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Anarchie in Bulgarien

by fdaadmin last modified 2007-10-16 09:31

Ein bulgarischer Genosse, der auch ein Zine veröffentlicht, beschreibt die gegenwärtigen anarchistischen Projekte in seinem Land, er diskutiert, wie ganz freie Märkte im osteuropäischen Kontext funktionieren und die lokale Relevanz von CrimethInc.texts aus den USA. Kontaktmöglichkeiten zu AnarchistInnen zwischen Sofia und Schwarzem Meer sind auch enthalten.

Beschreibe deine Gruppe: wie viele Leute machen mit, seit wann seid ihr aktiv, wie kommt ihr zu gemeinsamen Entscheidungen? Welche Projekte habt ihr gemacht?


Ich gehöre zwei Gruppen an. Eine nennte sich "Anarchosaprotiva" (AnarchoResistance) und ist in Sofia beheimatet. Wir sind
ca 6-10 Personen. Die Gruppe ist seit 2001 aktiv. Ich bin seit 2004 dabei. Wir treffen uns jede Woche. Wir haben kein besonderes Prozedere bei Diskussionen und Entscheidungen. Es ist eher eine freundliche Unterhaltung und wenn wir Vorstellungen zu
Aktionen haben, sollten alle zustimmen und einen Konsens erreichen, aber alle  sind frei, außerhalb der Gruppe zu tun, was sie wollen. Die Gruppe gab ein  monatliches Flugi "Anarchosparotiva" heraus, als Teil der anarchistischen  Zeitung "Svobodna Misal" (Freies Denken). Es hat viele Veränderungen bei der  Zeitung gegeben, die von der FAB (Föderation der AnarchistInnen in Bulgarien)  herausgegeben wird und die Beilage wird nicht mehr herausgegeben. Die Gruppe hat viele kleinere Protestaktionen organisiert, gegen die Militarisierung und  den Krieg in Afghanistan und Irak. Wir und unsere griechischen FreundInnen von der Anti-Autoritären Bewegung Thessaloniki haben ein No Border Camp in Bulgarian organisiert und No Border Aktionen in Griechenland, um die  Reisefreiheit und die illegalen MigrantInnen zu unterstützen, die in einem illegalen ***detention center in Venna/Griechenland sitzen. Einige von uns haben sich auch an einer "Food Not Bombs"-Gruppe hier in Sofia beteiligt, die sechs Monate existierte und bei vielen ökologischen Protesten mitgemacht. Wir haben anarchistische Flugblätter bei Protesten, Konzerten und einigen von uns organisierten Videoscreenings verteilt . In diesem Jahr haben wir zweimal ein Freies Festival organisiert (Really Really Free Market).

Ich gehöre auch noch einer anderen Gruppe in Razgrad an. Das ist keine offizielle Gruppe. Wir sind nur ein paar FreundInnen, die ein paar kleine lokale Aktionen machen. Wir sind 5-6 Personen. Das Beste ist, daß wir seit letztem Jahr dieses Freie Festival organisieren.  Viele Leute sind jetzt ganz begeistert von der Idee des miteinander Teilens. Wir freuen uns auch über unser Infocenter in Razgrad. Es hat einmal wöchentlich für ein paar Stunden geöffnet. Wir hängen da von den Eigentümern des Gebäudes ab. Es ist ein  Schulzentrumsprojekt, aber die Leute, die das Projekt betreiben, sind sehr nett und haben uns einen großen Raum als Bibliothek  gegeben und wir zeigen dort auch Videos, machen Präsentationen und Konzerte. Mein anderes Nebenprojekt ist das Zine Katarzis. Damit habe ich vor zwei Jahren angefangen, inspiriert durch CrimethInc. Ich habe einige Texte übersetzt und hatte dann die Idee, sie zusammenzustellen und so fing es an. Jetzt helfen mir noch ein paar Leute und schreiben Artikel über Aktionen in Bulgarien, sie
interviewen anarchistische Bands und schreiben Texte.

Mit welchen anarchistischen Bewegungen außerhalb Bulgariens unterhaltet ihr die engsten Kontakte und welche beeinflussen euch am meisten? Griechenland, USA, Türkei oder andere Länder?

Die meisten Kontakte hatten wir zur Anti-Autoritären Bewegung aus Thessaloniki in Griechenland, aber wir haben auch Kontakte zu vielen anderen anarchistischen Gruppen in ganz Europa. Wir bauen gerade Verbindungen zum People's Global Action Network auf und möchten ein Netzwerk im Balkan aufbauen, damit die Gemeinschaften der AktivistInnen hier Informationen und Ideen teilen und sich gegenseitig unterstützen und auch gemeinsame internationale Aktionen durchführen können. Wir haben Einflüsse von  anarchistischen Bewegungen weltweit aufgenommen, aber für die meisten von uns ist der größte Einfluß das CrimethInc.-Kollektiv.

Wie viele Projekte führt ihr in Bulgarien durch, deren Grundzüge (wie Really Really Free Market) aus anderen Zusammenhängen importiert sind und wie habt ihr diese dem bulgarischen Kontext angepaßt?

