Dokumentation: Ab nach Moskau Impressionen aus Moskau
Reisen bildet, und wer will bestreiten, dass es in Moskau gerade sehr interessant ist? Darum habe auch ich mich auf den Weg gemacht und will hier mal ein paar Erfahrungen weitergeben.
Leider deckten diese Vorschriften nicht ganz mein Vorhaben ab, mit einem Budget nahe Null nach Moskau zu kommen, um dort ein paar AnarchistInnen und Punks zu besuchen. Aber zum Glück gibt es ja in Deutschland genug (Ex-)RussInnen, die man fragen kann. Manche neigen dazu, Dir einen unglaublich komplizierten Quatsch zu erzählen, aber wenn Du ein paar solcher Storys sammelst, merkst Du schnell, auf was es ankommt, und schon hast Du Dein Visum in der Tasche.
unterwegs...
Auch
die Reise war kein wirklich großes Problem, obwohl das niemand von den
Leuten glauben wollte, die ich unterwegs getroffen habe. Irgendwo in
Polen erzählte mir ein portugiesischer Trucker von seiner ersten
Russlandfahrt, bei der ihm mitten im Winter die Karre verreckt war. Er
musste sie schließlich aufgeben und mit extrem schlechter Ausrüstung
zurück trampen. Kommentar des Postens an der polnischen Grenze, der
diese frierende, kranke, fertige Gestalt auf sich zukommen sah: "Nur
drei Leute waren so bescheuert, im Winter nach Russland zu gehen:
Napoleon, Hitler und Du!" Tja, und ich sollte nun der vierte sein. Das
Wetter ist allerdings auf der ganzen Strecke sehr gnädig mit mir – im
Treibhaus gibt's keine minus 20 Grad mehr.
Und schon zwei Tage
später betrete ich es: Russland, das freie Land, in dem man noch ohne
Gurt Auto fahren kann, und dabei sogar telefonieren darf... und wo die
Trucker wirklich nur am Wochenende schlafen. Naja, fast. Wenn mir in
Deutschland ein Lasterfahrer sagt, er macht jetzt Pause und legt sich
schlafen, dann vergesse ich den ganz schnell, denn 8-10 Stunden werde
ich auf diesem Parkplatz hoffentlich nicht bleiben. In Russland kannst
Du so jemanden gleich fragen, wo er anschließend hinfährt, denn nach
anderthalb, maximal zwei Stunden hat der ausgeschlafen und will weiter.
TÜV
gibt's auch keinen, auf den Straßen sind Gefährte unterwegs, die
aussehen, als wären sie irgendwann im Krieg in einer
Kolchosen-Werkstatt aus ein paar übriggebliebenen Maschinenteilen und
dem Motor der Güllepumpe zusammengebraten worden. Frag nicht nach dem
Spritverbrauch, Benzin ist billig. Auch Gasmotoren sind sehr
gebräuchlich. Natürlich sind sie auch sehr gefährlich. Deswegen steht
die Gas-Zapfsäule auch immer etwas abseits der anderen, und zwanzig
Meter vorher warnt ein Schild, dass an dieser Stelle alle Passagiere
aussteigen müssen und auch zu Fuß niemand näher ran darf, damit der
Fahrer nur ja alleine in die Luft fliegt. Weil es schwierig ist, den
Fahrer auf 20 Meter Entfernung anzuquatschen, gehe ich natürlich
trotzdem hin und stelle erleichtert fest, dass das Schild allen
offensichtlich egal ist.
Abgesehen davon halten die Leute hier auch
gerne an. Selbst an Schnellstraßen steht man nicht allzu lange, und
sogar nachts kommt man vorwärts. Aus unerfindlichen Gründen hält man
hier allerdings nicht den Daumen hoch, sondern streckt die flache Hand
aus. Unverständlich finde ich das deshalb, weil man sich so nicht nur
den Daumen, sondern die ganze Hand extrem schnell durchfriert. Aber ist
halt so. Dafür ist die russische Gastfreundschaft einfach unglaublich –
die Trucker zaubern für mich Menüs in ihren reich ausstaffierten
Bordküchen, während viele Pkw-Fahrer mich in Restaurants schleppen. Und
so treffe ich schnell, satt und zufrieden in Moskau ein.
