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Zeitgemäße Utopie

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Zeitgemäße Utopie

Posted by Robert Robertsen at April 07. 2007

Die utopischen Vorstellungen des Anarchismus sind größtenteils aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Oft wird noch nicht einmal zu den freiheitlichen Möglichkeiten von Mobiltelefonen, Internet sowie symulierten Realitäten und Chaträumen Stellung genommen. Selbst BoloBolo von PM entspricht nicht mehr den Möglichkeiten des sich weiter entwickelnden Kapitalismus, deren Erbe der Anarchismus werden könnte.


Auch zur Nanotechnologie, Lasertechnik, intelligenten Kleidung und zur Solarenergie schweigt die anarchistische Utopie ebenso wie zu den Möglichkeiten der Gentechnologie oder des Druckens von Organen. Man vergißt lieber, daß die klassischen anarchistischen Utopien Möglichkeiten der anarchistischen Entwicklung ihrer Epoche ausloteten und daher mit dem Ende ihrer Epoche rettungslos überholt sind. Man vergißt, daß das Umsetzen (die Antiplikation) einer veralteten Utopie und Gesellschaftstheorie nach der klassischen anarchistischen Theorie in eine neue Herrschaft einmündet, da die Wirklichkeit all jener Entwicklungen entkleidet werden muß, die nicht mit der veralteten Utopie und Gesellschaftstheorie zu vereinbaren sind.


"Wir lassen die Realität sprechen, wie sie ist und wie sie sein könnte" schreibt Kropotkin und macht damit deutlich, daß die anarchistischen Klassiker Utopie nicht als für alle Epochen und Zeiten gültigen Fahrplan zur Anarchie verstanden, sondern eben als Aufzeigen der Entwicklungsmöglichkeiten der gesellschaftlichen Realität ihrer Epoche selbst. Diese Entwicklungsmöglichkeiten sind heute von der Zeit überholt und entsprechen nicht mehr der heutigen gesellschaftlichen Realität.


Wer  beispielsweise Betriebsvollversammlungen nach dem Vorbild des revolutionären Spaniens 1936 gegen die Realität betrieblicher Kämpfe mit Hilfe von Betriebsräten und einer rudimentären betrieblichen Mitbestimmung setzt, zeigt nicht die in der heutigen Realität angelegten Entwicklungsmöglichkeiten anarcho-syndikalistischer Gewerkschaften auf, sondern stellt seine utopischen Vorstellungen gegen die gesellschaftliche Realität und alle in dieser angelegten Möglichkeiten der Emanzipation. Er verlangt im Grunde den Rückschritt - nicht den Fortschritt - der gesellschaftlichen Entwicklung zum Stand des Spaniens von 1936. Er - oder sie - will im Grunde die gesellschaftliche Realität im Sinne seiner veralteten Utopie und Strategie auf den Stand einer früheren Epoche zurückführen und die in der gesellschaftlichen Entwicklung seit 1936 verborgenen Freiheiten negieren.


Selbst Anarchisten und Anarchistinnen können zu Gegnern der Freiheit werden, wenn sie ihre Vorstellungen über eine anarchistische Gesellschaft sowie über den Weg dorthin absolut setzen und sich an einer von der gesellschaftlichen Entwicklung überholten Utopie orientieren. Die jüngere Geschichte der IAA legt davon deutliches Zeugnis ab. Die Frage des klassischen Anarchismus an ihre Erben in der IAA - aber auch in der IFA sowie der SIL - wäre nicht, ob sie lieber "der Schwanz einer Maus als der Schwanz einer Ratte" wären, sondern, ob ihre anarchistischen Vorstellungen der gesellschaftlichen Entwicklung im Allgemeinen und den emanzipativen Möglichkeiten dieser Realität selbst im Besonderen entsprechen - und eben nicht der gesellschaftlichen Entwicklung eine an vergangenen Epochen orientierte Wirklichkeit vorschreiben.


Absolut im anarchistischen Sinne ist nur die menschliche Freiheit, die bekanntlich an der Freiheit aller anderen Menschen endet. Aus dieser ist die Menschenwürde jedes Menschen im Anarchismus abgeleitet. Alles andere sind keine absolut gesetzten Werte und Prinzipien, sondern der Zeit und der gesellschaftlichen Entwicklung untergeordnete Werte....




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