Dienstaufsichtbeschwerde gegen 23 EHu in Berlin - Übergriffe beim tCSD
Der transgeniale Christopher-Street-Day hat dem Polizeipräsidenten in Berlin einen Dienstaufsichtsbeschwerde wegen der Übergriffe durch die berüchtigte 23. Einsatzhunderschaft zugestellt. Hier der Text als Dokumentation.
An den Polizeipräsidenten in Berlin
Herrn Präsidenten Dieter Glietsch
Platz der Luftbrücke 6
12101
Dienstaufsichtsbeschwerde
Anlässlich der Vorkommnisse gegen DemonstrationsteilnehmerInnen auf dem
Transgenialen Christopher Street Day (TCSD) vom 23.6.07 legen wir als
Organisationsgruppe des TCSD 2007 Dienstaufsichtbeschwerde gegen Teile
der Polizeieinsatzhundertschaft 23 sowie der Polizeiführung ein.
Wir, die Organisationsgruppe des Transgenialen CSDs 2007, werfen
der 23ten Polizeieinheit eine homophobe Grundhaltung zum TCSD 07 und
eine völlige Unkenntnis über Inhalt und Charakter des CSD´s vor. Ferner
agierte die 23te Polizeieinheit zeitweilig ohne Kontrolle durch die
Einsatzleitung eskalierend und gewaltätig und schlug grundlos
friedliche TeilnehmerInnen des TCSD. Durch das Verhalten einzelner
Beamter wurde ein Klima produziert, das Menschen an der
selbstverständlichen Teilnahme am TCSD abschrecken kann, die sich einer
Gewalttätigkeit gegenüber sehen, die ohne Anlass und Begründung ist.
Dadurch werden Bürger und Bürgerinnen an der Ausübung ihrer Grundrechte
behindert.
Wir halten diese Übergriffe, die im Folgenden noch detailliert
geschildert werden, für einen Skandal. Wir sind nicht bereit, diese
hinzunehmen und werden diese öffentlich machen.
Wir fordern Sie als obersten Dienstherrn der Polizeieinheit 23 auf, auf
diese Beschwerde in einer Weise angemessen zu reagieren, die uns zeigt,
das Sie unsere Beschwerden nicht im Sande verlaufen lassen werden.
Zu den von uns erhobenen Vorwürfen nun konkret und im Einzelnen:
Zu Beginn der Demonstration kontrollierten Beamte der Polizei alle
zur Demonstration zugehörigen Fahrzeuge und beanstandeten im Hauptwagen
das Fehlen eines Feuerlöschers. In diesem Fall war eine Einigung noch
unkompliziert möglich. Die Demonstrationsleitung konnte zusagen, dass
ein Feuerlöscher spätestens an der Michael-Kirch-Straße auf das
Fahrzeug aufgeladen werden kann. Das war dann auch die einzige Geste
von Kulanz über die wir berichten können.
Doch nach einigen hundert Metern auf der Frankfurter-Allee/Karl
Marx-Allee, ungefähr in Höhe des U-Bahnhofes Weberwiesen wurde eine
Person festgenommen:
Diese Person hatte kurz zuvor das Steuer eines PKW´s übernommen, damit
der bereits kontrollierte Fahrer des Fahrzeuges dieses nachschmücken
konnte (diverse Luftballons sollten als Aids-Schleife gebunden werden).
Die Person, welche das Fahrzeug aushilfsweise lenkte, sollte ihren
Führerschein vorzeigen. Dieser Aufforderung wollte die Person nicht
nachkommen und entfernte sich von dem Fahrzeug, da sie keinerlei Sinn
in dieser Maßnahme sah, da es nicht ihr Fahrzeug war und sie auch nicht
beabsichtigte, das Fahrzeug zu fahren.
Die Person auf den Boden zu schmeißen, Handschellen oder
Kabelbinder anzulegen und zur Feststellung in einen Polizeitransporter
zu verfrachten, halten wir für eine unnötige, aggressive Maßnahme. Alle
Fenster des Polizeitransporters wurden von der Polizei verschlossen, so
dass jede Sicht auf die Vorkommnisse im Inneren verwehrt war. Die
Besorgnis der DemonstrationsteilnehmerInnen, dass dieses geschehe, da
es im Inneren zu gewalttätigen Übergriffen durch die Polizei käme, war
nicht unberechtigt, denn in dem Polizeifahrzeug wurde der Person völlig
grundlos von einem Beamten ins Gesicht geschlagen.
