Dokumentation: Israelische Soldaten besetzen Schulen (in Israel)
Letzten Mittwoch (26.3.08) hatte die israelische Armee ihren größten Einsatz des Jahres: 8000 Soldaten haben mehr als 400 Schulen im ganzen Land besucht, um die nicht immer vom Militärdienst begeisteren Jugendlichen zu motivieren, in die Armee einzutreten. Protest dagegen von anti-militaristischen AktivistInnen gab es auch.
Obwohl es in Israel immer noch eine Kriegsdienstpflicht gibt (3 Jahre für Männer, 2 für Frauen), findet es die Armee immer schwerer diese Pflicht durchzusetzen. Jedes Jahr nimmt die Zahl der Eingezogenen ab und der gesellschaftliche Konsenz in der Ablehnung von "Drückebergern" ist auch nicht mehr so stark wie in früheren Jahren.
Die
israelische Armee und viele nationalistische Politiker empfinden diese
neue Entwicklung als eine der größten Bedrohungen für den jüdischen
Staat und versuchen , einerseits mit einer Hetzkampagng gegen
Deserteure und andererseits mit "pädagogischen Aktionen" in den Schulen
, die kriegstdienstmüden jungen Leute bei der Stange zu halten.
Werbeplakate auf den Straßen und Bussen unter dem Motto "ein echter
Israeli weicht nicht aus" wie auch eine Fernsehrwerbung gegen
"Drückeberger" (
http://uk.youtube.com/watch?v=jDHW1H6Nb5U), auf die mit einer scharfen Satire geantwortet wurde (
http://youtube.com/watch?v=woXH80EXi_s
), haben keinen großen Erfolg gebracht, und jetzt versucht die Armee in
den schon immer militarisierten Schulen noch mehr Einfluss zu gewinnen.
Vorgestern haben 8000 Soldaten, die Mehrheit aus "Kämpfenden
Einheiten", mehr als 400 Schulen überfallen und mit den Schülern über
das alltägliche Leben eines Soldaten gesprochen. Dabei wurde über die
Besatzung, die chauvinistische Behandlung von Frauen in der Armee oder
die vielen Selbstmordversuche von jungen Soldaten nicht viel gesagt.
Geredet wurde vielmehr über "Action" und Spaß, die die Soldaten bei
nächtlichen Festnahmen und Überfällen genießen, und die besondere
starke Kameradschaft in den eigenen Einheiten.
Anti-militaristische
AktivistInnen haben schon in der Nacht vorher viele Plakate an Gebäuden
des Militärs in Tel Aviv und Jerusalem geklebt, auf denen Offizieren
untersagt wird, sich Schulen zu nähern, und die De-Militarisierung des
Erziehungssystems gefordert wird.
Am Tag der Invasion haben
die anti-militaristischen AktivistInnen eine Kundgebung und Performance
vor einer Schule in Tel Aviv veranstaltet: Ein überdimensionalees
Gehirn wurde mit großen Bürsten durch „ Soldaten“ gewaschen, um gegen
die Gehirnwäsche der Armee zu demonstrieren. Die Aktion hat nicht nur
Spaß gemacht, sondern auch die Aufmerksamkeit der israelischen Medien
geweckt, die mehrfach darüber berichteten.
Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Sand im Getriebe
Immer mehr junge Israelis entziehen sich dem Militärdienst.
Gesellschaft beklagt Bedrohung durch die »Deserteure«.
Kürzlich veröffentlichten die israelischen Streitkräfte Zahlen zur
diesjährigen Rekrutierung. Sie offenbaren, daß 25 Prozent der jüdischen
Männer und 40 Prozent der jüdischen Frauen im Alter von 18 Jahren
nicht zum Militär gehen. Bemerkenswert ist, daß zum ersten Mal der Anteil
der Nichteingezogenen ein Viertel eines Jahrgangs der jüdischen
Bevölkerung im wehrfähigen Alter ausmacht (Ausgenommen von der Wehrpflicht sind u.a.
alle israelischen Araber sowie alle nichtjüdischen, schwangeren oder verheirateten Frauen.
