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Dokumentation: »Immer wieder Reitgerten«

by fdaadmin last modified 2008-01-21 14:32

Gespräch mit Leander Sukov und Julietta Barrientos. Über SM und Weihnachten, Linke und Freiheit, Kopfkino und Uniformen, Alexandra Kollontai und einvernehmliche Körperverletzung - Interview: Christof Meueler

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Leander Sukov, 50, und Julietta Barrientos, 44, sind bekennende Sadomasochisten (SMer). Er ist Schriftsteller, sie ist Sprecherin für Bühne und Hörbücher. Beide leben in Berlin und sind organisiert in der linken BDSM-Gruppe »Böse Blumen«, die mit dem Slogan wirbt »Wir sind die Base! Wir neutralisieren das Moralinsaure«. (boese-blumen.de)

Mit dem Standtheaterprogramm »Von Schlampen und anderen guten Menschen« sind Sukov/Barrientos durch verschiedene deutsche und österreichische Städte getourt.

Heutzutage wird SM-Sexualität unter dem Oberbegriff BDSM subsummiert: Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism (Fesseln/Hörigkeit & Disziplin, Dominanz & Unterwerfung, Sadismus & Masochismus).


Weihnachten gilt als das Fest der Liebe. Auch für SMer?

Leander Sukov: Weihnachten ist das Fest der SMer, insbesondere weil man Zeit hat, es zu machen. Außerdem: Da ist jemand in einem Stall geboren, und die armen Hirten müssen beim Vieh auf der Weide übernachten. Die fallen auf die Knie vor einem Engel. Lauter SM-Symbolik. Nicht zu vergessen: der Weihnachtsmann, der die Rute auspackt. Ich finde das super.


Was finden SMler unter dem Weihnachtsbaum?

Julietta Barrientos: Schlaginstrumente, die dann oft sofort zum Einsatz kommen. Stolz und Demut: Man wird belohnt und bestraft zugleich. Beliebte Geschenke sind auch Halsbänder, die nichts anderes als Verbundenheit ausdrücken sollen – so wie Ringe bei Eheleuten. Mancher verschenkt sich auch an seinen Herrn.

Die packen sich dann selber ein?

LS: Ja, als menschliche Geschenke mit Geschenkband.

JB: SM hat sehr viel mit Humor zu tun. Selbstironie spielt eine große Rolle.


Gibt es auch vorhersehbare Gaben? SM-Pendants zur Krawatte für den Mann oder den Schnellkochtopf für die Frau?

LS: Ja, immer wieder Reitgerten. Ich glaube, daß zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr die Sportabteilungen von Kaufhäusern, bzw. Reiterfachgeschäfte so viele Reitgerten verkaufen wie vor Weihnachten. Nicht zu vergessen die Baumärkte: Seile und Haken gehen weg wie nichts.


Unter dem Baum trägt man Schwarz, so wie Sie beide jetzt?

JB: Nicht unbedingt. Auf Parties trage ich bunt – sonst wird man ja übersehen.

LS: Und ich helle Anzüge. Allein schon aus Opposition gegen die meisten anderen, die auf SM-Parties tatsächlich Schwarz tragen.


Auch sonst sind Sie oppositionell – und zwar gegen »BDSM-Phobie und Sexualitätsfeindlichkeit«, heißt es auf der Internetseite der von Ihnen gegründeten Gruppe »Böse Blumen«.

LS: Das ist unsere linke SM-Organisation, mit 170 Mitgliedern aus dem gesamten Bundesgebiet.


Wer ist dort organisiert?

Unsere Leute kommen aus allen linken Richtungen: Ökopaxe, Sozialdemokraten, orthodoxe Kommunisten, Syndikalisten. Da ist alles drin. Auch altersmäßig, das geht von 18 bis 78. Beruflich sowieso: Manche werkeln den ganzen Tag für ihre kleine Organisation rum oder sind Betriebsräte oder im Ver.di-Vorstand. Gegründet wurde »Böse Blumen« aufgrund eines Vorfalls bei der Antifa München, als jemand ausgeschlossen wurde, weil er Pornos auf seinem Computer hatte.


Existiert auch ein Manifest?

LS: Selbstverständlich. Das könnte man so zusammenfassen: Wenn ihr einen von uns aus euren politischen Zusammenhängen rauswerft, weil er BDSMer ist, dann müßt ihr damit rechnen, daß wir zu euch kommen und mit euch diskutieren – egal, ob ihr das wollt oder nicht.