Da der 23ten Einheit eine ablehnende Haltung gegenüber der
Demonstration unterstellt und Gewaltexzesse befürchtet wurden,
entschied die Mehrheit der TCSD-TeilnehmerInnen, sich um den Wagen zu
gruppieren und forderte die Freilassung der Person und die Sicht in das
Innere des Wagens freizugeben. Eine juristisch versierte Person konnte
veranlassen, dass später das hintere Fenster keinen Sichtschutz mehr
hatte. Dann allerdings postierte sich ein Beamter absichtlich, die
Sicht versperrend, vor dieses Fenster, so dass eine Kontrolle der
Vorkommnisse im Inneren des Wagens nicht gewährleistet war.
Die Veranstaltungsleiterin, welche als Verbindungsperson zur
Polizei fungierte, musste feststellen, dass die Einsatzleitung an der
Spitze der Demonstration keinerlei Überblick über die Vorkommnisse am
Ende der Demonstration hatte.
Die Leitung der Polizei erweckte mehrmals den Eindruck, als handelten
Teile der 23ten Einheit ohne Kenntnis durch und Rücksprache mit der
Leitung in einer aggressiven Weise.
Während beispielsweise die Beamten im hinteren Teil des
Demonstrationszuges bereits Menschen schlugen und den vermeintlichen
Fahrer des Fahrzeuges mit der Aidsschleife in Gewahrsam nahmen, gab
sich Einsatzleiter Herr Munsonius uninformiert und konnte der
Veranstaltungsleiterin Schubert keinerlei Angaben darüber machen, was
der Anlass der Polizeimaßnahme war. Er sah sich gezwungen, nach Frau
Schuberts Erscheinen an der Spitze der Demonstration mit ihr zur
Klärung nach hinten zu gehen, da die Beamten dort keinerlei Auskunft
erteilten.
Auch Frau Ute v. Oetzen-Becker, die für die Verbindung zur
Demonstrationsleitung zuständig war, hatte offensichtlich keinerlei
Befugnisse, eigenständige Maßnahmen anzuordnen, um in einer Weise tätig
zu werden, die dem Charakter der Demonstration entsprochen hätte.
Wir hatten den Eindruck einer zeitweilig unkontrollierten 23ten Einsatzhundertschaft.
Der Schlag ins Gesicht innerhalb des Polizeitransporters war kein
einmaliger Ausrutscher (was an sich schon verurteilungswürdig wäre),
sondern zeigt den Charakter des Einsatzes. Uns liegen viele
ZeugInnenaussagen vor, die dieses belegen:
Augenzeuge 1: „Ich hatte mich auf der rechten Seite untergehakt.
Links habe ich mich nicht untergehakt. Da war die Kette vorbei. Einer
der Polizisten, ein großer Mann mit der Nummer 232 und drei Punkten auf
dem Rücken, wollte nun vom Ende des Polizeitransporters nach vorne
laufen. Er ist dazu parallel zu den Ketten gelaufen, also zwischen
ihnen durch. Soweit ich gesehen habe, wurde darauf nicht aggressiv
reagiert oder überhaupt reagiert, er wurde halt durchgelassen. Doch als
er an mir vorbei war, drehte er sich um und schlug mir mit der rechten
Faust ans Kinn. Er trug schwarze Lederhandschuhe. Sein Faustschlag
rutschte ab, sodass er meinen Kehlkopf traf. Allerdings hatte er
anscheinend nicht mit voller Wucht zugeschlagen. Es tat zwar kurz
ziemlich weh, so zwei Minuten vielleicht, aber dann ging es auch schon
wieder. Und am nächsten Tag sah man auch nichts mehr. Er ist
unbehelligt in das Fahrzeug eingestiegen. Mehrere Menschen kamen auf
mich zu, die die Situation mitbekommen hatten und rieten mir Anzeige zu
erstatten, sie stellten sich als Zeugen zur Verfügung. Wir gingen also
nach einer halben Stunde zu dem Fahrzeug, als der betreffende Polizist
ausstieg und forderten ihn auf, mir seine Dienstnummer auszuhändigen,
da ich ihn anzeigen wollte. Er gab sie mir auch; sie lautet: 24019924.