Die Redaktion) Die Quote der Soldaten und Soldatinnen, die der Armee in den
ersten Monaten ihrer Dienstzeit den Rücken kehren, beläuft sich auf
18 Prozent, Tendenz steigend. Außerdem wollen immer weniger in
Kampfeinheiten dienen, innerhalb eines Jahres gab es einen Rückgang um
1,5 Prozent. Details über Reservisten wurden nicht veröffentlicht. Es
ist jedoch bekannt, daß auch ihre Bereitschaft, sich mobilisieren zu
lassen, rapide abnimmt.
Die Veröffentlichung der Zahlen und deren Erläuterung durch den
Armeesprecher lösten in Israel eine heftige öffentliche Debatte aus.
Dabei wurde der Ruf nach Bestrafung derjenigen, die sich nicht
einziehen lassen, unüberhörbar. Bei der angeblichen Bedrohung Israels durch die
»Deserteure« blieb die Hauptursache für den beklagten Trend
allerdings unerwähnt: der wachsende Anteil ultraorthodoxer Gemeinden, deren
Mitglieder de facto automatisch vom Militärdienst befreit werden, um
ihren religiösen Pflichten uneingeschränkt nachkommen zu können.
Tatsächlich wächst in den letzten 20 Jahren die Zahl säkularer
Juden, die sich nicht einziehen lassen, langsam, aber kontinuierlich. Und es
sind gerade jene, auf die das Militär nur ungern verzichtet: gut
ausgebildete und begabte Abiturienten oder Studenten mit stabilem
sozialen Hintergrund, die Offiziere werden oder andere für die Armee
wichtige Dienste leisten könnten.
Für Militär und Politik ist allerdings nicht nur der Verlust dieser
Soldaten ärgerlich. Besorgniserregend ist auch die Zustimmung, die
ihre Entscheidung in Teilen der israelischen Gesellschaft findet. Für
Israel waren militaristische Werte immer zentral. Sie werden jedoch seit den
90er Jahren, einhergehend mit dem Zerfall des Sozialstaats, der
rasanten und gnadenlosen Durchsetzung des Neoliberalismus sowie der Fortsetzung
der Besatzung, zunehmend in Frage gestellt.
Israel ist in eine ambivalente Situation geraten. Mit dem Beginn der
zweiten Intifada und dem Abschied von der Vision eines »Neuen Nahen
Ostens« sind Nationalismus und Militarismus zwar wieder in Mode
gekommen. Ihnen fehlt jedoch in der heute eher auseinanderdriftenden
Gesellschaft die vereinigende Kraft, die sie früher hatten. Zusammen
mit dem Schwinden der sozialen und ökonomischen Sicherheit, auf die sich
die meisten Israelis bis in die späten 80er Jahre verlassen konnten,
beginnt auch der nationale Zusammenhalt zu bröckeln.
Ihren Tiefpunkt erreichte diese Krise während des letzten
Libanon-Krieges. Nicht nur die Planlosigkeit und fehlende Koordination
der israelischen Armee im Libanon wurden gegeißelt, auch der
unzureichende Schutz der Bevölkerung im Norden Israels stieß auf
harte Kritik. Wer weniger gut gestellt war und in den entsprechenden
Wohngebieten lebte, hockte in feuchten und schmutzigen Bunkern und
blieb im Raketenfeuer weitgehend sich selbst überlassen. Ober-
und Mittelschichtfamilien hingegen fanden in israelischen Hotels und im
Ausland Zuflucht.
