"Marsch der Unzufriedenen" St. Petersburg - Augenzeugenbericht
Der "Marsch der Unzufriedenen" in St. Petersburg / Rußland am 14.4. fand auch in die deutschen Mainstrem-Medien Einzug. Abseits des durch kremlhörige Nachrichtenagenturen wie auch durch liberale Opposition kreierten Bildes geben Petersburger Anarchisten in einem Augenzeugenbericht eine eigene Sicht der Dinge.
In Rußland brodelt es. Eine
breite Oppositionsfront mit dem dubiosen Spektrum von Linksliberalen
bis Nationalbolschewisten veranstaltet groß angelegte "Märsche der
Unzufriedenen" - und die Machthaber tun was sie können: verbieten,
niederknüppeln, Gegenaufmärsche mit gekauften Teilnehmern veranlassen.
Die radikale Linke schaut dem Treiben größtenteils eher skeptisch zu -
aber eine Gruppe Petersburger Anarchisten konnte es sich nicht
verkneifen, die Oppositionskundgebung aufzusuchen, anarchistisches
Material zu verteilen - und danach Zeugen einer unvorstellbaren Welle
der Polizeibrutalität zu werden. Der folgende Bericht tauchte gestern
als Kommentar zu
http://ru.indymedia.org/newswire/display/16326/
auf, und angesichts dessen, daß die deutschen Mainstream-Medien sich
nun endlich bequemt haben, infolge des Niederknüppelns einiger
deutscher Journalisten über die Verhältnisse in Rußland zu berichten,
stellt dieser Report eine sinnvolle Ergänzung zur Rezeption des
Geschehens dar.
Die Wortwahl wurde weitgehend authentisch ins
Deutsche übertragen, die politischen Einschätzungen sind die des
anonymen Verfassers ("//M"). Zahlen in Klammern führen zu den
Anmerkungen des Übersetzers.
---
Polizei-Petersburg - 15. April 2007
Wir
leben in einem Polizeistaat, der Gedanke ist nicht neu. Aber manchmal
merkst du es nicht, weil du nicht jede Sekunde damit konfrontiert
wirst, und lebst dein Leben eines Normalbürgers. Ich denke aber, daß
heute viele Bürgerliche, Bewohner Piters(1) wie Gäste der Stadt die
"Wonnen" der Regierung Matvienko(2) genossen und die "Lebenfreude" im
Stadtzentrum vollends ausgekostet haben. Bereits am frühen Morgen waren
die Straßen des Zentrums voll von herangekarrten Bullen, OMON(3) und
Soldaten, überall standen ihre Busse und Lastwagen, die nächstliegende
Metrostation war gesperrt. Heute war schließlich der Marsch der
Unzufriedenen(4)...
Teil 1 - in Dur.
Im Grunde wurde
von "oben" lediglich eine Kundgebung erlaubt. Da gingen wir auch hin,
nachdem wir uns eine halbe Stunde vorher in der Metro getroffen hatten.
Ohne Probleme gelangten wir auch dahin, uns durch Bullengrüppchen
zwängend. Nachdem wir die erniedrigende Metalldetektorenkontrolle
passiert hatten, landeten wir auf dem proppevollen Pionerskaja-Platz,
der mit einem zweifachen Kordon aus Eisenabsperrungen abgeriegelt war,
zusätzlich verstärkt mit herangekarrter Soldateska. Ein Teil unserer
Leute kamen wegen irgendwelcher Metallanhängsel nicht durch den
Detektor und blieben außerhalb des Gitters, wo es an Menschen auch
nicht mangelte. Es gab ca. 15-20 Anarchisten, organisierte (MPST, AD,
PLA)(5) wie unorganisierte. Wir haben großflächig die Zines "Schwarzer
Stern", "Situation", "Petrogradec" und "Antipolitik" vertreiben können,
sowie eine Riesenauflage eines MPST-AD-Flugblattes. Beim letzteren war
bemerkenswert, daß bei ca. 4000 Protestierern über tausend unserer
Flugblätter einen Abnehmer fanden (ein Paar Flugblätter gingen
allerdings an uns zurück, wobei wir als Provokateure beschimpft
wurden).