Dann forderte er meine Personalien. Auf meine Nachfragen, wofür er dies
haben wollte, antwortete er, er werde mich anzeigen, da ich ihn vorher
getreten habe. Diese Dreistigkeit verblüffte mich etwas, da ich ihn
natürlich nicht getreten hatte. Jedenfalls gab ich ihm meine
Personalien, er nahm sie auf. Als ich meinen Perso wieder hatte, ging
ich wieder nach vorne. Bald ging die Demo auch weiter und verlief für
mich noch ohne Zwischenfälle.“
Was sind das für Zustände, wenn ein Demonstrationsteilnehmer erst
grundlos angegriffen und körperlich behelligt wird, dann in Wahrnehmung
seiner Rechte zwar die Dienstnummer erhält, aber gleichzeitig ein
Einschüchterungsversuch stattfindet, der eine Lüge zur Grundlage hat.
Und am Schluss schreibt der Augenzeuge, dass die Demonstration dann für
ihn ohne Zwischenfälle verlief. Was sind das für Zustände? Durch solche
Vorfälle wird die Teilnahme an einer Demonstration ohne Zwischenfälle
zu etwas besonderem.
Noch immer befinden wir uns am Ende des Zuges der Demonstration,
die, bedingt durch eine Panne im Leitwagen der Demonstration, weit
auseinander gezogen auf der Frankfurter Allee steht. Der Beschreibung
nach handelt es sich um die gleiche Situation wie oben beschrieben und
auch um den gleichen Beamten, der durch sein Tun bereits Unmut
ausgelöst hatte.
Zeugin 2: „Es gab Unruhe, die wir aber nicht sehen konnten, als wir
an dem Wagen lose verteilt herum standen. Kurz danach kam ein blonder
Polizist mit der Rückennummer 232 aufgebracht hinter dem Wagen hervor,
bahnte sich aggressiv seinen Weg, obwohl die Leute so lose standen,
dass er problemlos hätte durchgehen können. Er wurde von einer Frau,
die mir gegenüberstand angesprochen, woraufhin er ihr mit der Hand ins
Gesicht schlug. Als wir ihn darauf hinwiesen, dass es für derlei Gewalt
keinen Grund gäbe, hat er in einem Zug der Frau (mit der zusammen ich
zu dem Einsatzfahrzeug gegangen war, um zu schauen was los ist) ins
Gesicht geboxt und mir den Ellenbogen in den Bauch gerammt. Wir waren
völlig überrascht und geschockt. Der Polizist hat sich danach direkt in
den Fahrerbereich des Einsatzfahrzeuges begeben.“
Zu diesem Vorfall existieren weitere Aussagen, die sich alle ähneln.
Wir könnten noch versucht sein, diese Situationen als Einzelfälle
einer Einheit abzutun, die nicht alle Polizisten im Griff hat, doch bis
zum Ende der Demonstration und der anschließenden Kundgebung am
Heinrichplatz um 23.00Uhr hielt diese Situation der
Einschüchterungsversuche an. Es wurde seitens der Polizei versucht, den
friedlichen Verlauf der Demonstration zu torpedieren.
Zeugin 3: „Am 23. Juni 2007 habe ich an der Veranstaltung
„Transgenialer CSD“ teilgenommen. Ich wurde Zeugin, wie ein mir
unbekannter Mann, der eine pinke Fahne trug, von einem Polizeibeamten
geschubst wurde, während sein Kollege filmte. Der Mann war zuvor
friedlich über den begrünten Mittelstreifen gegangen. Auf diesem
befanden sich auch die zwei Polizisten, einer von ihnen mit einer
Videokamera.
