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Turning Pain into Pleasure? - Sheila Jeffreys' "Ketzerinnen": eine notwendige Buchbesprechung angesichts des sadomasochistischen Angriffs auf den Anarchismus in London

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Turning Pain into Pleasure? - Sheila Jeffreys' "Ketzerinnen": eine notwendige Buchbesprechung angesichts des sadomasochistischen Angriffs auf den Anarchismus in London

Posted by Rudolf Mühland at September 08. 2007

"Wer sich das offizielle Programm (von Anarchy in the UK;
d.A.) durchblättert und dabei auf die Werbung für Tuppy
Owens 'Smut Fest' stößt, auf welchem u.a. nekrophile
Poetinnen, Stripperinnen, Exekutionsrituale, Fesselungen von Jungen,
Peitschen, Stilette, Peep Show Stars; 8 Pfund Aufpreis für
Kellnerinnen angekündigt werden, muß sich wohl fragen,
was da eigentlich für eine Scheiße abgeht? Und was
da eigentlich mit dem Anarchismus passiert? Oh natürlich,
wir werden gleich zu Anfang der Ankündigung darüber
aufgeklärt, daß 'die Anarchie in deinen Unterhosen'
beginnt - und da ist sie offensichtlich auch geblieben. Wie revolutionär!
Was für eine Bedrohung für den Staat! Die Regierung
scheißt sich in die Hosen - wenn sie je aufhören würde,
darüber zu lachen!" ("Fighting Times", Newsletter
of Cambridge Anarchists, 3/94, S. 2)


Die Diskussionen


Als Mann, dessen Sexualitätsverständnis und -praxis
in jahrelanger Auseinandersetzung in gemischten und Männer-Gruppen
entscheidend geprägt worden ist, haben mich die auch für
Männer zugelassenen Veranstaltungen um Sadomasochismus des
Londoner Festivals ebenso betroffen wie interessiert. Zu beobachten
war eine komplette Spaltung: die gemischte Veranstaltung pro Sadomasochismus
vom "Lesbian & Gay Freedom Movement" (LGFM) war
ebenso gut besucht wie die Anti-Pornographie & S/M-Veranstaltung
der anarchafeministischen Gruppe der "Cambridge Anarchists"
(jeweils ca. 50-100 Leute) - doch überschnitten haben sich
die Beteiligten kaum. Bei den einen waren die S/M-BefürworterInnen,
bei den anderen die GegnerInnen deutlich in der Mehrheit. Noch
nie war eine absolute Spaltung, eine absolute Kommunikationslosigkeit
deutlicher spürbar.


Die LGFM definierte S/M in einem Flugblatt als "the use
of pain for pleasure" (die Benutzung von Schmerz für
Lustgewinn). Vorgetragen wurden Beispiele staatlicher Verfolgung
gegen "konsensuale" S/M-Praktizierende, wobei allerdings
schon anklang, dass die Gesetzeslage zwar hart ist, die realen
Fälle von Verfolgung sich aber auf vergleichsweise wenige
(von fünf, sechs Fällen pro Jahr war die Rede) beschränken.
In der Diskussion gab es dann zum Beispiel schwule Redebeiträge,
in welchen weitgehend unwidersprochen Pädophilie befürwortet
oder gefordert wurde, Kindern so frühzeitig wie möglich
Pornos zu zeigen, damit sich ihre Sexualität "frei"
entwickeln könne. Pornographie wurde überhaupt als Teil
der Utopie einer anarchistischen freien Gesellschaft angesehen.
Meinem Argument, Pornographie sei patriarchale Propaganda hierarchischen
Rollenverhaltens in der Sexualität, deren Ideologie von schwullesbischer
S/M nur übernommen werde, wurde entgegnet, S/M sei ja nur
ein Spiel.


Die Cambridge-Gruppe erwies sich dagegen als wirklich anarchistisch,
weil sie einerseits Gesetzesvorhaben gegen Pornographie und S/M
ablehnte und auf direkte Aktion gegen die Pornoindustrie und Überzeugungsarbeit
gegenüber schwullesbischen S/Ms setzte, andererseits aber
darauf bestand, dass das Private weiter politisch sei und Herrschaft
und Gewalt nicht nur gegenüber dem Staat, sondern auch in
sexuellen Beziehungen thematisiert werden müssen.


Ganz deutlich wurde in beiden Veranstaltungen auch, dass S/M-BefürworterInnen
überhaupt keine analytische Vorstellung von Gewalt haben,
dass ihnen Gewalt weder in der Sexualität noch als revolutionäres
Konzept ein größeres Problem ist, während bei
den S/M-GegnerInnen tendenziell auch die gewaltfreien AnarchistInnen
zu finden waren.