Haben Sie das schon einmal getan?

LS: Nee.

JB: Wir diskutieren viel im Internet.


Sie verstehen sich als eine potentielle Selbstschutzgruppe?

LS: Nein, wir verstehen uns eher als etwas Ähnliches wie die Gaypride-Bewegung, in der man stolz darauf ist, schwul zu sein. Wir sind SMer in der Linken. Auch da gibt es unterschiedliche Konzepte. Manche von uns wollen am liebsten alle Konflikte totstreicheln, andere, wie ich, wollen so lange stören, bis eine Sache ausdiskutiert ist.

JB: Wir sind Lobbyisten, die etwas nach außen tragen und dabei keine Scham zeigen.

LS: Übrigens sind alle SM-Organisationen, die es gibt, von Linken gegründet worden. Das geschah Ende der 80er in Reaktion auf die sogenannten Spanner-Cases in Großbritannien, als Sadomasochisten vor Gericht wegen einvernehmlicher Körperverletzung angeklagt wurden und teilweise bis zu sieben Jahren Haft bekamen.


Gibt es in Deutschland ähnliche Gesetze, die SM verbieten?

LS: Nein in Deutschland gilt die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, der davon ausgeht, daß es legal ist, sich einvernehmlich Schmerz zuzufügen, solange man den anderen weder zerstückelt noch ihm Körperteile abschneidet. Man kann machen, was man will, solange man nicht gegen das allgemeine Strafgesetzbuch verstößt.

Wie lange sind Sie schon in der Linken?

LS: Seit ich 15 bin.

JB: Ich komme aus der DDR.


Welche Organisationen haben Sie schon durch?

JB: Ich war nach dem Ende der DDR nicht mehr organisiert.

LS: Ich war bei den marxistischen Jusos, dann war ich resigniert in der SPD und bin dann nach 1989 in die DKP eingetreten. Meinen Standpunkt habe ich dabei nie verändert. Der eine Zug war abgefahren, der nächste Zug auf meinem Bahnsteig war die DKP.


Als SMer hat man dort keine Probleme?

LS: Überhaupt nicht. Nun hat sich die Partei ja seit 1989 auch stark gewandelt. Vorher war zum Beispiel offenes Schwulen-Outing ein großes Problem in dieser Partei. Da gab es in der Tat einen kleinbürgerlichen Sexualitätsbegriff. Der ist völlig weg.


Manchmal wechselt auch nur der Rahmen, nicht das Ordnungsbedürfnis. Etwa, wenn man vom Katholizismus zum Kommunismus wechselt.

LS: Das finde ich ganz in Ordnung. Im Gegensatz dazu, wenn man vom Kommunismus zum Islam wechselt. Das ist dann kein weiterer Erkenntnisgewinn. Und man muß sagen: In der DDR war man sexuell freier als in der BRD.

JB: Also ich mußte nicht sexuell befreit werden. Da war vieles selbstverständlicher. Ich wurde auf der Straße zum Kaffee eingeladen, oder ein fremder Mann schenkte mir Blumen. Dann ging man unter Umständen zusammen ins Bett und anschließend wieder getrennte Wege. Im Westen war man dagegen schnell verrufen, wenn man sich als Frau sexuell frei verhalten hat. Da war ich ganz pikiert.


Waren Sie in der DDR auch schon BDSM?

JB: Ich war’s ja immer, aber es hatte keinen Namen. Man hatte es halt gerne ein bißchen heftiger. Später habe ich erfahren, daß es in der DDR explizite kleine geheime SM-Kreise gab. Von denen habe ich aber nie was gemerkt.


Wie viele BDSMer gibt es in der BRD?

LS: Fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung.

JB: Rechnet man die Menschen dazu, die im Bett Plüschhandschellen benutzen, sind es mehr.


Trotzdem scheint mir die Internetseite von »Böse Blumen« nicht sonderlich frequentiert zu sein.

LS: Uns gibt’s ja im Internet doppelt. Einmal auf der offiziellen Website boese-blumen.de, zum anderen in speziellen Clubs in der »Sklavenzentrale«. Da ist mehr los. Die »Sklavenzentrale« ist so etwas wie die schwule Internet-Kontaktbörse »GayRomeo«. In der »Sklavenzentrale« sind ungefähr 100000 Leute mit ihrem Profil. Das ist eine Art Einwohnermeldeamt für die BDSMer.