Willkommen in Moskau!
An
der ersten Anlaufstelle in Moskau wartet gleich mal eine herbe
Enttäuschung – es stellte sich heraus, dass die Person, die mich
eigentlich eingeladen hatte, wieder mit ihrem alten Junk-Freund
zusammen war und selber voll an der Nadel hing. Der weiße Tod ist
leider ein Faktor, der hier drüben eine sehr große Rolle spielt; die
Zahlen der Abhängigen, die ich über manche Städte gehört habe, sind
einfach unglaublich – das geht bis weit in den zweistelligen
Prozentbereich. Selbst wenn man den traditionell ebenso gewaltigen
russischen Gerüchtefaktor abzieht, bleibt noch jede Menge übrig. Aber
so geht's halt, wenn die Armee Deines Staates jahrzehntelang als
Besatzungsmacht in Afghanistan steht...
Der nächste Kontakt auf
meiner Liste ist da schon besser: eine anarchistisch unterwanderte
Firma! Während oben die Maschinen laufen, werde ich in den Keller
geschmuggelt und treffe dort gleich alte Bekannte. In dem Keller finden
anarchistische Orga-Treffen u. ä. statt, und es gäbe sogar die
Möglichkeit, dort zu übernachten. Aber an diesem Abend gehen wir erst
mal in die Stadt, Leute treffen. Mit Punks, Anarch@s und sonstigen
alternativen jungen Leuten hängen wir ein bisschen in Parks und
Metrostationen rum. Doch, es gibt hier richtig gestylte Punks. Man hört
ja viel von Naziüberfällen und Morden in Moskau in den letzten Wochen,
aber Moskau ist einfach riesengroß, von der Einwohnerzahl her
vielleicht wie NRW oder noch größer. Wenn in Detmold jemand abgestochen
wird, bricht deswegen in Köln noch keine Panik aus. Klar passen wir
auf, aber gerade Punk heisst ja auch, dass man sich trotzdem nicht
einschränken lässt, oder? Allerdings hab ich einen Heidenrespekt vor
den Leuten, die das hier wirklich das ganze Jahr durchziehen und nicht
nur für ein paar Wochen Urlaub...
Tja, und nun sitz ich bei einem dieser Punx in der Bude und hier gibt's doch tatsächlich einen Netzzugang, dem Ihr diesen Artikel zu verdanken habt. Fortsetzung folgt, hoff ich doch.
Dieses Werk ist gemeinfrei im Sinne der
Public DomainErst mal fetten Dank an die ganzen Leute, die in den letzten Wochen immer wieder Texte vom russischen fürs deutsche indy übersetzt haben – das erspart es mir jetzt, mich zur Teilnahme an konkreten Aktionen zu outen und so Ärger mit Bütteln der einen oder anderen Seite zu riskieren. Aus demselben Grund rück ich hier auch keine Kontaktdaten raus, auch wenn ich eben sehe, dass ich in den Kommentaren zu meinem letzten Artikel darum gebeten worden bin – sorry, aber ich denk, Ihr habt Verständnis dafür. Also lest die anderen Artikel, wenn Ihr wissen wollt, was in der Richtung zur Zeit abgeht (es ist einiges, und nicht schön – abgesehen davon, dass sich ein paar Leute gegen diese ganze Scheiße hier wehren!), ich beschränke mich hier darauf, einen etwas allgemeineren Hintergrundbericht über das Leben in Moskau zu schreiben. Vielleicht strickt ja jemand auch mal ein Russland-Feature draus.