Diese desillusionierenden Erfahrungen trugen dazu bei, daß die Option,
sich nicht einziehen zu lassen, in Teilen der Gesellschaft akzeptabel
wurde und häufig von jungen Menschen der Mittel- und Oberschicht
gewählt wird. Demgegenüber gehen Angehörige der jüdischen Unterschicht,
häufig orientalischer, neuerdings auch russischer oder äthiopischer Herkunft,
immer noch in großer Zahl zum Militär. Das vorrangige Motiv: ihre
Aufstiegschancen zu verbessern.
Die meisten Israelis, die sich dem Militärdienst entzogen haben,
würden ihre Entscheidung nicht als politisch bezeichnen. Sie interessieren
sich in der Regel nicht für Politik, mehr noch, sie wenden sich längst
angewidert von ihr ab. Viele begründen ihren Entschluß, sich nicht
einziehen zu lassen, mit persönlichen Abwägungen ohne direkten Bezug
zur Besatzung oder zum letzten Krieg. Deshalb ist durchaus fraglich, ob
diese jungen Israelis, die den Militärdienst vermeiden, tatsächlich
den Beginn einer Demilitarisierung der Gesellschaft einläuten. Solange
sich die Nichteingezogenen – anders als die politischen Verweigerer –
nicht politisch artikulieren, sind sie leichte Beute für Medien, Militär
und Politik, die keine Gelegenheit auslassen, sie zu tadeln, um
Nationalismus und Militarismus zu predigen.
"Ein echter Israeli verweigert nicht!"
Israel macht mit einer Videokampagne mobil gegen Kriegsdienstverweigerung
Kein
Staat steht Kriegsdienstverweigerung positiv gegenüber, besonders dann
nicht, wenn sich dieser Staat - wie z.B. Israel - in einem dauerhaften
Krisen- bzw. Kriegszustand befindet. Nun macht die israelische
Regierung mittels einer Videokampagne namens "Ein echter Israeli
verweigert nicht!" (1) mobil gegen seine zusehends "unmotivierten"
wehrpflichtigen Männer und Frauen.
Der Werbespot, der Israels
Jugend davon überzeugen will, dass man den Militärdienst auf keinen
Fall umgehen dürfe, wenn man ein "echter Israeli" sein wolle, wird in
den wichtigsten TV-Kanälen in Israel gezeigt. Diese Kampagne - die sich
besonders gegen jene richtet, die den Kriegsdienst mittels
vorgespielter psychischer Krankheiten umgehen - bleibt aber nicht
unwidersprochen: Eine Gruppe israelischer FriedensaktivistInnen hat ein
Gegenvideo gedreht, das den Spieß einfach umdreht - nicht der
Verweigerer bzw. der, der sich "rausgeschlichen" hat, ist derjenige,
der sich seiner Taten schämt und im Boden versinken möchte, sondern der
Soldat. Die Videos - das vom Staat und das von den
KriegsdienstverweigerInnen gedrehte Gegenvideo - können beide im
Internet angesehen werden und sind teilweise auf Hebräisch und
Englisch, wobei das Pro-KDV-Video mittlerweile mit englischen
Untertiteln versehen wurde. (2)
Das Video der Regierung
Folgende
Szene: Eine Runde von hübschen, jungen Israelis sitzt gemeinsam mit
TouristInnen in einer Kneipe und bekommt Tee serviert. Ein Mann in der
Runde nimmt sein Glas und meint: "In der Infanterie wäre so ein Glas
genug für einen ganzen Zug."
Die Frau neben ihm unterbricht
ihn und nimmt ihm das Glas weg: "Gib der Unteroffizierin mal ein Glas!"
In der Runde befinden sich auch Leute, die offensichtlich TouristInnen
sind, deshalb beginnt einer aus der Runde, ihnen in Englisch zu
erklären, worüber sie sich gerade unterhalten haben. "Wir sprechen
gerade von der Armee. Ich war bei der Luftwaffe. Sie war eine Mashakit
Tash." (3) Die Touristin unterbricht: "Mashakit Tash?" "Eh, bei
Problemen mit SoldatInnen. Er war in der Golani." (4) Der betroffene
junge Mann aus der Golani-Einheit hebt stolz sein Glas, um zu
signalisieren, dass er gemeint ist. Nun wendet er sich der letzten
Person in der Runde zu: "Und er ... Bruder, wo warst du in der Armee?"