Wir haben zwei auf solchen 'Formaten' basierende Projekte angefangen und eines davon existiert nicht mehr. Einige von uns waren an einer 'Food Not Bombs'-Gruppe in Sofia beteiligt. Die Idee paßte in den Kontext in Sofia, weil es eine große und nach westlichem Muster entwickelte Stadt ist. Bulgarien ist außerdem der NATO beigetreten und hat viel Geld für Militäraktionen und für den Krieg in Irak und Afghanistan ausgegeben, daher war es eine gute Idee, solche Aktionen zu starten. Es gibt viele obdachlose Personen in Sofia und wir wollten ihnen helfen und gleichzeitig antimilitaristische und vegetarische Propaganda verteilen. Wir bekamen  Lebensmittel von zwei großen Märkten und von mehreren Restaurants und Bäckereien. Wir hatten eine gute Infrastruktur aufgebaut und für sechs Monate gab es jeden Sonntag Aktionen, aber dann wurde es Sommer und die meisten Leute wanderten ab, und als der Herbst kam, waren nur wenige Leute übriggeblieben; wir haben noch drei Aktionen organisiert und dann kam die Sache zum Erliegen. Das andere Projekt, das auf einem solchen 'Format' basierte, ist das Freie Festival, das wir seit letztem Herbst organisieren. Wir haben von dieser Initiative in den USA gehört und hielten es für eine tolle Idee und wollten das auch hier in Bulgarien machen. Ich  glaube, daß dies ein universelles Modell ist, das überall auf der Welt verwirklicht werden kann. In einigen Ländern gibt es eine konsumierende Lebensweise und die Leute dort könnten die nicht benötigten Dinge verschenken, anstatt sie wegzuwerfen; in anderen, unterentwickelten Ländern gibt es keinen Überfluß an solchen Gütern, aber die Menschen könnten andere Dinge teilen wie
Lebensmittel, Fähigkeiten, Lieder, alles Mögliche. Ich meine, daß ist eines der besten Beispiele dafür, was Anarchie in der Praxis ist.

Inwiefern unterscheidet sich ein solcher Really Really Free Market in Razgrad oder Sofia von einem in den USA?

Ich glaube, der Unterschied ist nicht so groß. Vielleicht liegt er nur im Lebensstandard der Leute. In den USA findest du eine Stereoanlage oder einen Computer bei einem Really Really Free Market, in Bulgarien ist dies fast unmöglich. Die Leute hier geben alte Bekleidung weiter, Schuhe, Bücher, Musik-CDs und Spielsachen. Wir versuchen, dieses Event nicht nur auf Waren zu begrenzen, sondern als freie Zone zu begreifen, in der jedeR teilnehmen kann und spielen, tanzen, ein freies Leben führen. Das Gute an dieser Veranstaltung ist, daß alle dazu beitragen. Von uns kommt nur die Idee und der Termin und die Leute kommen und ziehen es selbst durch.

Glaubst du, daß die öffentliche Reaktion auf Really Really Free Market in den Ländern anders ist, die früher eine 'kommunistische' Regierung hatten im Vergleich zu den Ländern, die immer schon offen kapitalistisch waren? Oder ist die Beziehung zu Eigentum dieselbe?

Ich glaube nicht, daß es einen großen Unterschied gibt. Bulgarien stand 40 Jahre unter 'kommunistischer' Herrschaft und in den  letzten 17 Jahren der 'Demokratie' wurden die Türen dem ungezügelten Kapitalismus weit geöffnet. Daher verhalten sich die meisten Leute in Bulgarien wie die in der westlichen Welt.

Du hast gesagt, es gibt Einflüsse von CrimethInc. In den USA gibt es Kritik an CrimethInc; einige meinen, die Ideen seien nur für Menschen aus der Mittelklasse in reichen Ländern relevant, daß die Armen außerhalb der USA
nichts davon hätten. Wie ist aus bulgarischer Sicht betrachtet eure Perspektive hinsichtlich dieser Kritik? Welche Reaktionen hattet ihr auf die von euch übersetzten Texte? Was fanden die Menschen brauchbar und was nicht?
Welche Veränderungen habt ihr vorgenommen, um den Nutzen zu steigern, oder wie habt ihr bei den Übersetzungen entschieden, den Schwerpunkt zu setzen?