Die Versammelten boten ein Standartbild der
politischen Opposition. Nach den Flaggen zu beurteilen, waren dabei:
Jabloko(6), OGF(7), Oborona(8), NBP(9), AKM(10), NRDS(11), DSPA(12),
Smena(13), Memorial(14). Nazis als solche gab es nicht, außer die
üblichen Nationalbolschewiki und einigen antisemitischen alten
Mütterchen ("Matvienko ist doch 'ne Jüdin!" - versuchte eine zu
"argumentieren"). Nur ein einzelner Bonehead mit Keltensymbolik auf dem
Rucksack spazierte mit einer Kamera herum. Journalisten-Kameras jedoch
gab es zahlreich, alle nahmen irgnedwas auf, machten Fotos, nahmen
Interviews. Und all das, um es später totzuschweigen und nicht im Tv zu
zeigen. Seltsam...
Die Kundgebung ging knapp über eine Stunde
und war, in puncto Druck seitens der Bullen, durchaus gediegen.
Innerhalb der Absperrung gab es kaum Bullen, sie waren praktisch alle
draußen. Bemerkenswert, daß die jungen und unerfahrenen Soldaten auf
mich keinen abstoßenden Eindruck machten - im Gegenteil, sollen sie
ruhig öfters zu solchen Veranstaltungen angekarrt werden. Kaum versieht
man sich, werden sie nachdenken, grübeln... Sehr nervtötend war der
Bullenhubschrauber, der bereits lange vor der Kundgebung den Platz
überflog wie auch lange nachdem sie beendet wurde. Eine "Flugminute"
ist angeblich recht teuer, also wurde da für recht viel Geld geflogen
(unser Blutgeld!). Im Übrigen funktionierten keine Mobiltelefone auf
der Kundgebung, der Empfang wurde wohl absichtlich unterbunden.
Was
den Inhalt der Kundgebung angeht, so wurde wieder das Standartprogramm
geboten. Erst ging es um den zusammengeknüppelten Marsch in Moskau vor
ein paar Tagen. Dann über die heutigen Hindernisse für die Aktivisten
(wer in der Metro festgehalten wurde, wer man direkt in der eigenen
Wohnung verhaftet hatte, sogar Limonov quäkte irgnedetwas, schaltete
aber später sich selbst das Mikrofon ab). Dann ging's los gegen die
käuflichen Machthaber, jeder kriegte etwas ab: Oligarchen, Beamte,
Präsidenten und andere Parasiten, die einen vom Leben abhalten. Und
natürlich, wie eben alle solche Veranstaltungen so enden, rief man das
Publikum zum Kampf auf - für die gute Macht, für die Volksmacht, für
ehrliche Wahlen, für "unsere" Kandidaten und ähnliches mehr. Einige
Minuten vor Ende gingen wir wieder aus der Absperrung und warteten ab,
was passieren würde.
Teil 2 - in Moll.
Die Kundgebung
fing an, sich aufzulösen, ein Teil ging nach einigen Minuten
geschlossen zur Metro. Die Station "Vladimirskaja" war versperrt, also
marschierten alle zur "Puschkinskaja". Es bildete sich eine Kolonne von
NBPlern und anderen. Man marschierte weiter, rief Losungen und
schwenkte Fahnen und Plakate. Die Kolonne wurde am Bahnhof aufgehalten,
Tumulte fingen an. Im allgemeinen Getümmel wurden wir gekesselt, da die
Puschkinskaja-Station und der Vladimir-Bahnhof gesperrt und die
Seitenstraßen blockiert waren. Der Kessel auf dem Bahnhofsvorplatz, in
dem sich viele Kundgebungsteilnehmer wie auch normale Bürger
wiederfanden, wurde zu einem Art Polygon, zu dem immer mehr
OMON-Spezialkräfte strömten, aber auch immer mehr Protestierende. Ein
Gerenne fing an, ein Rückzug unter dem Druck der zu Tieren gewordenen
Bullen. Flaschen flogen, irgnedjemand kletterte auf einen Kiosk und
fing an, von dort mit einem Flagstock auf die Bullen einzudreschen,
aber diesen waren auch nicht mit Blumen da. Irgendeine zufällig in
diesen Fleischwolf hereingeratene Oma mit Enkelkind rief etwas. Die
Menge skandierte "Faschisten!" und andere Losunge gegen die schier
grenzenlose Bullenwillkür. Alles war wie im Kino oder im Traum - der
Staub von dem über uns schwebenden Hubschrauber, Schreie, Gerenne. Alle
rennen, Kurzsprints von Büdchen zu Wänden. Leute drücken sich an die
Wand, verstecken sich hinter Zäunen, versuchen sich vor neuen
Bullenangriffen zu schützen. Das Scharmützel mit der
Demonstrantenkolonne ist nicht mehr zu sehen, obwohl es wohl
weitergeht. Der Zugang zur Metrostation wurde geöffnet, der OMON trieb
die Leute dahin und fing nun an, völlig bar jeder Vernunft auf die
Menschen einzudreschen; ich habe gesehen, wie ein alter Mann direkt in
der Menschenmenge vor der Metro zusammengeknüppelt wurde. Wie durch ein
Wunder entkamen wir über eine kleine Gasse, und konnten nachher einen
Blick auf den nun leeren Platz der Kundgebung werfen (keine Menschen
mehr da, nur OMON). Aber es wurde ruhiger, über Hinterhöfe konnten wir
abziehen.
