Ein zweiter Sommer der Anarchie in Oaxaca?!
von AnarchistInnen ergänzt: Der "Einheit in der Vielfalt" zuliebe, sollten immer alle Positionen zu Wort kommen, ( von daher passt dieser Artikel, der hoffentlich keine Tippfehler mehr enthält, jetzt ja endlich)...
ANARCHIE IN OAXACA
Einige Prinzipien, die libertären, die eng mit
dem Indigenen verbunden sind, haben bewirkt, dass sich fast alle
anarchistischen Kollektive und Organisationen Oaxacas der
zapatistischen Initiative "die Andere Kampagne" angeschlossen haben...
Über die Rolle der AnarchistInnen vrs. APPO vor und nach dem Aufstand
in Oaxaca...
ANARCHIE UND LIBERTRÄE IN DER AUFSTÄNDISCHEN BEWEGUNG VON OAXACA
von: Sergio de Castro Sánchez; 17. Juni 2007
Während
der Monate Juni und November des vergangenen Jahres erlebte der
mexikanische Staat Oaxaca eine Revolte des Volkes, die die ganze Welt
in Erstaunen versetzte und erschütterte. Während die Massenmedien ihren
eigenen Film über den Konflikt präsentierten, lehnte die Bevölkerung
Oaxacas ihren Gouverneur Ulises Ruiz Ortiz (URO, von der
Inistitutionellen Revolutionspartei, PRI) ab und nahm im Rahmen der
Forderung nach Amtsenthebung die Hauptstadt ein, um eine neue
politische und ökonomische Ordnung zu schaffen, die die enormen
sozialen Unterschiede in dem ( mehrheitlich indigenen ) Staat beenden
sollte.
Von historischen Geschehnissen zu sprechen, die zu der
Erhebung führten, ist täuschend. Deshalb zwingt sich unserem Diskurs
eine essentielle Differenzierung auf, zwischen dem was sich vor und
nach dem 14. Juni ereignet hat. Der Kampf in Oaxaca, Mexiko und
Lateinamerika ist in Wirklichkeit eine Fortsetzung und es sind nur die
Beschränktheiten unseres Denkens und der Sprache, die uns zwingen aus
einem speziellen, historischen Interesse heraus, Datum und Geschehnisse
festzumachen und damit "stille" Prozesse" die sich ausserhalb des
geschichtlichen Rahmens im Schoss des Volkes vollziehen", (zumindest
medienpolitisch) ausser Acht zu lassen, ebenso wie die Kämpfe und die
an ihm verübte Repression. Obwohl wir dies wissen, und indem wir
warnen, dass der Kampf in Oaxaca auf die Ankunft der Spanier
zurückgeht, haben wir kein anderes Mittel als uns ausschliesslich auf
die jüngste Vergangenheit zu konzentrieren.
EIN BISSCHEN GESCHICHTE
Dieser
Absatz über den Aufstand 2006 - bis dato wird hier wegen Wiederholung
ausgespart und kann nachgelesen werden unter: www.chiapas.ch
DIE APPO IST NICHT DIE BEWEGUNG GANZ OAXACAS
Während
der Monate, in denen der Konflikt andauerte, verliehen die Massenmedien
( einschliesslich der Mehrheit der "unabhängigen" ) ausschliesslich den
Führern der APPO Stimme, die sich unter dem anfangs gutgemeinten
Leitsatz "Wir alle sind die APPO", sämtliche vom Volk erreichten
Erfolge zuschrieb. Die Stimmen, die von Anfang an diese "Führer"
kritisierten, wurden zum Schweigen gebracht und im Namen der Einheit,
die den APPO-Strukturen fernen Vorschläge vollständig im Unbekannten
belassen.
Unter diesen Stimmen sind die einiger
anarchistischer Gruppen, die in der APPO keine radikale Alternative zum
System sahen, sondern eine Methode der Suche nach und der Verwaltung
von Macht, zu nahe den schon existierenden Strukturen.