Sadomasochismus als heterosexuelle Ideologie


Wer die Londoner Auseinandersetzungen inhaltlich nachvollziehen
will, der/dem sei hier das Buch "Ketzerinnen" von Sheila
Jeffreys empfohlen. Diese radikalfeministische Lesbe hat in den
80er Jahren in der Londoner Gruppe "Lesbians Against Sadomasochism"
gearbeitet, als SadomasochistInnen Anti-S/M-Lesben unter dem Vorwand
der "Toleranz" aus dem Londoner "Lesbian and Gay
Centre" drängten. Es ist für sie kein Zufall, dass
sich Widerstand gegen die S/M-Offensive viel stärker unter
Lesben als unter Schwulen artikuliert. Sie sieht die S/M-Offensive
als sexualpolitischen Backlash patriarchaler Ideologie im Kontext
eines zunehmenden Rassismus in der Gesamtgesellschaft.


Stück für Stück nimmt Jeffreys die Argumente,
die gemeinhin in libertären Kreisen für eine Toleranz
gegenüber S/M angeführt werden, auseinander. Da ist
zunächst der wiederaufgetischte Mythos, sexuelles Rollenverhalten
der Dominanz auf der einen und der Unterwerfung auf der anderen
Seite sei angeboren. Jeffreys entlarvt dies als Teil herrschender
heterosexueller und biologistischer Ideologie, welche männlich-dominantes
und weiblich-unterwürfiges, immer verfügbares, immer
wollendes Sexualverhalten in Wirklichkeit ansozialisiere. Dann
ist da der Mythos, Sadomasochismus sei nur ein Spiel. Jeffreys
zeigt, dass sadomasochistische Rituale vorher geplant werden müssen,
dass die Rollen (Top/Bottom; Butch/Femme) festgelegt sind, dass
sich gleichberechtigte Spontaneität so gerade nicht entwickle.
Ganz zentral ist jedoch der Mythos, sexuelle Gewalt verwandle
sich in Lust und die einzige Bedingung dafür sei, dass Gewalt
"konsensual", also mit Zustimmung der Beteiligten, angewandt
werde. Jeffreys wendet ein, dass Schmerz zunächst immer erstmal
Schmerz bleibt. Sie führt viele Beispiele an, bei denen konsensualer
S/M zu realen Verletzungen führte.


"Solches 'auf Übereinkunft beruhendes' Schlagen nützt
unserem Kampf als Frauen und Lesben um ein gewaltfreies Leben,
um unser Recht, nicht als geeignetes Ziel für Gewalt betrachtet
zu werden, überhaupt nicht. S/M ist viel mehr als nur eine
sexuelle Praxis. Es ist eine Lebensweise und eine Weltsicht, die
Gewalt verherrlicht und legitimiert." (S. 229)


Außerdem beruhe Sadismus gerade auf der inhaltlichen Prämisse,
sich an keine Abmachung zu halten, Grenzen zu überschreiten,
andere gerade dadurch zu quälen, dass vorherige Abmachungen
gebrochen werden. Auf diese Weise sind zum Beispiel Praktiken
entstanden, in welchen eine Femme (Rolle der Unterworfenen) von
einer Butch (Rolle der Dominanz) mit Benzin übergossen und
angezündet wurde (dass nur ganz geringe Mengen Benzin darunter
waren, erfuhr die Unterworfene erst nachher, als der Brand gelöscht
war). Was etwa die Türkei betrifft, wird vorgetäuschte
Tötung Folter genannt, hier gilt das als "Spiel",
bei dem die Zustimmung nachträglich eingeholt wird. Als "konsensualer
Sex" gilt nämlich auch, wenn die Unterworfene der Grenzüberschreitung
im Nachhinein zustimmt. Für Jeffreys gibt es aber keine "freie
Zustimmung" zu Machtungleichgewicht, Herrschaft und Gewalt.


"Im westlichen demokratischen Denken stimmen alle Gruppen
der Bevölkerung dem Regierungssystem zu. Darüber herrscht
Konsens. Aber es stimmt nicht. Nur weiße vermögende
Männer stimmen in jeder Beziehung mit einem politischen System
überein, das alle anderen erniedrigt, ausbeutet und beherrscht.
S/M nutzt dieses politisch manipulierte Verständnis von Konsens,
um S/M zu rechtfertigen." (S. 230)