Ich näherte mich kurz dem Geschehen, um zu sehen, was vor sich ging
und entfernte mich dann wieder, um eine Bekannte zu informieren, die
einen Fotoapparat bei sich hatte. Bis zu deren Eintreffen schubsten die
Beamten den Zivilisten ein weiteres Mal und sprachen in aggressivem Ton
mit ihm, ohne mir ersichtlichen Grund. Der Mann hat sich während des
gesamten Angriffs weder verbal noch physisch gewehrt.
Bei der zweiten Handgreiflichkeit gingen ich und eine weitere
Bekannte dazwischen, ohne jedoch körperlich zu werden. Wir fragten die
Beamten nach ihren Motiven. Sie antworteten uns nicht, ließen jedoch
auch den Herrn mit der Fahne in Ruhe. Meine Freundin mit der Kamera
machte unterdessen Fotos von den zwei Polizisten, die sich ab dann
ruhig verhielten und meiner Meinung nach auch aufhörten dort zu Filmen.
Berlin, den 06.07.07“
Zeugin 4: „Gedächtnisprotokoll zum Vorfall am 23. Juni 2007, Mittelstreifen Karl-Marx-Allee, CSD-Demonstration
Ich wurde auf die Situation aufmerksam, als ein Polizist gegen
15.30 Uhr Herrn XXX filmte, wie er eine Fahne schwang. Herr XXX befand
sich zu dieser Zeit auf dem Mittelstreifen in der Karl-Marx-Allee, war
Teil der Demonstration und bewegte sich mit ihr fort. Mir war unklar,
warum die Polizei eine Demonstration von homosexuellen Menschen filmte,
daher hatte der filmende Polizist meine Aufmerksamkeit. Kurze Zeit
später (ungefähr nach einer Minute) setzte der Polizist mit der
Videokamera an und schubste Herrn XXX kräftig. Meine Person sowie
andere Menschen aus der Demonstration eilten herbei. Ich forderte den
Polizisten auf, nicht gewalttätig zu sein und versuchte ihm zu
erklären, dass die Polizei zum Schutze der Demonstration da sei. Auf
meine Frage, warum er so aggressiv sei, antwortete er nicht und filmte
mich. Dann verschwand er mit einem Lächeln im Gesicht in einem
Polizeifahrzeug. Herr XXX war die gesamte Zeit friedlich, sowohl vorher
als auch danach.
Ich empfand die Situation als vollkommen überflüssig, sowohl das
Filmen als auch das Schubsen durch die Polizei. Auch das Lachen habe
ich nicht verstanden, es war abwertend, vielleicht, weil ich
Frauenkleider trug? Es war für mich das erste Mal, dass die Polizei auf
einer Demonstration für die Rechte von einer Minderheit, von
Homosexuellen, a.) gewalttätig wird und b.) ausfallend war.
Im Nachhinein habe ich erfahren, dass die Polizei angeblich
filmte, um eine Straftat aufzunehmen oder gar zu verhindern. Ich habe
während der gesamten Demonstration und besonders zur Zeit des oben
geschilderten Vorfalles keine Straftat beobachten können und empfand
die Demonstration als äußert friedlich, eigentlich wie immer auf dem
Christopher-Street-Day, dem Tag, der daran erinnern soll, dass (auch)
die Polizei, auch in Deutschland, ungerechtfertigt und mit Gewalt
homosexuelle Menschen diskriminiert hat.
Das Verhalten der eingesetzten Polizisten, gerade unter
Berücksichtigung der Geschichte, hingegen empfand ich sehr unsensibel
und fragwürdig.
Berlin, 25. Juni 2007“
Der als XXX bezeichnete Mensch wurde später am Rande der Kundgebung
am Heinrichplatz von Beamten um seinen Personalausweis gebeten. Dieser
Vorfall hat ihm seitens des LKA den aberwitzigen Ermittlungsvorwurf der
„Strafvereitelung“ eingebracht. Es kann nicht angehen, dass völlig
unbegründete Übergriffe von Polizeibeamten auch noch in eine Weise
verkehrt werden, als hätte eine Straftat oder dergleichen
stattgefunden. (Wir können die Friedlichkeit seitens der Demo und XXX
zum Zeitpunkt des Filmens mit Fotos belegen.)