Einer
der Räume, der versuchte diese anderen Vorschläge zu verknüpfen und in
die Praxis umzusetzen, war die Interkulturelle Besetzung im Widerstand.
Für Chucho, Mitglied des Kollektivs Tod ygL s Somos Pres ygL s (so
ähnlich wie: Wir sind alle gleich-gestellt- und alle gleiche
Gefangene), der an dieser Erfahrung Teil hatte, handelte es sich um
einen "autonomen Raum ausserhalb des Rahmens der APPO-Struktur (...)
Die APPO rief dazu auf, die Leute zu organisieren und zu lenken. Wir
riefen auf zur Selbstorganisation und dazu, in autonomer Weise zu
arbeiten, weil wir der Auffassung waren, dass die Autonomie den Raum
der Koordination @ller, die sich einer Tendenz in Richtung Freiheit
anschliessen, reflektiert".
Die Besetzung, wenige Häuserblocks
vom Zócalo, (Hauptplatz) entfernt, war nicht ein Ort für ausschlieslich
anarchistische Gruppen, sondern offen für die Gesellschaft Oaxacas,
deren Rückendeckung sie erhielt. Sie befand sich in einer alten Kaserne
der Präventivpolizei und konnte dank der Unterstützung der Bevölkerung,
die dort an dem Projekt und den Entscheidungen in Form von
Versammlungen (Asambleas) Teil nahm, die Wiederherstellung erreichen.
So wie uns Chucho erzählt, "wurde die Entwicklung dieser Art von
Initiativen sowohl von der Staatsmacht wie auch von der APPO selbst
verhindert,(...) deshalb werden wir vorschlagen, diese beiden
Strukturen von Macht zu brechen und die Schaffung von autnomen Räumen
vorantreiben, die Siedlungen oder Gemeinden oder kleine Räume, wie die
Besetzung, sein können". Ein Vorschlag dessen Prinzipen angeblich von
der APPO-Führung verteidigt werden und der der Einklage der Volkes von
Oaxaca näher kommt: "Das Volk merkt selbst, dass keine Regierung nötig
ist und dass Wahrheit Ulises gestürzt und nur eine andere Regierung
installiert werden soll".
Bei den Versammlungen wurde
hinterfragt, ob es zugelassen werden soll, wenn die APPO eine
Regierungsperson für Oaxaca stellt. Es ging darum "dass das Volk sich
darüber bewusst wird, dass keine dieser Fragen von Führung und
Zentralismus in Bezug auf einen Wandel realistisch sind. Unsere Absicht
war nicht, das Volk anstelle der APPO als libertäre Gruppe zu führen,
sondern dass die Praktiken der Autonomie und Selbstverwaltung nach
allen Seiten auf der Basis der Bedürfnisse die jedes Volk hat,
umgesetzt werden.
DIE BARRIKADEN
Die anarchistischen
Gruppen waren auch essentieller Teil des Kampfes und des direkten
Widerstands gegen die verschiedenen Polizeieinheiten, Parapolizei und
Paramilitärs, die vor und nach dem Einfall der PFP (
Bundesschutzpolizei) am 29. Oktober um die Barrikaden stattfanden.
Dabei kritallisierten sich zwei Tendenzen heraus. Während die erste auf
Direkte Aktionen und die Verteidigung gegen die institutionellen
Angriffe konzentriert war, versuchte die zweite, Verbindungen mit den
Stadtteilen und ihren EinwohnerInnen aufzunehmen, um den Volkscharakter
des Widerstands zu begünstigen. Teilweise zum Bild des Kollektivs von
Oaxaca geworden, waren die Barrikaden errichtete Symbole des Kampfs der
Bevölkerung und diejenigen, die an ihnen beteiligt waren (individ ygL s
-gleichgestellte Individuen jeder Art; Anarchopunks aber auch Leute,
sagen wir mit orthodoxerer Kleidung und Gewohnheiten) Standarten des
Kampfes gegen URO. Ungeachtet, dass sie aktuell selbst von einem
gewissen Teil der APPO kriminalisiert werden, waren diese Gruppen die
Protagonsiten nicht nur des täglichen Widerstands, sondern auch der
verschiedenen Konfrontationen mit der PFP.