In anarchistischen Begriffen gesagt, würde ich daher auch
immer von "freiwilliger Knechtschaft" (de la Boetie)
sprechen. Jeffreys fordert demgegenüber eine egalitäre
Sexualität, in der nicht Machtausübung und Abhängigkeit,
sondern Gleichwertigkeit und Gewaltlosigkeit als erotisch empfunden
werden, eine Sexualität, die mit Liebe und Zärtlichkeit
untrennbar verbunden ist. Gerade die Aufspaltung von Liebe und
Sexualität schaffe die Bedingung patriarchaler Objektivierung
in der Sexualität. Daß entgegen den Behauptungen vieler
S/M-BefürworterInnen herrschaftliches Rollenspiel nicht auf
die Sexualität beschränkt bleibt, beweist Jeffreys anhand
der Schriften von Pat Califia, einer führenden S/M-Theoretikerin
aus den USA, die 1982 eine Negativpublizität erlangte, weil
sie einer Frau gegen deren Willen ein Hakenkreuz ins Fleisch ritzte.
Califia schreibt:


"Eine S/M-Szene kann sich zwischen Wärter und Gefangenem,
Polizist und Verdächtigem, Nazi und Juden (!; d.A.), Weißem
und Schwarzem, Hetero- und Homomann, Elternteil und Kind, Priester
und Büßer, Lehrer und Schüler, Hure und Kunden
usw. abspielen." (zit. nach Jeffreys, S. 213)


Es ist die Erotisierung von Herrschaft, die Jeffreys am Beispiel
Califias als faschistoid denunziert. Auch die S/M-Ästhetik,
vor allem die Vorliebe für schwarzes, glänzendes Leder,
Latex, Fesseln, Peitschen, Uniformen usw. laufe mit faschistischer
Ästhetik konform.


Wie im angloamerikanischen Raum, wenngleich verspätet, hat
sich auch in der bundesdeutschen Schwulen- und Lesbenszene S/M
in den letzten Jahren ausgebreitet. Bis jetzt haben wir Libertäre
sie in Ruhe gelassen, zuweilen nur die heterosexuelle Pornoindustrie
angegriffen. Jetzt ist für mich die Schonzeit vorbei. In
London drängten S/Ms unter dem Vorwand, wie alle AnarchistInnen
auch gegen Zensur zu sein, in die anarchistische Szene rein. Doch
auch in der BRD wird das kommen: in der "direkten aktion"
Nr. 105 wurde bereits ein ganzseitiger Artikel "Latex &
Anarchie" veröffentlicht, in welchem der ganze patriarchale
Müll von "freier Vereinbarung" bei S/M heruntergebetet
wird und er deshalb in eine natürliche Verwandtschaft zum
Anarchismus gestellt wird, weil es dort ja auch eine freie Vereinbarung
gebe.


Das Schlimme dabei ist: Radikalfeministinnen, denen der Anarchismus
schon immer zu männerdominiert und patriarchal war, werden
durch solche Tendenzen für immer vom Anarchismus kuriert.
Noch Sheila Jeffreys, die Lesbischsein u.a. mit "anti-hierarchisch"
identifiziert, bezeichnet S/Ms mit der von ihnen selbst gewählten
Begrifflichkeit als "libertär". Nicht einmal das
sollten wir ihnen zugestehen, denn sonst treiben wir die letzten
Radikalfeministinnen aus dem Anarchismus raus und dem Staat via
Antidiskriminierungsgesetzen in die Arme. Mir jedenfalls haben
an London interessierte bundesdeutsche Anarchafeministinnen gesagt,
dass sie wegen der dort angekündigten S/M-Offensive lieber
gar nicht erst hinfahren. Ich kann's ihnen nicht verdenken. Sadomasochismus
ist nur die liberale Ergänzung zur puritanischen, viktorianischen,
auf Verdrängung basierenden bürgerlichen Sexualmoral,
ganz so, wie auch der Neoliberalismus nur die Ergänzung zum
keynesianischen, staatsmonopolistischen Kapitalismus ist. Mit
Anarchismus hat in beiden Fällen weder das eine noch das
andere auch nur irgendwas zu tun!


Rael

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Anmerkungen


Sheila Jeffreys: Ketzerinnen. Verlag frauenoffensive, München
1994, 242 S., 34 DM.




Re: Turning Pain into Pleasure? - Sheila Jeffreys' "Ketzerinnen": eine notwendige Buchbesprechung angesichts des sadomasochistischen Angriffs auf den Anarchismus in London

Posted by Robert Robertsen at March 06. 2008

In Gesellschaften autoritärer Erziehung werden Menschen dazu gebracht, sich gegen ihre eigene Lebendigkeit oder Teile dieser (die dann gefürchtet wird!) unbewußt zu entscheiden und an deren Stelle das Machtmodell als Muster sozialer Beziehungen zum Leitbild der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit zu machen. Deshalb ist in allen sozialen Beziehungen autoritärer kapitalistischer, sozialistischer oder sonstwie bezeichneter Gesellschaften ein starker Moment direkter und/oder struktureller Gewalt vorhanden.




Herrschaft ist nicht etwas außerhalb unserer selbst Stehendes, sondern Teil unserer Persönlichkeit als erzogene Menschen. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Debatte zu sehen.




R.R.


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