Wohnen in MoskauMoskau
liegt – genau wie London – nicht in Europa. Also, geografisch natürlich
schon, geografisch gehört ja sogar Tschetschenien dazu. Aber wenn hier
jemand in den Westen will, dann sagt sie: "Ich fahr nach Europa", als
ob wir hier außerhalb davon wären. Außerdem stelle ich fest, wie
wichtig die EU mittlerweile ist. Denn neben dem ganzen Geflachse
darüber, dass ich aus Deutschland komme, werde ich in Diskussionen sehr
oft als EU-Bürger angesprochen. Sogar "Schengen" ist hier ein Begriff.
Den "Sowjetski Sojus" gibt's ja nicht mehr, dafür komme ich aus dem
"Ewropejski Sojus". Komisches Gefühl.
Ich selber bin mittlerweile in
einer anarchistischen WG einquartiert worden – ja, sowas gibt's hier
auch. Bereits an der Aufzugtüre ruft mich ein Plakat zum Wahlboykott
auf, und im Treppenhaus hängen noch die Mobilisierungs-Aufkleber für
die Demo anlässlich der Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja.
Ist es ein gutes Zeichen, dass solche Sachen so lange dort hängen
können? Habt Ihr schon den ganzen Block auf Eurer Seite? Mein Gastgeber
ist pessimistisch – es sei eher ein Zeichen, dass sie nicht gelesen
werden.
Die "Kwartira" ist wie die meisten Moskauer Wohnungen, die
ich zu sehen bekomme, gesichert wie ein Tresor. In manchen Fällen kommt
man ohne fremde Hilfe noch nicht mal an die Klingel, da man erst einmal
an der äußeren Haustüre die richtige Tastenkombination drücken muss;
allerdings ist die oft leicht herauszufinden, weil es eine rein
mechanische Sperre ist und die nicht benötigten "Knopki" eingerostet
sind. Das nächste Hindernis ist das "Domofon", die Sprechanlage. Wenn
Du Glück hast, ist der Code für die Wohnung, zu der Du willst,
irgendwie aus der Nummer dieser Wohnung ableitbar, aber oft haben beide
nichts miteinander zu tun. Einfach ins Haus eindringen und droben
klopfen ist meistens auch nicht möglich, denn vor der Wohnungstür gibt
es oft noch weitere Zwischentüren zu überwinden und fast immer ein
Gitter, das Dich auf Armlänge von der Tür entfernt hält, an der dann
noch einmal mindestens zwei Schlösser zu öffnen sind.
Die WG hat,
was so eine Anarch@-WG eben so braucht, einschließlich einer Ratte
namens Ratte. Die Heizung hat zwei Reglerstellungen, "ein" und "aus",
was für Moskauer Verhältnisse schon viel ist. Die Feinsteuerung (vor
allem in der Übergangszeit, wenn die Außentemperatur – wie in diesem
"Winter" meistens – über -10° liegt) erfolgt über die Fenster, wobei
die Regelungsmöglichkeiten nicht übertrieben groß sind, da die Fenster
auch nicht richtig dicht sind. An dem einen ist sogar der Schließriegel
abgebrochen, was bei Sturm etwas unangenehm werden kann.
Die Küche
funktioniert kollektiv, was einigermaßen klappt, auch wenn das, was auf
den Tisch kommt, nicht unbedingt genügt, um sich zu überfressen –
Moskau ist teuer, das gilt auch für die Lebensmittel. Ein Billigbrot
aus dem Supermarkt kostet schon um die 14 Rubel, also ca. 40 Euro-Cent.
Fleisch ist einigermaßen bezahlbar und gehört zu praktisch jeder
Mahlzeit, vom Frühstück bis zur "Sapiwka", dem Häppchen, das zum Wodka
gereicht wird. Käse und Milch dagegen kosten ungefähr dreimal soviel
wie in Deutschland und gelten entsprechend als Luxusgüter.