Aber darüber
hinaus, war die eigene Erfahrung der Organisierung der Barrikaden sehr
nahe an der Anarchie. Wie etwa Noé, ein Student, der aus nicht
definierten ideologischen Gründen an den Kämpfen teilnahm,
erzählt,"waren die Barrikaden eine Erfahrung der Gleichheit, bei der
@lle, absolut @lle, auf dieselbe Weise an den Entscheidungen Teil
hatten".
ANRCHISTEN/TINNEN INNERHALB DER APPO
Aber
nicht alle anarchistischen Gruppen haben denselben Weg gewählt. Das
Indigene Volkskomitee von Oxaca Ricardo Flores Magón (CIPO-RFM), zog es
vor, sich sich nach eigenem Kriterium und mit einer kathegorischen und
klaren Kritik, der Initiative der APPO anzuschliessen. Dolores
Villalobos, eines seiner Mitglieder. "Wir glaubten, dass es es sich um
einen Raum dreht, der geschaffen werden musste. Jetzt wissen wir, dass
nicht alle Leute ehrlich sind oder dass wir verschiedenen Wege haben,
da Einige auf den Weg der Wahlen oder den bewaffneten Kampf setzen.
Aber es ist unsere Pflicht den anderen Vorschläge zu machen und deshalb
nehmen wir Teil an der APPO (... ) Wir sind in allen Bewegungen, in
welchen sich die Möglichkeit abzeichnet, etwas aufzubauen. Wenn wir
sehen, dass dem nicht so ist, nun, dann gehen wir". Aus demselben Grund
werden sich viele Individuen und Gruppen veranlasst sehen, am
Staatsweiten Rat mit 260 Mitgliedern, der von der Konstituierenden
Versammlung am 11. Und 12. November gebildet wurde, teilzunehmen, in
dem Vertrauen, dass aus diesem Organ eine wahrhaftige Repräsentation
der übrigen Bevölkerung hervorgehen könnte.
Als es von den
Spitzen des Staatsweiten Rats aus und innerhalb der Gruppen, die daran
interessiert sind, die institutionelle Macht zu erlangen darum ging,
die Teilnahme der APPO an den Wahlen aufzuzwingen, gehörten libertäre
Gruppen wie der CIPO-RFM aber auch andere, die z.B. zur
Zapatistisch-Magonistischen Allianz gehören wie OIDHO oder CODEDI, zu
denjenigen welchen es gelang diese Initiative zu stoppen. Der bei der
Versammlung Anfang Februrar erreichte Konsens war, dass die APPO als
solche nicht an den Wahlen teilnimmt, dass aber die Gruppen, die das
wollen, dies unter eigenem Namen tun können. Die Einheit wurde
scheinbar gerettet, aber die Aktionen von mafiosen Organisationen wie
die Revolutionäre Volksfront, FPR (die selbst von sozialistischen
Gruppen wie der Sozialistischen ArbeiterInnenpartei hart kritisiert
werden) haben dazu geführt, dass in der APPO gegenwärtig eine grosse
interne Spaltung und eine insgesamte Entfernung des Staatsweiten Rats
von der oaxakenischen Bevölkerung existiert.
ANARCHISMUS, MAGONISMUS UND INDIGENES GEMEINWESEN
Vom
aktuellen Anarchismus in Mexiko zu sprechen, heisst von Ricardo Flores
Magón und dem Magonismus zu sprechen, der Anfang des Jahrhunderts, auf
den zweiten Platz verwiesen, gegenüber dem schliesslichen Reformismus
der Mexikanischen Revolution in Erscheinung trat und der in engster
Weise Eins war mit der indigenen Denkweise, in der Flores Magón mehr
fand als nur die Inspiration zu seinen Vorschlägen.