Diese Situation des Filmens fand ungefähr kurz vor dem
Strausberger Platz statt und zeigt, mit welcher Unsensibilität oder
aber bösem Vorsatz Polizeibeamte vorgegangen sind. Es weckt immer
ungute Erinnerungen an Zeiten, die noch nicht so lange her sind, wenn
Polizeibeamte einen Aufzug von Schwulen und Lesben abfilmen. Auch wenn
wir einen schwulen Bürgermeister haben, sind die Zeiten, in denen auch
in der BRD sogenannte „Rosa Listen“ geführt wurden vor allem älteren
Demonstrationsteilnehmern in Erinnerung. Alleine das Abfilmen von
DemonstrationsteilnehmerInnen ist für uns ein aggressiver Akt, den wir
uns alleine schon aus dieser historischen Erfahrung verbieten müssen.
Die Situation (die durch die Beamten selber geschaffen wurde)
hatte sich längst wieder beruhigt, es gab also auch keinen Anlass zum
Filmen von CSD-TeilnehmerInnen. Die Filmaufnahmen seitens der Beamten
wurden zu einem Zeitpunkt gemacht ,als der Demonstrationszug sich
längst wieder in Bewegung gesetzt hatte und die Personalienfeststellung
in dem Polizeifahrzeug bereits abgeschlossen war.
Und es fragt sich auch, wieso die Polizei auf das Vorzeigen eines
Führerscheines beharrte, wo diese Person keinerlei Absicht hatte, das
Fahrzeug in der Demonstration zu führen. Wer Schwule, Lesben,
Transgender als den letzten Dreck betrachtet, bringt dies durch sein
Handeln zum Ausdruck, ohne diese direkt beleidigen zu müssen.
An der Michael-Kirch-Straße erfolgte eine weitere aberwitzige Maßnahme
der Polizei. Auf Höhe der Wagenburg „Schwarzer Kanal“ wurde durch
Menschen aus diesem Umfeld eine Kuchentheke aufgebaut. Ein weißes
Pavillionzelt war der Ort von Zeuge 6, der eine vorläufige Festnahme
beobachtete. Die Demonstration war zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs.
Eine Person kam gerade vom Bereich des „Schwarzen Kanals“ mit einem
Kuchen und war offenkundig nicht Teil der Demonstration, als
Polizeibeamte diese ansprachen und ihre Personalien haben wollten. Sie
händigte den Beamten ihren Personalausweis aus. Plötzlich wollten die
Beamten die Personalienkontrolle nicht mehr vor Ort vornehmen, sondern
verfrachteten sie in ein Einsatzfahrzeug und beschlagnahmten
persönliche Gegenstände und fotografierten sie.
Zeuge 6 „ Ich saß auf einer Bank unter einem weißen Pavillon. Ein
paar Fahrradfahrer fuhren vorbei, sie waren ebenfalls Demoteilnehmer
und grüssten mich ganz freundlich. Ich kannte sie nicht. Aber es lag
nirgends Aggression in der Luft. Ganz im Gegenteil. Dann kamen zwei
große Polizeifahrzeuge herangefahren. Ich dachte, dies diene der
Strassenabsperrung, als sie ein paar Meter weiter neben mir hielten.
Doch plötzlich konnte ich beobachten, wie 3 Polizisten aus ihrem Wagen
stiegen und eine junge Frau in ihren Wagen zerrten und schnell mit ihr
davonrasten. Später erfuhr ich, dass man die junge Frau wegen einem im
Gesicht hängenden BH und einer Sonnenbrille mitgenommen haben soll,
weil sie gegen das Vermummungsgesetz verstoßen hätte, von dem ich bis
dato noch nie was gehört hatte.“
Diese Erinnerung drückt das ganze Unverständnis eines
TCSD-Teilnehmer aus. Es ist einfach üblich, dass der CSD in ganz
Deutschland unter anderem kostümiert vonstatten geht. Auf dem CSD am
Kudamm beispielsweise waren Menschen komplett in Latex verhüllt, so
dass nicht ein Stück Haut zu sehen war. Niemand denkt, dass er oder sie
sich dadurch vermummt. Wenn sich TeilnehmerInnen des TSCD´s einen BH
ins Gesicht hängen, mag das nicht dem Geschmack eines jeden Beamten
entsprechen, muss es aber auch nicht. Er hat die Demonstration zu
ermöglichen und nicht den Charakter der Veranstaltung zu stören. Auch
dieser Einsatz zeugt von einer Mischung aus Unkenntnis und dem Vorsatz
der beabsichtigten Störung des TCSD.