Schlußfolgerung: die gestrigen Ereignisse in Moskau
und die heutigen in Piter sagen uns nur, daß die Machthabenden Angst
haben. Sie können den Menschen nichts geben außer Gewalt. Ihr Argument
ist der Schlagstock. Die Parasiten haben verstanden, daß der Thron, wo
ihr fetter Arsch hockt, nicht nur wankt - er kippt schon. Und uns ist
es wichtig, dem entgegenzuwirken, daß ein weiterer Arsch sich auf
diesen Thron pflanzt! Alle Ärsche sind gleich! Heute sind sie
Opposition, und morgen am Futtertrog, und dann gibt es neue Knüppel für
uns. Es reicht!
//M
---
Anmerkungen:
(1) Piter: Kosename für St. Petersburg.
(2) Valentina Matvienko, umstrittene Gouverneurin St. Petersburgs, ehemalige KPdSU-Parteifunktionärin.
(3) OMON: Spezieleinheit der russischen Polizei.
(4)
http://de.wikipedia.org/wiki/Marsch_der_Unzufriedenen
(5)
Anm.d.Ü.: Mangels Kenntnis der Petersburger Anarchistenszene kann ich
die Abkürzungen nicht entschlüsseln - Hilfe in den Kommentaren erbeten.
(6) Jabloko: liberale Partei um Ökonomen Grigorij Javlinskij.
(7) OGF: "Vereinigte Bürgerfront", liberale Organisation um Ex-Schachweltmeister Garri Kasparov.
(8) Oborona: "Wehr", liberale Jugendorganisation.
(9)
NBP: "Nationalbolschewistische Partei Rußlands", mittlerweile verbotene
"nationalkommunistische" Partei um Schriftsteller Eduard Limonov, trägt
faschistoid-chauvinistische Züge im ursprünglichen Parteiprogramm,
kämpft aber nun in der bürgerlichen "Volksfront" "Das andere Rußland"
gegen Putins Regime. Innerhalb der Linken wie auch der bürgerlichen
Dissidenten sehr umstritten.
(10) AKM: "Rote Jugendavantgarde",
Jugendorganisation aus dem kommunistischen Spektrum mit
nationalchauvinistischen Zügen, jedoch "linker" als NBP.
(11) RNDR: "Russischer Volksdemokratischer Bund", Organisation um den liberalen Ex-Premierminister Michail Kas'janov.
(12)
DSPA: "Widerstandsbewegung Petr Alekseev", rätekommunistische Gruppe.
Petr Alekseev war ein revolutionärer Arbeiter, der 1877 im berühmten
"Prozeß der 50" verurteilt wurde.
(13) Smena: "(Macht-)Wechsel", liberaldemokratische Jugendorganisation.
(14)
Memorial: Eine der ältesten russischen Menschenrechtsorganisationen,
vor allem um die Aufarbeitung stalinistischer Verbrechen verdient.
MPST: Mezh Proffessionalny Soyuz Trudyashchikhsya (Inter-Professional Union of Workers)
AD: Avtonomnoe Deistvie (Autonomous Action)
Kontakt:
http://www.avtonom.org PLA: St. Petersburg League of Anarchists