Seit ihrer
Bildung definiert sich die APPO als heterogene Gruppe, die sich aus den
verschiedenen ideologischen Tendenzen zusammensetzt. Ihr vermeintlicher
Versammlungscharakter versucht die APPO als Basisstruktur durch
horizontale politische Entscheidungsfindung darzustellen, indessen
jedoch Gruppen mit markant vertikalem Charakter die sichtbarsten
Stellungen in den Medien für sich gewinnen und sich selbst zu Sprechern
des Volkes von Oaxaca ernannt haben.
Teil des von der APPO
beständig verteidigten Diskurses ist die Verteidigung der Rechte der
Naturvölker und deren politische Organisationsformen. Trotzdem muss
klar gestellt werden, dass die gegenwärtigen Libertären wie die
MagonistInnen, die Einzigen sind, die tatsächlich ihren politischen
Diskurs auf der Basis dieser Praktiken der "Sitten und Gebräuche" der
indigenen Völker/Gemeinschaften aufgebaut haben. Konzepte wie die
Autonomie, Selbstverwaltung oder das Versammlungswesen (asamblearismo)
sind Beispiele für die Weise in der das Indigene und die Anarchie in
fundamentalen Punkten ihrer Vision von Politik und sozialen Beziehungen
übereinstimmen.
Gegenüber der Verteidigung der von
marxistischen Theorien, wie von Héctor Díaz-Polanco, durchgeführten
"regionalen Autonomie", nähert sich das von der indigenen Anthropologie
in Oaxaca geschaffene Konzept der "kommunalen/gemeinschaftlichen
Autonomie" bedeutend mehr den kulturellen Prinzipien der indigenen
Kosmosversion an. Für den zapatekischen Anthropologen Jaime Martínez
Luna "müssen wir betonen, dass wir auch unsere eigenen Gesetze haben;
logische Denkweisen, die sich im Verlauf von Jahrhunderten gebildet
haben; Begriffs-Verständnisweisen vom Leben, die uns dazu verhalfen,
zahllose interne Probleme zu lösen. Trotzdem werden dieses Recht und
dieses Wissen zunichte gemacht, um Rechtfertigungen/Begründungen
aufzuzwingen, die in den unseren verschiedenen Bereichen untersucht und
entwickelt wurden und die Erfahrungen entstammen, die unsere Realität
nicht teilt". Ein Beispiel dafür ist "die immerwährende
Begründung/Rechtfertigung mit dem individuellen Recht". Nie wird in
gemeinschaftlichem Recht gedacht; d.h. es wird beständig mit dem
Terminus der Interessen des Individuums argumentiert und dass jede
Handlungsweise individuellem Recht zu entspringen habe. Die
Möglichkeit, dass das Handeln Ergebniss sozialen oder besser
gemeinschaftlichen Tuns ist und ein anderer Umgang mit "dem
Indianischen" werden nicht in Betracht bezogen".
Benjamín
Maldonado, Autor von Büchern wie "Die Utopie von Ricardo Flores Magón"
oder "Autonomie und indigenes Gemeinschaftswesen", definiert "dass eine
anarchistische Welt, eine gemeinschaftliche Welt ist. Ein weiterer
unserer bezugspunkte ist die Definition von Ricardo Flores Magón, der
die Anarchie als grundlegende Ordnung für gegenseitige Unterstützung
ansieht. Es muss verstanden sein, dass ein guter Teil der
AnarchistInnen versucht hat, eine der Struktur der indigenen
Gemeinschaften Oaxacas ähnliche Welt zu formen und aufzubauen: durch
gegenseitige Unterstützung; mit dem Willen, enorme Mengen von Arbeit
für die Übrigen, den Aufbau und die Rekonstruierung der Gemeinden zu
bewältigen; mit einer Struktur, bei der die Macht in der/bei der
Versammlung liegt und nicht nur bei den Repräsentanten; mit einem
territorialen Raum, indem diese Gemeinschaft die "Macht" ist; mit einem
System von Regierungsteilung und ohne Korruption; mit einem System der
Verteilung des Selbstproduzierten, was in gewissem Maße regionale
Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln ermöglichte und vor allem mit der
Lust auf Gemeinsamkeit und diese in jedem Moment unter Aufbietung aller
Energien und Ressourcen zu leben.