Streiten sich die »Böse Blumen«-Mitglieder untereinander entlang der politischen Linien der linken Traditionen, denen sie sich verpflichtet fühlen?

LS: Bei unserem ersten großen Treffen in Bremen habe ich das auch erwartet. Gab es aber nicht. Man muß bei uns nicht darüber diskutieren, ob es ein Proletariat gibt oder was nach der Revolution passiert.


Also ist Ihre Gruppe überflüssig.

LS: Nein. Politik vollzieht sich in Wellenbewegungen. Wir merken, daß die Gesellschaft nicht freier wird. Seit den 80ern geht der Grad der sexuellen Freiheit zurück. Man muß sich nur die jüngst geplanten Verschärfungen des Sexualstrafrechts anschauen: Da könnte ein 15jähriger Junge, der seine 17jährige Freundin ins Kino einlädt und an ihr rumfummelt, angeklagt werden, weil das als Sexualität gegen Entgelt betrachtet werden soll. Oder diese Bewegung, die aus den USA kommt und die sich in Europa ausbreitet, daß junge Leute unberührt in die Ehe gehen wollen. Es gibt viele neue bunte Keksschachteln, aber da sind im Prinzip nur die Kekse von Adenauer drin. Und in der linken Diskussion darüber, was Freiheit ist, gibt es ein psychoso­ziales Störelement.

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nwiefern?

LS: Falsch verstandener Feminismus mit einer sozialdemokratischen Grundschwingung – der tradierte Glaube an die Anständigkeit in der Arbeiteraristokratie. Die Ressentiments gegen SMer sind oft eine kleinbürgerliche Verbrämung der eigenen Phantasien, die nicht zugelassen werden. Wie kann man für eine Freiheit des Individuums streiten, die auch die Freiheit von sexueller Unterdrückung fordert, wenn man dann selbst eine bestimmte Sexualität nicht mehr praktizieren kann, weil sie gegen die Freiheit verstößt? Das ist so widersinnig, daß es eigentlich lustig ist. Da wird der bürgerliche Denkprozeß mit linken Phrasen schöngeredet. Die meisten Probleme haben übrigens die Autonomen mit SM.


Welche sind das?

LS: Viele von denen sagen uns, man dürfe nicht jemanden sexuell unterdrücken, obwohl der dies freiwillig möchte, weil das ja ein Spiegel der entfremdeten Gesellschaft sei, was man da als seine Sexualität auslebe. Das ist in seiner Argumentation schwierig durchzuhalten, weil die alten Griechen oder Römer das auch taten, nun aber nicht gerade im Kapitalismus lebten. Eher ist die Ablehnung solcher Praktiken anerzogen und beeinflußt die sogenannten Kritiker unbewußt aufs bürgerlichste. Der Kleinbürger ist ja nicht weg, wenn man Straßenkämpfer ist, sondern möglicherweise wird man Straßenkämpfer, weil man Kleinbürger ist.

Dagegen sind die anarchistischen Genossen gut drauf. Mit ihrem libertären Ansatz haben sie den stärksten Bezug zu sexueller Freiheit.


Steckt im SM nicht das emanzipatorische Ideal, über alles reden zu können? Weil man die sexuelle Praxis durch Verabredungen organisieren muß?

LS: Nur das Klischee behauptet, daß es bei SM um Kommandos geht. SMer neigen dazu, alles zu besprechen. Das ist manchmal sehr langweilig. Daß SM nur einvernehmlich geht, bedingt, daß man sich permanenent im Kommunikationsprozeß bewegt, denn Einvernehmlichkeit setzt Zufriedenheit voraus. Das Gegenüber muß mit dem, was ich tue, zufrieden sein, wie ich mit dem, was ich zurückbekomme.

JB: Man glaubt gar nicht, wie erleichternd es ist für viele linke SMer, zu wissen, daß man nicht allein ist. Manche staunen über ihr eigenes Kopfkino und glauben, daß paßt gar nicht zu ihrem linken Selbstverständnis. Wenn man es zum Beispiel reizvoll findet, daß die Liebste sich zu unterwerfen hat, fragen die sich, ob sie dann noch links seien?


Viele Linke sind gegenüber SM reserviert, weil sie Herrschaft, Uniformen, Fesseln per se nicht verknusen können.