Der Angesprochene blickt unsicher und beschämt um sich und schweigt. Der Verweigerer ist bloßgestellt!
Anschließend
liest man: "Ein echter Israeli verweigert nicht! Ein Verweigerer:
jemand, der entscheidet, nicht in die Armee einzutreten, obwohl er dazu
verpflichtet ist."
Das Gegenvideo
Folgende Szene: Eine
Runde von hübschen, jungen Israelis sitzt mit TouristInnen in einer
Kneipe und bekommt Tee serviert. Ein Mann in der Runde nimmt sein Glas
und meint: "In der Infanterie wäre so ein Glas genug für einen ganzen
Zug." Die Frau neben ihm unterbricht ihn, nimmt ihm das Glas weg und
erwidert höhnisch: "Die Infanterie, die Infanterie."
Ein
junger Mann in der Runde beginnt zu erzählen: "Ich habe dieses
Infanterie-Gerede schon so satt. Ich war auch in der Infanterie, weißt
du? Ja! Ich war in Hebron für ein paar Monate und nachdem ich gesehen
habe, was dort passiert ist, habe ich gesagt, dass ich kein Teil mehr
davon sein will, und ich bin in den Süden gegangen, um mit Kindern zu
arbeiten."
Die Frau ihm gegenüber schaltet sich in das
Gespräch ein: "Echt? Ich bin auch bei der Hälfte meines Diensts
rausgegangen. Ich bin eigentlich voller Motivation hingegangen. Ich war
eine Mashakit Tash, bis zwei Soldaten von mir sich in dem selben Monat
in den Kopf geschossen haben. Ich bin selber aufgrund psychischer
Gründe rausgegangen.
Niemand kümmert sich um die Soldaten
dort." Der dritte erzählt seine Geschichte: "Ich bin gar nicht erst
eingetreten. Ich bin zu ihnen gegangen und sagte: ‚Ich bevorzuge es, in
den Knast zu gehen, anstatt in die Armee, solange meine kleinen Brüder
kein Geld für Schulbücher haben.' Du musst niemandem beweisen, dass du
ein echter Israeli bist."
Auch in dieser Runde finden sich
TouristInnen wieder, denen nun in Englisch erklärt wird, worüber
gesprochen wurde: "Wir sprechen gerade über die Armee. Ich war am
Anfang in der Golani und dann habe ich verweigert. Ich habe stattdessen
Zivildienst (5) gemacht."
Er zeigt auf die Frau ihm gegenüber:
"Sie hat gesehen, was die Armee mit Leuten macht, Mashakit Tash ..." Er
wird von der Touristin unterbrochen: "Tash?" "Eh, bei Problemen mit
Soldaten." Der Mann versucht, in Englisch die Geschichte des Dritten in
der Runde zu erzählen, wird aber unterbrochen von der ehemaligen
Mashakit Tash: "Seine Familie war dem Staat scheißegal, deshalb hat er
sich entschieden, gar nicht erst hinzugehen." Der betroffene junge
Mann, der verweigert hat, hebt stolz sein Glas und grinst, um zu
signalisieren, dass er gemeint ist. Eine der Touristinnen wendet sich
nun dem letzten in der Runde zu: "Und du? Bist du zur Armee gegangen?"
Der Angesprochene blickt unsicher und beschämt um sich und schweigt. Der Soldat ist bloßgestellt!
Anschließend
liest man: "Ein echter Israeli verweigert nicht DIE WAHRHEIT! Ein
Wahrheitsverweigerer: jemand, der das Armeepflichtgesetzt blind
befolgt."
Sebastian U. Kalicha