Für Maldonado "besteht die Gemeinschaftlichkeit, das Rückgrat des indigenen Seins, aus vier zentralen Elementen:
dem gemeinsamen Territorium (Nutzung und Verteidigung des gemeinsamen Raums)
der gemeinschaftlichen Arbeit (innerfamiliär durch gegenseitige
Unterstützung und in der Gemeinschaft, über el tequio, d.h. durch
unentgeltliche Arbeiten zum Allgemeinwohl der Gemeinde)
der
kommunale "Macht" (Teilnahme an der Versammlung und Erfüllung der
verschiedenen zivilen und religiösen Ämter, die das Regierungssystem
ausmachen)
sowie der gemeinsame Genuss/Lebensfreude (Teilnahme an den Festen und ihrer Vorbereitung und Unterstützung)”.
All´dies
basiert auf einem Prinzip, über das die gemeinschaftliche Idendität
gebildet wird, die Autonomie: "Seit ihrer Bildung war die Idee der
Gemeinschaftlichkeit verbunden mit der Idee der Selbstbestimmung,
aktuell formuliert, mit der Autonomie. Genau die Gemeinschaftlichkeit
ist, was die notwendigen Bedingungen für die Autonomie ausmacht und
schafft (wiederherstellt)". In diesem Sinne muss die Abschaffung der
staatlichen und unterdrückenden Autorität für den autonomen Willen als
Übung zur gemeinschaftlichen Organisierung verstanden werden". Von
daher ist die Erfahrung der indigenen Völker eine "historische
Demonstration dessen, was in kollektivistischen, antiautoritären
Gesellschaften an Lebensqualität erreicht/geschaffen werden kann".
Dieser
antiautoritäre Charakter politischer Organisation der Gemeinschaften
basiert exakt auf seiner eigenen Konzeption von "Macht" als Dienst an
der Gemeinschaft und dem Versammlungswesen (asamblearismo) als Methode
der politischen Entscheidungsfindung.
Für Martínez Luna, ist
die Bedeutung der Macht in einer indigenen Gemeinschaft im Gegensatz zu
dem, was sie in der mestizischen ländlichen oder städtischen Welt
verkörpert, sehr unterschiedlich. "In unseren Gemeinschaften/Gemeinden
ist Macht ein Dienst; d.h. die Ausübung von Versammlungslinien, einer
Gemeinschaft(lichkeit). Das andere bedeutet die Ausübung von
Entscheidungen einer Autorität die über Wahlmechanismen, die von der
Gesellschaft nur wenig kontrolliert werden (können) gewählt wurde (...)
Eine gemeinschaftliche Autorität ist praktisch ein Amt im Dienste
@ller; ein Amt das nicht vergütet wird; das zu besitzen nicht gestattet
wird und falls dies doch geschieht, kann sich der Selbstautorisierte
nur realisieren, wenn es eine Consulta (Befragung @ller) gibt. Die
politische Macht in den mestizischen ländlichen oder städtischen
Gesellschaften ist das genaue Gegenteil. Sie ist die Gelegenheit,
eigene Ideen und persönliche Interessen zu befriedigen; eine Consulta
existiert nicht". Die Asamblea/die Versammlung ist die höchste
Autorität der Gemeinschaft; es ist die Zusammenkunft aller
Familienoberhäupter an der auch die Frauen teilnehmen. An ihr
partizipieren sowohl Schweigsame wie Beredte; sowohl LandarbeiterInnen
wie KunsthandwerkerInnen und Professionelle. Die Versammlung basiert
auf dem gemeinschaftlichen Konsen, auch wenn in Vielen Fällen aufgrund
praktischer Gründe das Mehrheitsprinzip (Abstimmung) zum Tragen kommt.