JB: Da werden weitverbreitete Klischees reproduziert: Es werden ausschließlich Uniformen getragen, oder es gibt die Domina, die den Banker in den Dreck tritt, das hat nur mit Strenge zu tun undsoweiter. Das macht den Menschen zu schaffen, die solche Vorlieben bei sich entdecken. Nun ist aber BDSM ein weites Feld. Für mich geht BDSM los bei dem Mann, der ganz lieb mit seiner Freundin schläft und sie dabei in seinem Kopf als schlimme Schlampe beschimpft, bis zu demjenigen, der seine Liebste mit Skalpellen bearbeitet. Dazwischen gibt es sehr viel. Leander und ich haben zum Beispiel mit Uniformen und Rumknien nichts am Hut. BDSM ist eine Form der Sexualität, bei der man sich eine Freiheit nimmt, die über das Selbstverständliche hinausgeht.


Doch im SM-Spielzimmer sind alle gleich?

JB: Nein. Es gibt viel zu viele Spielarten von BDSM. Selbstverständlich haben die SMer auch diverse Schubladen. Zum Beispiel vertreten manche die irrige Ansicht, daß es keine dominanten Frauen geben kann, weil Frauen an sich devot seien.

LS: Oder umgekehrt, daß es keine dominanten Männer geben kann, sondern nur dominante Frauen. Das sind Versuche, die Phantasie zur Soziologie zu erklären – beide Annahmen kommen übrigens nur von SM-Männern.

JB: Oder daß Schmerz zwingend zu BDSM gehört. Was nicht stimmt: Es gibt Leute, die leben von dem Dienen und Bedientwerden. Andere sind nur Sadisten und Masochisten, die interessieren sich nicht für Machtgefälle. Es gibt Seitenwechsel wie zum Beispiel sadistische Masochisten oder maso­chistische Sadisten, seien sie homosexuell, hetero, bi oder transsexuell oder monogam, polygam, polyamourös etc. Die Geschlechter und die Grenzen verwischen, auch wenn das viel Arbeit ist. Wenn eine Szene es schafft, daß es egal ist, ob man Mann oder Frau ist, dann hat das auch gesellschaftliche Auswirkungen und ist mehr als nur ein Wunschtraum. Vielleicht ist das konservative Rollback im Sexualstrafrecht auch ein Beleg dafür, daß wir im Begriff sind, unsere Freiheit auszudehnen.


Andererseits haben sich die euphorischen links-sexualpolitischen Prognosen von Leuten wie Wilhelm Reich oder Herbert Marcuse als haltlos erwiesen. Die Gesellschaft ließ sich bislang durch individuelle Sexualemanzipation nicht allgemein befreien.

LS: Statt auf Reich und Marcuse beziehe ich mich lieber auf Wera Schmidt und Alexandra Kollontai. Letztere hat als Minsterin im revolutionären Rußland das Ehe- und Scheidungsrecht derart vereinfacht, daß im Prinzip die Ehe weg vom Fenster war. Sie hat dafür plädiert, daß man möglichst keine monogamen Beziehungen eingeht, weil Sexualität etwas ist, daß man braucht wie das Essen. Dieser Ansatz hat bislang leider keine Breitenwirkung entfaltet. Ich glaube auch, daß gesellschaftliche Befreiung mit sexualpolitischer Reglementierung im Kopf überhaupt nicht funktionieren kann. Die Familie bleibt eine Unterdrückungsstruktur: Diese kleinen Einheiten kann man einfach besser kontrollieren, als wenn sie wild miteinander zu tun hätten.


Gilt SM denn überhaupt noch als so verpönt? Das wird seit den 90er Jahren in den Medien rauf und runter verhandelt, doch politisch passiert nichts.

JB: Ja, aber in den Medien geht es nur um schneller, höher, weiter, schräger. Aber nicht um Selbstverständlichkeiten. Es gibt Bereiche, da ist das völlig tabuisiert: beim Sport, beim Militär, in der Politik.

LS: Männliche Subs, also submissive, masochistische Männer haben es im Moment noch schwer, sich zu outen. Wenn man aber sagt: Ich hab’ zu Hause drei Mädels, die tun, was ich sage, dann dürfte das auf Anerkennung stoßen. Daß das nicht stimmt, steht ja auf einem ganz anderen Blatt: Weil mir die drei Mädels sagen, was ich tun soll.

JB: Ich warte aber noch auf den Bürgermeister, der sagt: Ich bin SMer.

LS: Die bekannteste bekennende ­SMerin bleibt in der Tat Angelina Jolie.

Quelle: Junge Welt
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