Es stimmt vielleicht, daß der größte Teil der Strategie von CrimethInc in armen Ländern nicht relevant ist. Zum Beispiel sich dem System zu entziehen, indem man seinen Job schmeißt und sich mit Müll plündern durchs Leben schlägt ist sehr schwierig bis unmöglich in Bulgarien. Ich stimme der Vorstellung zu, das kapitalistische System überhaupt nicht zu unterstützten, aber manchmal, besonders, wenn mensch allein ist, ist es fast unmöglich, sich außerhalb des Systems zu stellen und du brauchst Arbeit, um zu überleben. Ich glaube trotzdem, daß mensch sich durch ein kollektives Leben mit ähnlich gesinnten FreundInnen ein alternatives Leben aufbauen kann. Die meisten der Roma in Bulgarien sind Dropouts und sie leben noch und existieren irgendwie. Diese Kritik an der CrimethInc-Strategie gibt es hier auch. Selbst einige AnarchistInnen der FAB (Föderation der AnarchistInnen in Bulgarien) werfen
uns vor, daß wir nicht echte, sondern Pseudo-AnarchistInnen seien, die dem 'modernen' westlichen Anarchismus folgen, daß wir so eine Art Hippies seien und die Aufmerksamkeit vom hauptsächlichen Feind, nämlich 'Staat und Kapital' nur ablenken. Also werden wir auch kritisiert und haben auch in anarchistischen Kreisen Konflikte. Auf der anderen Seite erlebe ich, daß viele junge Leute an unseren Projekten interessiert sind. Viele mögen unser Zine und ich glaube, das Inspirierendste ist dieser romantische Anarchismus. Am Anfang bestand das Zine nur aus Übersetzungen aus Days of War, Nights of Love und Recipes for Disaster. Einige waren für die Situation in Bulgarien kaum brauchbar, aber es tut immer gut, ein paar neue Ideen zu sehen. Wir versuchen, diese Ideen umzusetzen und sie der Situation in Bulgarien anzupassen.

'Food Not Bombs' war eines dieser Projekte. Es ist möglich, es in Sofia durchzuziehen, weil es eine Großstadt ist, aber manchmal konnten wir nicht genug Lebensmittel sammeln und mußten einiges kaufen. Wir wollten auch in Razgrad eine FNB-Gruppe aufbauen, aber das lief nicht. Es ist irgendwie nicht möglich. Wir schauten, ob wir übriggebliebene Lebensmitteln auf dem Markt bekommen können, aber es gibt fast nichts für uns. Daher beschlossen wir, diesen Really Really Free Market zu versuchen und er paßte perfekt in diese Kleinstadt. Die Idee ist erstens klasse und die Leute wollen teilen, zweitens passiert in Razgrad nichts Interessantes und Veranstaltungen dieser Art bekommen sehr viel Aufmerksamkeit, sogar die örtlichen Medien zeigten Interesse und haben uns unterstützt. Wir haben auch nach einem Haus zum Besetzen und für einen Infoladen gesucht, es gibt aber nur sehr wenig leerstehende Häuser, die in den meisten Fällen auch schon fast Ruinen sind. Daher haben wir Kontakte zu einer institutionalisierten Organisation aufgenommen (ein Schulzentrum) und dort nach einem Raum gefragt. Die fanden die Idee mit einem alternativen Infozentrum gut und haben uns geholfen. Daher haben wir jetzt das Infozentrum, wir sind aber ein wenig abhängig von den Hauseigentümern und können dort nicht alles tun, was wir möchten, aber zur Zeit ist es das beste unserer Projekte.

Auf welche Weise können AnarchistInnen in Nordamerika am besten die Projekte von AnarchistInnen auf dem Balkan unterstützen?

Manchmal ist schon ein aufmunterndes Wort genug, damit du dich besser fühlst und den Kampf weiterführen kannst. Wenn wir verzweifelt sind, hilft uns das Wissen, daß wir nicht allein stehen, damit wir nicht aufgeben, daß es überall auf der Welt andere wie uns gibt, die für ein besseres Leben kämpfen. Ich bin nicht sicher, auf welche Weise AnarchistInnen in Nordamerika anarchistische Projekte auf dem Balkan unterstützen können. Vielleicht sollten wir zuerst in Kontakt kommen und uns besser kennenlernen, Informationen und Ideen zu unseren Projekten austauschen, und auch Bücher und andere Propagandamaterialien.

Gibst du uns eine Liste von Projekten und Gruppen in Bulgarien und deren Kontaktadressen, die für AnarchistInnen in anderen Ländern nützlich sein können.

www.a-bg.net – ein anarchistisches Portal der FAB (Föderation der AnarchistInnen in Bulgarien):
fab@a-bg.org

Die autonome anti-autoritäre Gruppe 'AnarchoSaprotiva" - Sofia:
www.aresistance.net
aresistance@riseup.net


Das Zine Katarzis - mit Nachrichten aus der örtlichen anarchistischen Szene, Texten über den täglichen Anarchismus, über Umwelt, Tierrechte, Anarcha-Feminusmus, praktische Tips und Interviews mit Bands:
katarzis@riseup.net


Infozentrum 'Ecotopia' - ein alternatives Informationszentrum in Razgrad. Es hat einen Leseraum und eine Bibliothek mit verschiedenen anarchistischen Materialien sowie zum Thema Umwelt, Anarcha-Feminismus, Tierrechte, Subkultur etc. Dort laufen auch Videovorführungen, Diskussionen, Konzerte, Ausstellungen etc.. Alle, die in der Nähe sind, können gerne vorbeikommen:
infocenter.ecotopia@gmail.com


www.music.a-bg.net – ein Online-Zine mit Schwerpunkt auf der DIY-Szene mit vielen Infos über Aktionen, Musik, Tierrechte, praktische Tips etc: this is an online zine focused on the DIY scene: sfti.diy@gmail.com

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