Es gibt
auch ein Bad und eine Waschmaschine. In der Waschmaschine befindet sich
meistens die Hose des fetten jungen Skins, der in seiner karierten
Unterhose in der Küche herumsitzt und den anderen auf den Wecker geht.
Er kommt aus Wolgograd – "Stalingrad, weißt du, Gans." Gans sollte
eigentlich Hans heißen und bezeichnet den deutschsprachigen Besucher
wie "Iwan" den Russen an sich (aber das weiß hier niemand). Weil der
Iwan, also der Russe an sich, aber kein H sprechen kann, heißt Du hier
eben Gans. Aus demselben Grund lautet der Spruch, mit dem Du hier auf
Schritt und Tritt konfrontiert wirst, "Gajl Gitler". Ein weiterer
Standardspruch bei Begegnungen mit Deutschen lautet "Gitler kaputt",
und es löst durchaus manchmal Erstaunen aus, dass Du über diese
Nachricht froh bist.
Was mir das ganze wuselige WG-Leben, wo man
noch nicht mal im Bad alleine sein kann, ganz erträglich macht, ist
"guljat". "Guljat" ist ein akzeptiertes menschliches Grundbedürfnis,
wie essen, trinken und schlafen – einfach mal (soweit in Moskau
verfügbar) frische Luft schnappen gehen und eine Weile allein sein zu
wollen. Da fragt auch niemand, warum, wohin und mit wem, und niemand
quatscht Dich an, was Du jetzt stattdessen Wichtiges tun solltest, Du
gehst jetzt einfach mal raus, weil Du grade Bock drauf hast, und bist
für das soziale Leben im Moment nicht verfügbar. Ohne das würde es mir
hier wahrscheinlich schon irgendwann zu viel werden.
Jetzt bin ich
aber wieder zurück in der Küche. Wir spielen gar kein Schach, fällt mir
gerade auf, sondern Domino. Dazu gibt's auch keinen Wodka, sondern
Bier. Ob mir das zu Hause jemand glaubt? Entspricht ja nicht gerade dem
Russland-Klischee. Irgendwann kocht noch jemand Nudeln, die hier
"Makaron" genannt werden. Makaron krieg ich hier sehr oft. Zumindest
beim Standard-WG-Fraß ist Moskau nicht anders als der Westen.
(Übrigens, unter meinem letzten Artikel hat jemand gleich ein
Spätzlerezept als Kommentar gepostet, wo ist das hingekommen? Hätt ich
hier gerne mal ausprobiert!)
Nebenbei bringt mir Iwan russische
Schimpfwörter bei. "Bljad" beispielsweise ist ein sehr wichtiges
russisches Wort. Es hat ungefähr die gleiche Bedeutung wie "kurwa" auf
Polnisch, d. h. wörtlich bezeichnet es eine käufliche Frau und wird
überall da eingesetzt, wo in einem deutschen Text die Wörter "Scheiße"
oder "äh" vorkämen, also so ziemlich in jedem Satz der gesprochenen
Sprache. Bljad gibt es in zahlreichen Versionen – bljed, blend, blin
usw. Die Varianten mit richtig breitem "e" klingen eher aggressiv und
vulgär, während die mit "n" schon fast etwas Vornehmes haben. Neben dem
Anlass scheint auch die Herkunft der Sprecherin eine Rolle zu spielen.
Aber die Feinheiten hab ich noch nicht ganz raus.
Jedenfalls ist es
wichtig. Neulich standen wir mal vor einer verschlossenen Haustür,
meine Begleiterin klingelt und sagt artig, dass sie, G., N. und meine
Wenigkeit da sind und reinwollen. "Kenn ich nicht", und aufgelegt. G.
klingelt, und statt die Frage "Wer da?" zu beantworten, sagt er nur den
Satz "Mach die Tür auf!", garniert mit sämtlichen Bezeichnungen für
Geschlechtsteile, die ihm gerade einfallen. Klack, ist die Tür offen.