Laut Verlautbarung der Polizeipressestelle wird aktuell suggeriert,
es sei nie zu diesem Vorfall gekommen. Wir können diesen Vorfall mit
der Beschlagnahmequittung einer Sonnebrille und des besagten BH´S
belegen.
Diese Polizeiaktion war wiederum Anlass zu einer Parodie der
Moderation auf die Humorlosigkeit der eingesetzten Beamten, die in
Ermangelung eines BH´s sich entsprechend auf diesem Vorfall bezog und
deutlich machte, dass Vermummung für gewöhnlich einen anderen Charakter
hat. Die Moderation war zu Beginn bis zu Ende der Demonstration mehrere
Stunden in voller Kostümierung präsent, bis auf die kurzen Momente von
höchstens ein-zwei Minuten, wo sie zum Anlass der Satire die Festnahme
einer BH-TrägerIn durch den Kakao zog, indem sie das Gesicht mit einem
Fetischstoff verdeckte. Die gesamte Zeit war die Moderation als solche
kenntlich, mit Gesicht erkennbar und sichtbar und stand immer wieder
direkt neben Polizeibeamten. Im Falle einer tuntenhaften Moderation von
einer Vermummung auszugehen, ist geradezu lächerlich. Ob es verletzte
Eitelkeit der durch die Ansagen der Moderation verärgerten Polizisten
war, oder ob die Beamten an ihre Vorwürfe wirklich glauben oder ob ein
Missverständnis vorliegt, obliegt Ihnen, zu überprüfen.
Es ist jedenfalls eine nicht zu bestreitende Tatsache, dass gegen
23.20 auf der Oranienstrasse/Nähe Adalbertstrasse die Moderatorin der
Demonstration „in Gewahrsam“ genommen wurde:
„Ich befand mich plötzlich umkreist von mehreren Beamten, die sich
auf mich stürzten. Die Situation war sehr plötzlich, sehr massiv und
ich rief umstehende KundgebungsteilnehmerInnen um Hilfe und wurde
zeitgleich von Beamten gegen ein parkendes Fahrzeug geworfen und mit
Polizeigriff sofort festgehalten. Zu dieser Maßnahme gab es keine
Veranlassung. Weder unternahm ich irgendeine Anstalt zur Fluchtabsicht
noch verhielt ich mich in irgendeiner Weise aggressiv gegenüber den
Beamten. In ein Polizeifahrzeug verbracht wurde ich mehrere Straßen
weiter gefahren, durchsucht, fotografiert und nach Beendigung der
Maßnahme wieder freigelassen.“
Auch dieser Übergriff entbehrt nach unserem Rechtsverständnis
jeglicher Grundlage und kann nicht als hinnehmbar akzeptiert werden.
Wir verlangen also von Ihnen nach der gewissenhaften Überprüfung
unserer Beschwerde eine Stellungnahme zu den Vorfällen und die
Einleitung von Disziplinarmaßnamen gegenüber den beteiligten Beamten.
Und wir erwarten die Einstellung aller Ermittlungsverfahren seitens des
LKAs gegen TeilnehmerInnen des TCSD 07, da die Vorwürfe der
Strafvereitelung und Vermummung lächerlich sind und völlig absurd.
Das Verhalten seitens der Polizei ist entweder nur durch eine völlige
Unkenntnis über die Ziele des TCSD zu erklären oder, was zu befürchten
ist, richtet sich gezielt gegen links-alternative Schwule, Lesben und
Transgender, die mit einer inhaltlich-radikalen Gesellschaftskritik
nicht hinter dem Berg halten.
Im Falle einer Nichteinstellung der Verfahren kündigen wir offensive und öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen an.
Als Beschwerdeführerin
Im Auftrag der Organisiationsgruppe des Transgenialen Christopher Streetday Berlin 2007
Mit freundlichen Grüßen
Samira Fansa