AnarchistInnen unter Beschuss
Druck auf israelische Anarchisten wegen Kooperation mit palästinensischen Dorfkomitees
Im Laufe der letzten fünf Jahre ist das israelische Friedenslager
kleiner geworden. Letzten Monat jährte sich der 40. Jahrestag der
Besetzung, und nicht mehr als 4.000 Menschen versammelten sich in Tel
Aviv, um gegen Israels lange dauernde Militärherrschaft zu
protestieren. Von den Demonstranten, die erschienen waren, sind nur
einige Hundert leidenschaftliche Aktivisten - Menschen, die ihr Leben
dem Kampf um Frieden und Gerechtigkeit gewidmet haben.
Unter denjenigen, die am meisten engagiert sind, sind Israels
Anarchisten. Dennoch stehen sie die letzten zwei Jahre unter Beschuss
und es wird immer schwieriger für sie ihren Kampf fortzusetzen.
Die Gruppe der Anarchisten, gegründet im Jahr 2003, besteht aus jungen
Israelis, meistens in ihren Zwanzigern, die eng mit den
palästinensischen populären Dorfkomitees zusammenarbeiten, um gegen
Israels Besatzung Widerstand zu leisten. Sie haben keine offizielle
Führung, kein Büro, und keine bezahlten Mitarbeiter, und trotzdem ist
es ihnen gelungen, mehr zu erreichen als viele gut dotierte NGO’s und
soziale Bewegungen. Wahrscheinlich sind sie am besten bekannt wegen
ihrer Bemühungen im kleinen Dorf von Bi'lin, wo seit mehr als zwei
Jahren wöchentliche Demonstrationen gegen die Mauer, die Israel auf
palästinensischem Land baut, abgehalten werden.
Die Anarchisten sind auch in zahlreichen anderen Dörfern und Städten
aktiv. Tag für Tag fahren sie in kleinen Gruppen durch die West Bank,
unterstützen gewaltfreie Aktionen, die palästinensischen Bauern helfen,
Zutritt zu ihren Feldern und Ernten zu erlangen, während sie sich gegen
die Errichtung der Mauer und gegen die Beschlagnahme besetzten Landes
stellen.
Eine der bemerkenswertesten Fähigkeiten dieser jungen Israelis ist der
subversive Gebrauch ihres eigenen Privilegs, das sie nicht zum eigenen
sozialen, ökonomischen oder politischen Nutzen einsetzen - wie dies die
meisten Menschen tun - sondern vielmehr um gegen Gewalt einzutreten.
Mit anderen Worten, die Anarchisten nutzen das Privileg, das mit ihrer
jüdischen Identität einhergeht, und verwenden es als einen
strategischen Vorteil gegen die brutale Politik des jüdischen Staates.
Als jüdische Aktivisten ist ihnen wohl bewusst, dass das israelische
Militär sich ganz anders verhält, wenn israelische Juden bei einem
Protest in der West Bank anwesend sind und dass der Pegel der Gewalt,
immer noch hoch, viel weniger intensiv ist. In der Tat hat das Militär,
laut Aussage israelischer Soldaten, viel striktere Vorschriften
betreffend Schießbefehle bei Demonstrationen, bei denen
Nichtpalästinenser teilnehmen. Wenn also ein Dorfkomitee beschließt,
gewaltfreien Widerstand gegen die Besatzungsmacht durchzuführen,
mischen sich die Anarchisten unter die demonstrierende Dorfbevölkerung
und werden so ein menschlicher Schutzschild für alle jene
Palästinenser, die sich entschieden haben, dem Weg Mahatma Gandhis und
Martin Luther Kings zu folgen.
Obwohl die Anarchisten oft geschlagen und verhaftet werden, hören sie
nicht auf. Bis heute sind etwa 10 Palästinenser bei Demonstrationen
gegen die Trennungsmauer getötet und Tausende verwundet worden, eine
Zahl, die ohne Zweifel viel größer gewesen wäre, wäre da nicht der
furchtlose Einsatz der Anarchisten.
Diese anonymen Helden werden zur Zeit in Israel als „Fünfte Kolonne“
angesehen. Und als die israelische Polizei festzustellen begann, dass
Schlagen und Verhaftung ihren unbeugsamen Widerstand nicht aufhalten
konnte, wurde eine andere Strategie eingeschlagen. Eine Masse von
gerichtlichen Klagen wurde vom Staatsanwalt verhängt. Die Anarchisten
sahen das als neue Herausforderung an. Sie haben eine gesetzliche
Kampagne eingeleitet, deren Ziel es ist, das grundlegende Bürgerrecht
aller Israelis zu verteidigen, Widerstand gegen die Politik ihrer
Regierung, die das Recht missbraucht, zu leisten. Diesen Kampf führt
Gabi Lasky an, eine energische Rechtsanwältin, die viele ihrer
Wochenenden damit verbringt, die Anarchisten aus dem Gefängnis
freizubekommen, und ihre Werktage damit, sie bei Gericht zu
vertreten.
Im Gegensatz zum Kampf innerhalb der Besetzten Gebiete verlangt der
gesetzliche Kampf für den Schutz der Freiheit der Bürger finanzielle
Ressourcen, die die Anarchisten nicht haben. Der Staat weiß, dass das
die Achillesferse der Anarchisten ist, und hat versucht, die
friedensbildenden Aktivitäten zu unterminieren, indem er sie zu hohen
Strafen verurteilt. Obwohl Lasky für wenig mehr als ein Minimumgehalt
arbeitet, kann der Kampf der Anarchisten nicht ohne Hilfe von besorgten
Menschen auf der ganzen Welt fortgesetzt werden. Klicken Sie hier, um
festzustellen, wie sie helfen können.
AATW home page --- www.awalls.org --- www.awalls.org/donations
Orginalartikel: Anarchists Under Fire
Übersetzt von: Ellen Kösten