So funktioniert das.
Ich bin
wieder mal in einer anderen Wohnung, und wir schmeißen eine Party für
ein paar Gäste aus Sibirien. Sie werden wahrscheinlich die nächsten
Monate hierbleiben, übrigens vollkommen illegal, weil sie sich in
dieser Bude nicht registrieren lassen können, aber dazu schreib ich
Euch später mal was. Jetzt geht's erst mal zum Einkaufen. Wenn wir eh
zu wenig Kohle haben, wieso kauft Ihr dann Makaron für 24 Rubel unten
im Hausladen, wenn Ihr die gleichen Nudeln im Perekrestok vorne an der
Metro für 6 Rubel kriegen könnt? Hm! Gute Frage. Blin, wir sind halt
Russen! In den Perekrestok gehen wir dann trotzdem noch. Wodka klauen.
Ladendiebstahl
ist in Russland bis zu einem Warenwert von 1100 Rubeln eine
Ordnungswidrigkeit, die durch Zahlung des Preises plus einer Gebühr
geregelt werden kann. Deswegen sollte man beim Klauen tunlichst 1.
mitrechnen und 2. genug Bargeld dabei haben. Haben wir nicht. Aber wir
werden auch nie erwischt, obwohl manche von uns sich die Klamotten so
voll packen, dass sie sich kaum noch bewegen können, und obwohl ich den
Eindruck habe, dass die Sicherheitsmaßnahmen bei "unserem" Perekrestok
in der Zeit meines Aufenthalts hier verschärft wurden. Zum Beispiel
kann man jetzt nicht mehr geradeaus rausrennen, sondern muss zweimal
ums Eck laufen, und am Eck steht jeweils die Ochrana, Security.
R.
kennt auch die Ochrana im McDoof drei Straßen weiter, was von Vorteil
ist, wenn man trotz schmalen Budgets Hunger bekommt. "Heute essen wir
frigen", lädt er mich und eine Freundin ein. Frigen ist englisch,
sollte also freegan heißen, und ist einfach Resteverwertung. Er stellt
uns bei der Tablettrückgabe ab, wo wir uns schon mal ein paar übrige
Pommes angeln, während er mit den Securities quatschen geht. Zehn
Minuten später kommt er wieder, mit einem reich beladenen Tablett. Der
Abend ist gerettet.
Auch für die Metro gibt R. grundsätzlich kein
Geld aus. Wenn gerade niemand schaut (oder wenn viel los ist), gibt es
Dutzende von Möglichkeiten, durch die Sperre zu kommen, ohne einen
Alarm auszulösen. Und wenn man den Alarm auslöst, kann man trotzdem
noch flitzen, weil's den AufpasserInnen oft zu nervig ist. Einmal habe
ich auch gesehen, wie eine Schleusenwächterin jemanden mit einem Besen
die Treppe hinuntergejagt hat und ihm unter wüsten Beschimpfungen ein
paar auf den Hintern gegeben hat, dann aber wieder zurück auf ihren
Posten ist, während der Strolch seelenruhig in die Metro gestiegen ist.
Es sollten halt nur keine Bullen daneben stehen...
Ich habe mir eine
Dauerkarte für ca. 800 Rubel (gut 20 Euro) geleistet, die
geschickterweise genau wie mein Visum 30 Tage gilt. Ein tolles Ding.
Dank Funkchip muss man sie an der Sperre gar nicht aus der Tasche
holen, und schick sieht sie auch noch aus, mit dem Foto einer dieser
stalinistischen Protz-Metrostationen hinten drauf. Die sehen von innen
aus wie Kirchen, im Gegensatz zu den Kirchen hier, die kommen mir immer
vor wie Museen.