Die Wahl der Autoritäten beinhaltet keinerlei parteiische Absicht und
Aufliniebringen; sie gründet auf Ansehen und dieses wiederrum in der
Arbeit". Eine Machtkonzept das die politischen Parteien zu "unseren
dirketen Hindernissen macht (werden lässt)".
Aus dieser
Sichtweise und vielleicht wegen ihr, waren die sozio-politischen
Vorschläge der indigenen Gemeinden, als der Entwicklung und dem
Fortschritt der westlichen politischen und ökonomischen Systeme ferne
Gemeinschaften, verschmäht, während sie in Wahrheit eine reale ( nicht
nur utopische) Alternative zu den aktuellen Strukturen bieten. Für
Chucho ist "der indigene Kampf, das was die Kraft zu einer
tatsächlichen Veränderung gibt. Die Praktiken des Gemeinschaftslebens
sind, was den Staat tatsächlich konfrontieren kann". Indem eine enge
Verbindung zwischen den Indigen@-Praktiken des Versammlungswesens und
der Selbstverwaltung und den städtischen anarchistischen Gruppen
geschaffen wird.
Einige Prinzipien, die libertären, eng mit
dem Indigenen verbunden - auch wenn wir uns nur in bezeugender Weise
auf sie beziehen können - haben bewirkt, dass sich fast alle diese
Kollektive und Organisationen der zapatistischen Initiative der
"Anderen Kampagne" ( siehe dazu: ) angeschlossen haben.
ERLEBTE OAXACA EINEN ZUSTAND DER ANARCHIE ?
Bei
einer Gelegenheit sagte uns eine Verkäuferin an einem Lebensmittelstand
auf dem Markt Pochote, sie "vermisse die Tage, in denen wir die
Anarchie lebten". Sicher wäre ihre Versicherung hinsichtlich einer
akademischen und komplexen Definition über das, was der "Zustand der
Anarchie" ist, wenig ortodox, aber ausgehend von ihrer Teilnahme an den
Barrikaden, zeigt eine, wenn gar nicht gemeingültige Intuition, die mit
Sicherheit in Vielen gegenwärtig ist, die Teil der aufständischen
Bewegung waren. Die ausser Kraft gesetzten repressiven Institution (
die zumindest keine offizielle Präsenz mehr in der Stadt zeigten); die
ausserhalb jeden Rahmens organisatorischer Führung entwickelten
Widerstandsaktionen des Volkes; die gegenseitige Solidarität und
Unterstützung derjenigen, die die Strassen füllten; die eigene
Organisierung auf den Barrikaden... all´das ist sicherlich die Basis
dieser Intuition.
Für Dolores Villalobos ist "etwas, was
niemand wieder vergessen kann. Dass alle auf der Strasse waren und das
alles wirkliche Geschwisterlichkeit war (...) Es gab eine Form der
Organisierung, der Solidarität, der gegeneitigen Unterstützung;
einer/eine kümmerte sich um den/die anderen/andere. Deshlab glaube ich,
dass der Widerstand weitergeht, weil es möglich ist, dass die Leute
diesen Schritt tun. Das ist das Wichtige: Wie eine andere Beziehung
zwischen den Menschen beginnt. Die Leute zogen sich vor denjenigen
zurück, die glaubten sie könnten die Bewegung kontrollieren. Dies war
mit ein Grund, dass es soviele Repressionen gab, denn die regierung
sah, dass sie nicht Macht hatte, Kontrolle auszuüben, weil niemand
derjenigen am Verhandlungstisch bremsen oder sagen konnte "das wird
gemacht", sondern weil stattdessen diejenigen in den Besetzungscamps
und auf den barrikaden es waren, die die Richtung der Bewegung
entschieden".
