplatte am Zugang zum Roten Platz, die die offizielle Mitte Moskaus markiert. Auch dort trafen wir wieder auf sehr viel interessiertes Publikum. Als wir fast fertig waren mit Verteilen, traf dann doch noch eine größere Menge Ordnungshüter ein. Doch die FNB-Aktion war gar nicht mehr da. Stattdessen warf sich eine Horde etwas wild aussehender Gestalten vor dem 100-Meter-Wahlplakat mit der Aufschrift "Moskau stimmt für Putin" nieder, betete den Präsidenten an und bat ihn, ihr Gott zu werden. Weil in Russland selbstverständlich Religionsfreiheit herrscht (ebenso wie alle anderen Menschenrechte), ist es vollkommen legal, den Präsidenten anzubeten. Daher endete die Aktion nach knapp zwei Stunden ohne Verhaftungen, auch wenn die Miliz etwas dumm geguckt hat.

Es gab anschließend noch ein Treffen, bei dem neben anstehenden Aktionen wie der Nolympia-Kampagne für Sotschi und Boykottaufrufen zu den nächsten beiden Wahlen auch die allgemeine Situation besprochen wurde; mit besonderer Sorge wurden dabei Putins autoritäre Tendenzen analysiert. Da er laut Verfassung nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren darf, versucht er sich als "geistiger Führer der Nation" zu installieren (auf Russisch wird dafür das englische Wort "leader" verwendet, aber es ist allen klar, dass das deutsche Wort "Führer" besser beschreibt, was gemeint ist). Es wird befürchtet, dass damit der Weg in den offenen Faschismus bereitet wird. Und leider ist die anarchistische Bewegung in Russland weit von der Stärke entfernt, die nötig wäre, um das noch zu verhindern...

Hier noch die Übersetzung des Flyers, der bei der Aktion verteilt wurde:

Food not Bombs
internationale Aktion - 11. November 2007

Am 13. November 2005 ermordeten Nazis in St. Petersburg Timur Katscherawa. Er war Student der philosophischen Fakultät, Musiker, Antifaschist und unser Freund.
Die Mörder folgten ihm nach einer "Food Not Bombs"-Aktion, der Verteilung kostenloser vegetarischer Mahlzeiten an Obdachlose, an der Timur teilnahm.
Heute findet zum Gedenken an Timur eine internationale Aktion von "Food Not Bombs" in vielen Städten Australiens, Weißrusslands, Großbritanniens, Litauens, Russlands, Rumäniens, der USA, der Ukraine und Frankreichs statt.
Wir, die wir regelmäßig die Bedürftigen auf den Straßen unserer Städte versorgen, wollen Eure Aufmerksamkeit auf das derzeit bestehende Problem des Faschismus lenken - das der Staat lieber ignoriert.
"Food Not Bombs" ist eine Bewegung, die entstanden ist als Protest gegen Militarismus und Armut. "Food Not Bombs", das sind selbstorganisierte Gruppen, die nach den Prinzipien der Solidarität, des Vegetarismus und des Antifaschismus arbeiten.
Das Wichtigste, wozu wir Euch aufrufen wollen, ist: nicht gleichgültig zu sein.
Timur und andere junge Leute wurden von Nazis vor den Augen von PassantInnen getötet.
Täglich gehen wir an Leuten vorbei, denen das Nötigste zum Leben verweigert wird.
Wir bemerken nicht oder wollen nicht bemerken, was um uns herum passiert.
Warum läuft das so?
Wem nützt das?
Warum ändert sich nichts?
Wir rufen Euch auf, nachdenklich zu werden.
Uns ist das "Morgen" der Welt, in der wir leben, nicht egal.
Wir wissen, dass es nötig ist zu handeln, um etwas zu ändern.
Wir sind überzeugt, dass jedeR etwas tun kann.
Heute lesen dieses Flugblatt - in verschiedenen Sprachen - Menschen auf der ganzen Welt.
Morgen wird ein neuer Tag sein, und wie er sein wird, das hängt von Euch ab. Von uns. Von jeder/jedem Einzelnen.

Public Domain Dedication Dieses Werk ist gemeinfrei im Sinne der Public Domain

Anmerkung von Mala +Testa:

Kropotkin, aber auch Bakunin

Die Namensgebung für Kropotkin stammt noch aus der Frühphase der SU. Da wurde noch nicht derart streng unterschieden zwischen KommunistInnen und AnarchistInnen. In Moskau wurde übrigens auch im September 1919 an der Kirov-Straße am Miasnitskii Tor ein Denkmal für Michael Bakunin aufgestellt. Der Bildhauer und Architekt Boris Danilowitsch Korolev (1884-1963) hatte das kubo-futuristische Bakunin-Denkmal geschaffen. Korolev ist u.a. für seine sehr expressiven Leninbüsten bekannt geworden.
Das Bakunin-Denkmal hat er übrigens im Auftrag der Abteilung Bildende Kunst des Volkskommissariats für Volksaufklärung (kurz: IZO NKP) geschaffen. Das Denkmal wurde aber schon 1920 wieder entfernt und irgendwo eingemottet, wohl eher aus ästehtischen Gründen als aus politischen (denn auch im frühen Sowjetrußland hatte es der Kubismus nicht gar so einfach). In späteren Jahren wurde die Skulptur dann zerschlagen.

Es wäre mal lohnenswert, die anarchistisch-libertären Spuren in der Architektur und Namensgebung Moskaus genauer zu untersuchen.

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