Von unten ist Moskau gar nicht so groß. Der
Metro-Plan kommt mir nicht unübersichtlicher vor als der von Berlin. 11
Linien, die meisten sind Durchmesserlinien, nur die Nr. 5 ist eine
Ringlinie ums Zentrum. Wenn man Zeit hat, kann man da nach Lust und
Laune im Kreis fahren – eine Umdrehung dauert 25 Minuten. Dass Moskau
größer ist als Berlin, fällt einem erst auf, wenn man versucht, von
einer Metrostation zur nächsten zu laufen, das dauert nämlich sogar im
Zentrum mindestens eine halbe Stunde. Eine Gemeinsamkeit mit Berlin
gibt's aber: die nervig endlosen Wege in den unterirdischen
Umsteigebahnhöfen. Dafür sind die Taktzeiten hier mit anderthalb bis
drei Minuten so dicht, dass man praktisch nie (außer zu
Betriebsschluss) jemanden nach einer Metro rennen sieht. Wäre auch
meistens angesichts der Menschenmassen gar nicht möglich.
Weil
Moskau im Gegensatz zu Berlin eine Weltstadt ist, funktioniert auch der
Handyempfang im Tunnel einwandfrei. Ich mag kein Handy. Und wozu auch?
Schließlich gibt es überall Taxafony, Kartentelefone. Und eins haben
sie mit den komischen Dosen- und Flaschenpfandautomaten gemeinsam, die
hier zur Verbesserung der Umwelt an jeder Ecke stehen: Keine Sau weiß,
wie sie funktionieren. Laut Aufschrift gibt mir der Pfandautomat für
jede Dose und jede Flasche mindestens 40 Kopeken. Also Büchse rein,
Knopf drücken. Die Klappe geht zu, Licht an, Maschine rotiert. Objekt
nicht akzeptiert. Klappe auf, Büchse wird rausgeschoben. Ich probiere
es mit einer Flasche. Flasche rein, Knopf drücken. Die Klappe geht zu,
Licht an, Maschine rotiert. Objekt nicht akzeptiert. Klappe auf,
Flasche wird rausgeschoben und fällt auf den Boden – klirr, OK, dafür
gibt's kein Pfand mehr.
Die 40 Kopeken Pfand brauch ich nicht
unbedingt, telefonieren sollte ich dagegen schon mal können. Also erst
mal eine Karte besorgen. Alle erzählen mir, die gäbe es an jedem Kiosk.
Ich probiere es aus. An jedem Kiosk gibt's Handykarten für drei Dutzend
Provider. Aber Karten fürs Taxafon? Die Verkäuferin muss passen. Ja,
das hatten wir mal, aber die sind schon lange aus dem Sortiment
geflogen. Kauft niemand. Erst nach langer Suche finde ich einen
Automaten, wo es diese Karten noch gibt, zu 54, 90 und 150 Rubel. Kurze
Zeit später entdecke ich auch einen Kiosk mit Taxafon-Karten – dort
kosten sie allerdings etwas mehr.
Zum Üben nehme ich die kleinste
Ausführung, auch wenn die Einheiten auf den größeren deutlich billiger
sind. Ab ins nächste Taxafon damit und Nummer gewählt – ich komme nicht
weit. Lediglich ins Moskauer Ortsnetz kann ich telefonieren. Aber meine
Leute haben alle Handys, also 900er-Nummern. Und wenn ich mit einer 9
anfange, kann ich nicht mehr als vier Ziffern tippen. Es folgen sehr
viele Gespräche mit hilfsbereiten PassantInnen, ehe ich mir mal das
Täfelchen auf dem Taxafon genau anschaue. Unter 000 gibt's den Service.
Ich klicke mich durch ein paar automatische Ansagen, bis ich endlich
beim "Operator" lande, den ich nach Handys frage. Sternchen-8 vorwählen
und dann direkt die 900er-Nummer. Aha. Und es funktioniert sogar. War
doch ganz einfach!