Für Chucho handelt es mehr um "Handlungsformen
gegenüber dem direkten Angriff des Staats", die nicht genau mit
Anarchie übereinstimmen, auch wenn sicher eine Weise von "Ungehorsam"
sowohl in Bezug auf den Staat als auf die APPO existiert.
Benjamín
Maldonado ist pessimistischer: "Ich glaube, dass wir eine
Chaossituation und keine Anarchie erlebt haben. Ich sah viel
Kreativität, aber es fehlte an Klarheit; viele Eenergien, aber es
mangelte an einem Projekt; viele Vorstellungen, aber ohne eine Vision
und viel Zusammenfluss, ohne dass gesehen wurde, dass keine Möglichkeit
zu einer Fortsetzung bestand".
DIE AKTUELLE SITUATION
Trotz
der repression und der internen Gruppen, die die ursprünglichen
Prinzipien, aus welchen die bewegung hervorging, aufgegeben haben, hat
der von den indigenen Lebensformen inspirierte Kampf in Oaxaca für
einen strukturellen Umsturz nicht aufgehört. Ein beispiel dafür die
erst kürzlich erfolgte Entsstehung von "Oaxakenische Stimmen schaffen
Autonomie und Freiheit/ Voces Oaxaqueñas Construyendo Autonomía y
Libertad (VOCAL), ein nicht nur für anarchistische Individuen und
Kollektive geschaffener Raum, sondern auch für viele @ndere, die seit
Beginn der Mobilisierungen innerhalb und ausserhalb der APPO kämpfen.
Ein Raum, der sich auf der Autonomie als Basis der sozio-politischen
Ordnung gründet und auf der Ablehnung, die Zügel unseres politischen
Schiksals in die Hände der politischen Parteien zu geben.
Dafür
war VOCAL Ziel von Schickanierungen und Repression, und das nicht nur
von Staatsseite. Ein unverkennbar deutliches Beispiel dafür ist die
Verhaftung am 13. April eines seiner Mitglieder, David Venegas Reyes,
der auch Mitglied des Staatsweiten Appo-Rats ist, von wo aus er die
Pro-Wahl Positionen von Leuten bekämpfte, die er als verräter der
Bewegung definierte ( und die wiederrum ihn als Infiltranten
bezeichneten ) ( Anrmkg. Subkomandante Marcos erkläre sich in einem
Kommunique öffentlich seine Solidarität mit Venegas Reyes).
Gegenwärtig
erlebt Oaxaca einen Zustand selektiver Repression und Druckausbübung
gegen alle Gruppen, die weiterhin verteidigen, dass der Staat und die
formelle Demokratie, die ihn aufrechthält, notwendigerweise
verschwinden müssen. Diese Repressionen werden unterstützt von Gruppen
wie der FPR, die alle kriminalisiert, die sich ihrer Absicht, die
institutionelle Macht zu erlangen, in den Weg stellen. Mit Sicherheit
werden die Massenmedien Prozessen den Rücken decken, die früher oder
später zum Ausbruch kommen und zu Situationen führen werden, die
lukrative Bilder aus erster Reihe liefern. Bis dahin darf nicht
vergessen werden, was m@n hierzulande zu sagen pflegt: "Zapata lebt,
der Kampf geht weiter!"
( Quelle:
http://www.rojoynegro.info/2004/spip.php?article18538 )
Übersetzung: tierr@
Weitere Positionierungen ( in Spanisch ):
Guerra social en Oaxaca
http://barcelona.indymedia.org/newswire/display/307262/index.php
Paramilitares vs. guerrilla en Oaxaca
http://oaxacalibre.net/oaxlibre/index.php?option=com_content&task=view&id=970&Itemid=30