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Bericht über meine kürzliche Reise nach Tschechien und Slovakien.

by fdaadmin last modified 2007-04-02 17:00

Während des letzten CRIFA-Treffens im November 2004 in London wurde ich von den tschechischen und slovakischen GenossInnen zu einer Info-Rundreise durch ihre Länder eingeladen. Diese fand vom 28. März bis 3. April statt. Ich konnte vor insgesamt 120-150 jungen und sehr jungen GenossInnen und SympathisantInnen sprechen, von denen einige nur sehr oberflächliche Eindrücke von anarchistischen Vorstellungen und Methoden hatten.

Es wurden Vorträge zu den folgenden Themen angekündigt:

"Welche Aktivitäten gibt es in der anarchistischen Bewegung, die sich aus allen Generationen zusammensetzt und die starke antifaschistische, antiklerikale und antimilitaristische Traditionen hat? Wie ist das Leben in Italien, das vom Medienboss Berlusconi beherrscht wird? Können wir von der reformistischen oder "postrevolutionären" Linken etwas Gutes erwarten?"

Das erste Treffen fand in Prag statt, in denselben Räumlichkeiten, in denen sich die CRIFA im November 2003 getroffen hatte, in der Krtkova Kolona, ein Treffpunkt für AnarchistInnen und Libertäre. Am Abend des 29.3. waren GenossInnen von der Zeitung A-Kontra, der CSAF, der anarcha-feministischen Gruppe 8. März, von der Solidarita (ORA), der Antifaschistischen Aktion und mehrerer anderer Gruppen und Strömungen anwesend, die ich als Ausländer aber nicht so mitbekam. Nach einer Einleitung von ungefähr einer Stunde allgemein zum Anarchismus und zu den Mechanismen von Herrschaft gab es über zwei Stunden eine lebhafte Diskussion, bei der auch aktuellere Ereignisse wie der Streik in Melfi (ein Autozulieferer, der für FIAT just-in-time herstellt), die Scansano-Unruhen (Nuklearabfalllager), die Aktivitäten von AnarchistInnen beim Klassenkampf und innerhalb von ArbeiterInnenorganisationen. 35-40 Leute nahmen an allen Diskussionspunkten teil.

Am 31.3. war ich in Brno im Info-Cafe in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Brno ist eine Stadt mit 300.000 EinwohnerInnen plus ca. 50.000 StudentInnen an der Uni. Es gab 25-30 TeilnehmerInnen. Auch hier war die Diskussion lebhaft und berührte Themen wie Umwelt, Klassenkampf, die Beziehung zwischen Anarchismus und Gewalt. Nach Abschluß der Veranstaltung wurde ich von einem Radioprojekt interviewt; das Interview wird im Rahmen einer Kulturserie gesendet. GenossInnen aus dem Ort werden in den nächsten Tagen ein Straßenfestival organisieren, das dort in jedem Jahr Ende April stattfindet und auch eine Antwort auf die geplante Nazidemonstration zum 1. Mai sein wird und ebenfalls gegen eine für die erste Maiwoche geplante Waffenmesse.

Nach einer über sechsstündigen Busreise kam ich am 1.4. nach Banska Bystrica, einer Stadt mit ca. 30.000 EinwohnerInnen, das slovakische Herz der Antinazierhebungen von 1944. Die Stadt liegt in einem Bergbaugebiet am Fuß der Karpaten. Einige der GenossInnen dort sind in einer Band (Ska, wenn ich mich recht erinnere), die Toy Pistols, die in ihrem Repertoire Texte mit starkem politischen Engagement haben. Das Treffen fand im Kulturzentrum statt und ca. 20-25 junge und sehr junge GenossInnen nahmen teil. Die der Einleitung folgenden Fragen kamen zu Themen wie Umwelt, möglicher Bündnisse mit autoritären linken Gruppen bei Aktionen und es gab großes Interesse an Selbstverwaltung und alternativem Leben in Italien. Um antiklerikale (insbesondere gegen die römisch-katholische Kirche gerichtete) Propaganda zu entwickeln, wurde darauf hingewiesen, daß es zahlreiche Texte auf italienisch gibt, die aber auf englisch übersetzt werden müssen, um slovakische LeserInnen zu erreichen; bisher gibt es nur wenige englische Texte und gar keine in slovakischer Sprache.

Die letzte Veranstaltung war am 2.4. in Bratislava, der Hauptstadt von Slovakien mit Universität, wo auch neulich das Treffen Putin-Bush stattgefunden hatte, das von resoluten DemonstrantInnen gestört werden konnte, die bis auf Rufweite herankamen. Lokale AktivistInnen und andere SlovakInnen und TschechInnen verbreiten auch eine Zeitung "Podaj Delaj" (etwa: Her damit). Unsere Veranstaltung fand in einem studentischen Sozialen Zentrum statt und es nahmen ca. 20 Personen teil. Gerade, als wir die Uni betraten, bekamen wir mit, daß Polizisten eine Food-not-Bombs-Gruppe zum Gehen aufforderten, die dort eine Aktion in Solidarität mit den Obdachlosen durchführten wollte, mit der Begründung, sie seien zu dieser Aktion nicht befugt. Neben den bereits zuvor diskutierten Themen wurde hier insbesondere die Frage besprochen, wie mensch es schaffen kann, die ältere Generation zu erreichen und mit welchen Botschaften, da der Anarchismus hier ausschließlich unter Jugendlichen und StudentInnen verbreitet ist, während Erwachsene fehlen [A.d.Ü.: sorry, stand da wörtlich so].

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß ich bei mehreren Gelegenheiten gefragt wurde, ob ich von einer Organisation finanziert werde und ob sich diese auf andere osteuropäische Staaten erweitern wolle. Diese Fragen sind mehr als angebracht, da allein schon 250 Euro an Reisekosten anfielen (Kost und Logis wurde von den organisierenden Gruppen bereitgestellt) und daß es sehr notwendig ist, die Ideen und Praktiken des Anarchismus auch in anderen Ländern zu verbreiten. Ich erklärte, daß ich auf persönliche Einladung da sei und daher diesmal die Kosten selber trüge, aber daß es zukünftig möglich sei, daß die FAI oder eine andere Föderation oder auch die IFA die Finanzierung und Organisation von Vortragsreisen übernehmen könnte.

Alfonso Nicolazzi (of CRIFA Italy), April 2005.

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