Einheiten werden übrigens erst abgebucht, wenn
man die Taste mit dem Telefonhörer drückt. Vorher kann man nur hören,
aber nicht sprechen. Das erste "Hallo" ist also frei. Dafür läuft der
Gebührenzähler aber auch dann gnadenlos an, wenn man die Taste aus
Versehen schon drückt, bevor die angerufene Person abhebt. Es werden
sofort Einheiten für ca. 30 Sekunden abgebucht, nach einer halben
Minute gehen sie dann sekundenweise weg. Die 54-Rubel-Karte reicht so
für ca. fünf kurze Gespräche aufs Handy. Und weil es sonst zu einfach
wäre, gilt das hier Gesagte nur für Moskau, in anderen Städten gibt es
andere Netze, andere Telefongesellschaften und andere Tricks, z. B.
dass man nach der 8 noch warten muss, bis ein Amtszeichen kommt. Und
die hiesigen Karten gelten dort natürlich auch nicht.
Gestern
gab es auch in meiner Anarch@-WG mal Wodka, und zwar in solchen Mengen,
dass ich sehr erstaunt war, als die anderen ankündigten, dass sie jetzt
noch mit mir um die Häuser ziehen wollten. Genauer gesagt habe ich mich
als Antwort auf die Aufforderung dazu direkt aufs Sofa gelegt und bin
weggepennt. Am nächsten Morgen fehlt mein ganzes Geld. Also einfach
alles, was ich an Scheinchen in der Tasche hatte, sogar die wertlosen
ukrainischen Griwna von der Reise konnte da jemand brauchen.
Fettes
WG-Plenum, alles sehr bestürzt, allen ist es megapeinlich. Klar, sowas
sollte unter GenossInnen nicht vorkommen. Waren es die Wolgograder,
oder wer von den Anwesenden nimmt teure Drogen? Andererseits, was
sollen wir uns jetzt wegen so ein paar bedruckten Zettelchen
zerstreiten, die nach der Revolution sowieso keine Rolle mehr spielen?
Ich bekomme ein bisschen was geliehen. Doch schon kurz darauf kann ich
es zurückgeben. Die Nachricht von dem Diebstahl hat in der
anarchistischen Szene die Runde gemacht, und wenn ich alles angenommen
hätte, was mir heute angeboten wurde, hätte ich jetzt mehr Geld in der
Tasche als zuvor. Werd in Zukunft aber trotzdem besser darauf
aufpassen...
Dieses Werk ist gemeinfrei im Sinne der
Public Domainmensch nehme:
mehl
eier (grundsätzlich: je mehr, desto besser)
milch
etwas salz
zwiebeln
käse
für vier hungrige personen darf's ruhig ein kilo mehl sein. das mehl mit den eiern und der milch in einer schüssel verrühren. der teig sollte sehr zäh sein - sofern du einen elektrischen mixer besitzt, muss der teig die rührstäbe "hochwandern", wenn er richtig ist. den teig ohne ruhen lassen direkt zu spätzle verarbeiten, entweder mit spätzlehobel oder -presse. da es das in moskau vermutlich nicht gibt, den teig auf einem möglichst großen brett dünn ausbreiten (zum walzen mit dem nudelholz ist er zu klebrig!) und mit einem messer einzelne spätzle in kochendes salzwasser "schaben". die spätzle unter umrühren solange kochen lassen, bis sie oben schwimmen (dauert ca. 2 minuten). in der zwischenzeit zwiebeln anbraten, oder fertige röstzwiebeln hernehmen.
die spätzle abgießen, möglichst frisch in die pfanne mit den zwiebeln geben, kurz anbraten lassen, käse drüber, fertig. (gouda, emmentaler sind am geeignetsten)
[alternativ: in eine auflaufform füllen, mit käse und zwiebeln bestreuen und für ca. 15 minuten bei 200° in den backofen schieben.]
gesamtzeit, je nach übung, 20-30 min. spülen nicht mitgerechnet, das ist bei spätzle RICHTIG übel ;-)
guten appetit!